Stand: 23.02.2016 14:59 Uhr

Putin polarisiert bei den Russen fern der Heimat

von Elisabeth Weydt, NDR Info

Die Spannungen zwischen Russland und dem Westen werden immer greifbarer, immer häufiger ist von einem neuen Kalten Krieg die Rede. Gerade ist Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zu Besuch in Kiew, um in diesem Punkt der kriselnden Ost-West-Beziehungen zu vermitteln. Wie aber gehen Russen, die hier in Norddeutschland leben, mit den gesteigerten Spannungen um? NDR Info hat mit einem Putin-Kritiker und einer Putin-Anhängerin gesprochen.

Bild vergrößern
Die Gespräche von Wladimir Papkov (l.) und seinen Freunden drehen sich unter anderem um die Situation im Russland-Ukraine-Konflikt.

Wladimir Papkov ist bei Freunden im Hamburger Norden zu Besuch. Unter Gemälden von russischen Landschaften unterhalten sie sich über Politik. Der 47 Jahre alte Papkov ist Unternehmer, Vater von fünf Kindern, und im Vorstand der Deutsch-Russischen Gesellschaft. Momentan, so lässt er durchblicken, gehe es ihm nicht gut: "Wladimir Putin hat meine russische Identität geklaut. Denn momentan sieht die ganze Welt einen Russen als aggressives Tier. Aber das ist nicht wahr. Ich gehöre nicht dazu."

Die Spannungen spürt Papkov auch in seiner Familie. Meistens entzündeten sie sich am Russland-Ukraine-Konflikt, erzählt er: "Wir können nicht mehr normal miteinander reden. Wir streiten, in einer Familie herrscht schon fast Krieg. Wir haben verschiedene Meinungen. Wir sagen: 'Was Russland in der Ukraine gemacht hat, ist Aggression, das können wir nicht akzeptieren.' Aber für viele meiner Verwandten ist das in Ordnung. Sie sagen: 'Weiter so.'"

"Für mich ist diese Situation eine große Schande"

In Gesprächen mit Deutschen trifft der russische Unternehmer vor allem auf Unverständnis. "Ich habe neulich mit einem Bekannten gesprochen. Er hat mich gefragt: 'Wladimir, Du bist auch Wladimir, wie Putin. Sag mal, vielleicht verstehst Du besser, was Putin in Syrien macht?' Ich habe zu ihm gesagt: 'Das tue ich nicht, ich bin nicht dafür verantwortlich'", erzählt Papkov. "Für mich ist diese Situation eine große Schande. Es ist sehr, sehr schmerzhaft, was da passiert. Jeden Tag töten russische Waffen Menschen. Der Krieg ist nicht nur in Syrien. Der Krieg ist im Kopf, in der Seele. Auf welcher Seite stehe ich? Bin ich überhaupt noch ein Russe?"

Vorwürfe an die russischen Medien ...

Der 47-Jährige hofft, dass Russland und Europa sich wieder annähern - nicht nur wegen seiner Geschäftsbeziehungen, die momentan ins Stocken geraten sind: "Wir leben so nah beieinander! Was ist ein Flug von zwei Stunden? Das ist ein Raum, ein Lebensraum. Es geht nicht um einen leeren Ort. Wir sind Europa! Dazu gehört auch russische Kultur. Russische Werte gehören zur europäischen Zivilisation wie andere auch."

Einen Grund für die gesteigerten Spannungen sieht der in Hamburg lebende Russe auch in den Medien in seiner Heimat: "In den 90er-Jahren hatten wir Meinungsfreiheit und Medienfreiheit in Russland. Aber was im Moment passiert, ist unglaublich: Es geht zurück zu sowjetischer Rhetorik, ja man muss sagen: Propaganda."

... und Vorwürfe an die deutschen Medien

Bild vergrößern
Schulleiterin Alla Sytnik hat in ihrer Schule verboten, dass über Politik gesprochen wird.

