Stand: 01.09.2017 18:15 Uhr

Röntgenlaser European XFEL kann loslegen

Sein Licht soll die Wissenschaft weltweit entscheidend voranbringen: Nach achtjähriger Bauzeit ist am Freitagnachmittag der Röntgenlaser European XFEL in Schenefeld bei Hamburg offiziell eröffnet worden. In der 3,4 Kilometer langen Tunnelanlage zwischen Hamburg-Bahrenfeld und Schenefeld werden ultrahelle Blitze erzeugt. Auf Bildern und 3D-Filmen sollen dadurch kleinste Strukturen und chemische Prozesse sichtbar werden. Zwei Wissenschaftler des Deutschen Elektronen-Synchrotrons (DESY) in Hamburg sowie Forscher aus Russland und Großbritannien sollen Mitte September dort die ersten Experimente durchführen.

"Strahlkraft kann mit Elbphilharmonie mithalten"

"Mit dem European XFEL ist eine weltweit einzigartige Anlage der Spitzenforschung entstanden, die bahnbrechende Erkenntnisse über die Nanowelt verspricht", sagte Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) zur Eröffnung. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) fügte hinzu: "Hamburg ist jetzt weltweit einer der wichtigsten Standorte in der Röntgenlaserforschung und werde dies für lange Zeit auch bleiben." Schleswig-Holsteins Wissenschaftsministerin Karin Prien (CDU) verglich XFEL mit einem anderen Vorzeigeprojekt der Hansestadt: "Die Strahlkraft dieser Elbphilharmonie der Teilchen kann sehr wohl mithalten mit der Strahlkraft der Elbphilharmonie in der Welt der Musik und der Architektur."

Andrej Fursenko, Vertreter des russischen Präsidenten Wladimir Putin, betonte die internationale Zusammenarbeit trotz vorhandener Spannungen: "Wir sind nicht nur Nachbarn, wir sind Verwandte." Kanzlerin Angela Merkel und Putin hätten gemeinsam für den Erfolg des Projekts gesorgt und Finanzierungsprobleme gelöst.

Mehrere Länder beteiligt

Russland ist mit 27 Prozent nach Deutschland (58 Prozent) der größte Geldgeber für das Projekt, das 1,2 Milliarden Euro gekostet hat. Insgesamt sind elf Länder daran beteiligt. Das Großprojekt arbeitet eng mit DESY und weiteren internationalen Forschungseinrichtungen zusammen.

Lasergrüße aus ganz Hamburg

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Laser-Gruß von der Elbphilharmonie an den Röntgenlaser European XFEL.

Um auf die Eröffnung aufmerksam zu machen, hatte die Stadt Hamburg am Montag einen Countdown gestartet: Ein Laserstrahl leuchtet von der Elbphilharmonie bis nach Schenefeld - und auch von anderen Gebäuden in der Stadt wurden Lasergrüße geschickt.

In der Betonröhre, die 3,4 Kilometer lang unter der Erde verläuft, werden Elektronen annähernd auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und so geschickt gelenkt, dass Lichtblitze von extremer Intensität entstehen - bis zu 27.000 pro Sekunde. Daraus resultiert eine Leuchtstärke, die milliardenfach höher ist als die bisher besten Röntgenstrahlungsquellen. Damit wollen internationale Wissenschaftlerteams kleinste Strukturen abbilden.

Atome als Filmobjekte

Werden Materialproben damit durchleuchtet, entstehen wie in einer Kamera einmalig genaue Momentaufnahmen von kleinsten atomaren Strukturen. Auf diese Weise ermöglicht es der European XFEL sogar, die Vorgänge in und zwischen einzelnen Atomen während chemischer Reaktionen zu filmen oder extrem detaillierte Bilder von Viren und Molekülen anzufertigen.

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Spitzenforschung in Hamburg: Mit dem weltweit stärksten Röntgenlaser European XFEL wollen Wissenschaftler kleinste Teilchen erforschen. Video (01:43 min)

Das bietet Wissenschaftlern aus verschiedenen Bereichen bisher nicht da gewesene Möglichkeiten. Mediziner könnten beispielsweise erstmals filmen, wie ein Virus eine Zelle befällt. Solch genaue Beobachtungen könnte man für die Entwicklung neuer und personalisierter Medikamente nutzen. Biochemiker könnten untersuchen, wie Pflanzen mit der Photosynthese Licht und Wasser zu Energie machen - um so eventuell Kraftwerke entwickeln, die nebenbei unsere Luft vom schädlichen Kohlendioxid befreien. Physiker könnten durch den genauen Blick in das "Molekül-Kino" Ideen für stärkere Akkus oder kleinere Datenspeicher entwickeln.

Forscher müssen sich bewerben

Viele Forscher wollen nach Hamburg kommen, um mit XFEL zu arbeiten, doch vorher müssen sie sich bewerben. Ein internationales Expertengremium entscheidet, wer die begehrten Plätze bekommt. Die erfolgreichen Bewerber dürfen jeweils für einige Tage die Experimentierhalle in Schenefeld nutzen - und zwar kostenlos, sofern die Ergebnisse veröffentlicht werden.

Der Röntgenlaser European XFEL

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 01.09.2017 | 18:00 Uhr

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