Stand: 18.02.2016 15:13 Uhr

Patrycia freut sich auf ein Jahr in Polen

Amerika, England, Neuseeland oder Australien. Es sind vor allem die englischsprachigen Länder, die bei Schülerinnen und Schülern für ein Austauschjahr hoch im Kurs stehen. Doch für viele Jugendliche bleibt ein solches Jahr im Ausland ein Wunschtraum, denn 95 Prozent aller Austauschschüler sind Gymnasiasten. Genau dort setzt die Kreuzberger Kinderstiftung an, die gezielt Schüler mit Realschulabschluss fördert. In diesem Jahr erstmals bundesweit.

Bild vergrößern
Patrycia Skopinski schreibt schon ihre Packliste: Die 16-jährige Hamburgerin geht im Sommer für ein Jahr nach Polen.

Patrycia Skopinski aus Hamburg kümmert sich gerne selbst um ihre Angelegenheiten. Eine Stärke von ihr sei das Organisieren, sagt sie über sich selbst. Außerdem hat die 16-jährige noch ein ganz spezielles Hobby: Sie liebt K-Pop. "K-Pop ist koreanische Musik, die auch englische Elemente besitzt", erklärt sie. Seit Kurzem lernt sie im Selbststudium sogar koreanisch. Sie hatte auch überlegt, ein Austauschjahr in Korea zu verbringen. Doch dann entschied sich die Stadtteilschülerin für Polen - das ist die Heimat ihrer Eltern: "Es liegt eigentlich daran, dass ich von diesem Land kaum was weiß. Die polnischen Traditionen werden bei uns auch nicht gerade so durchlebt. Das finde ich halt sehr traurig, denn ich möchte das meinen Kindern später auch weitergeben, und für mich selbst auch haben."

Förderung für Jugendliche, die Lust aufs Ausland haben

Bild vergrößern
Alexander Thamm von der Kreuzberger Kinderstiftung würde sich über mehr Nachfrage auch aus Schulen in Norddeutschland freuen.

Weil das Geld knapp ist, fürchtete Patrycia jedoch, auf ihr Austauschjahr verzichten zu müssen. Doch dann suchte sie mit ihren Eltern im Internet. Dort stieß die Familie auf die Kreuzberger Kinderstiftung. Sie ist nach eigenen Angaben die einzige Stiftung in Deutschland, die ausschließlich Mittel- und Realschüler fördert. Das habe einen guten Grund, sagt Geschäftsleiter Alexander Thamm: "Es gibt sehr viele Stipendien, aber dort gewinnen meistens die Gymnasiasten. Die Kinder aus anderen Schultypen werden durchgängig benachteiligt."

Die Stiftung aus Berlin hat laut Thamm einen anderen Ansatz: "Wir gucken nicht auf die Noten, und wir wollen nicht den leistungsstärksten, 15 Mal in irgendwelchen Vereinen engagierten Schüler. Wir wollen einfach Jugendliche, die Lust haben ins Ausland zu gehen. Wenn die Familie es nicht selbst zahlen kann und auch die staatlichen Mittel nicht ausreichen, dann werden wir tätig."

Nach ist die Nachfrage gering

Doch das Geld loszuwerden ist offenbar aber gar nicht so einfach. Thamm berichtet, dass längst nicht jedes Bundesland in der Förderung des Austauschprogramms der Kreuzberger Kinderstiftung so engagiert sei wie zum Beispiel Hamburg. Dort hat die Behörde alle Schulen angeschrieben, der Senator die Schirmherrschaft übernommen - und die Hansestadt bietet sogar selbst auch finanzielle Hilfe an. Über ähnliches Engagement beim Bekanntmachen seines Angebots würde sich Thamm auch aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein freuen, wo es viele Realschulen gebe - aber bisher nur wenige Bewerber: "Da ist noch viel mehr Potenzial. Bestimmt sind dort noch viel mehr Jugendliche, die auch gerne von uns wissen würden, denn dann würden sie ins Ausland gehen."

Auslandsjahr auch eine Alternative für Berufsschüler

Immer wieder stößt die Stiftung aber gerade bei den Eltern von Real-, Stadtteil- oder Gesamtschülern auf Vorbehalte. Viele würden es lieber sehen, wenn ihr Kind erstmal eine Ausbildung macht. Darauf hat die Stiftung reagiert und bietet erstmals auch Stipendien mit Praxisbezug an. "Jugendliche können ins europäische Ausland gehen und dort an berufsschulähnlichen Schulen das Jahr verbringen. Dort ist mindestens die Hälfte Praxisorientierung. In Norwegen kann man sich zum Beispiel auf I-Berufe vorbereiten, in Frankreich aufs Kochen", erklärt Thamm.

Die 16-jährige Patrycia Skopinski wird in Polen ganz normal die Schule besuchen. Obwohl es erst nach den Sommerferien losgeht, ist sie schon jetzt richtig aufgeregt: "Ich habe auch schon angefangen, meine Packliste zu schreiben. Ich rede nur noch davon, wirklich."

Weitere Informationen

Bildungsreport

NDR Info

Im NDR Info Bildungsreport werden neue Entwicklungen in Schulen und Hochschulen unter die Lupe genommen. Er begleitet außerdem ausführlich bildungspolitische Diskussionen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Bildungsreport | 20.02.2016 | 19:20 Uhr