In der Hamburger Privatschule Teremok lernen knapp 300 Kinder und Jugendliche die russische Sprache sowie Literatur und Musik aus der Heimat ihrer Eltern und Großeltern kennen. Alla Sytnik ist die Schulleiterin - und auch sie macht die Medien mitverantwortlich für die kriselnden Ost-West-Beziehungen. Allerdings die deutschen Medien: "Wenn ich Nachrichten sehe und jemand spricht in der Ukraine, kann ich ganz genau verstehen, was sie sagen, denn ich spreche sehr gut Ukrainisch. Und dann sehe ich, sie sagt das eine, aber die Medien übersetzen und schneiden ihre Worte mit ganz anderer Bedeutung. Das geht gar nicht, aber das sehe ich oft bei deutschen Nachrichten. Russische Programme habe ich auch. Und alles, was sie über Deutschland erzählen, ist die Wahrheit."

Keine Diskussionen in der Schule

Sytnik glaubt deshalb auch nicht der deutschen Polizei, sondern den russischen Medien, wenn die von dem angeblich vergewaltigten russischen Mädchen in Berlin erzählen. Die Polizei hatte das Gerücht dementiert. In ihrer Schule hat Schulleiterin Sytnik verboten, über Politik zu sprechen. Das führe nur zu Streit, sagte sie: "Wir arbeiten mit Kindern. Kinder müssen unserer Meinung nach in einer Atmosphäre aus Liebe aufwachsen. Da gibt es keine Politik, da gibt es keine Nationalität. Kinder müssen lernen: 'Egal, wer bist Du, Du bist ein Mensch.'" Manche Eltern bringen laut der Lehrerin Zeitungen mit in die Schule: aus der Ukraine, aus Deutschland, aus Russland. "Dann versuchen sie hier im Wartezimmer zu diskutieren. Jeder hat eine andere Meinung. Der eine sagt: 'Ja, Ukraine hat Recht, Amerika hat Recht. Russland hat kein Recht.' Der andere sagt: 'Nein, Russland hat Recht.' Was kommt dann? Dann kommt Streit. Was sehen die Kinder? Wir möchten das nicht."

"Ich wünsche Putin ein langes Leben"

Die Russin Sytnik wünscht sich wie ihr Landsmann Papkov die Freundschaft zwischen Russland und Europa zurück. Im Gegensatz zu ihm aber vertraut sie dabei Russlands Präsident Putin: "Ich weiß, was Putin für unser Land gemacht hat. Dieser Mensch macht alles für dieses Land. Als ich nach Deutschland umgezogen bin, war ich 24. In meiner Familie waren drei Kinder. Und ich weiß, wie schwer es damals war, was für ein Land das war. Er hat sehr viel gemacht in so kurzer Zeit. Ganz große Arbeit. Ich habe vor ihm ganz großen Respekt und ich wünsche ihm viel Gesundheit und ein langes Leben."

Kommentare

Putin am Ziel seiner außenpolitischen Träume

23.02.2016 17:08 Uhr
NDR Info

Russland und die USA haben sich auf eine Waffenruhe in Syrien geeinigt. Ein echter Fortschritt? Nein, kommentiert Bernd Großheim. Wladimir Putin werde auf seine Art Fakten schaffen. mehr

Auf syrischem Boden kann die Türkei nur verlieren

15.02.2016 17:08 Uhr
NDR Info

Die Türkei und Russland heizen mit ihrem momentanen Verhalten die Lage in Syrien immer weiter an. Die Türkei könne dabei nur verlieren, meint Reinhard Baumgarten im Kommentar. mehr

Russland macht den Westen ratlos

14.02.2016 18:30 Uhr
NDR Info

Die Syrien-Krise war das beherrschende Thema der 52. Sicherheitskonferenz in München. Besonders die russische Rolle sorgt für Diskussionen. Ein Kommentar von Kai Küstner. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 23.02.2016 | 07:20 Uhr