Stand: 16.10.2013 12:17 Uhr

Nichts hören, nichts sehen: Taubblind leben

von Florian Wöhrle, NDR.de

Wie begrüßt man eine Fremde, die weder sehen noch hören kann? Die Entscheidung wird abgenommen: "Hallo, ich bin Susanne Schnaus", sagt sie leise und streckt ihre schmale Hand an der Haustür entgegen. Der dichte schwarze Pony erinnert an eine Indianerin, der leicht auseinanderdriftende Blick gibt ihr einen verschmitzten Ausdruck. Susanne Schnaus ist 47 Jahre alt und eine von etwa 6.000 taubblinden Menschen in Deutschland. Zusammen mit Ehemann Christian wohnt sie in einer kleinen Wohnung im Osten Hamburgs.

Der Alltag einer Taubblinden

Tagsüber allein zu Hause

Ein Alltag in Dunkelheit und Stille: Wie kann das funktionieren? "Meine Frau kocht, wäscht und putzt, wenn ich tagsüber bei der Arbeit bin", sagt Grundschullehrer Christian Schnaus. Und mit einem Zwinkern: "Wir haben also die klassische Rollenverteilung". Während er redet, tanzen seine Fingerspitzen rasend schnell über die auf seinem Bein ruhende Hand seiner Ehefrau. Was wie ein Geheimcode anmutet, nennt sich Lormen und ist das Dolmetschen für Taubblinde. Jede Berührung auf der Handfläche entspricht einem Buchstaben, und so übersetzt der 45-Jährige Sätze Wort für Wort in überraschend schnellem Tempo.

Susanne Schnaus kann nicht hören und nicht sehen, aber sprechen: "Meine Mutter hatte Röteln, als sie schwanger war", sagt sie langsam und mit verwaschener Aussprache. "Ich bin seit der Geburt taub." Als Kind besucht sie eine Gehörlosenschule in der Pfalz, doch bald stellen sich Probleme ein, weil sie immer schlechter sieht. Die Diagnose lautet Netzhautschwund. Mit zehn Jahren teilen ihr die Lehrer mit, dass sie die Schule verlassen müsse, weil sie kaum noch lesen kann. "Ein halbes Jahr war ich auf keiner Schule, weil niemand wusste, wo ich hin soll."

Zivi verliebt sich in "ansteckende Fröhlichkeit"

Dann bekommt sie einen Platz an der Taubblindenschule in Hannover, wo sie ohne Eltern hinzieht. Mit 14 Jahren erblindet sie fast vollständig. Nur hell und dunkel kann sie noch unterscheiden und mit einem Hörgerät laute Geräusche dumpf wahrnehmen. Sie macht eine Ausbildung als Korbflechterin und lernt 1988 in der Werkstatt in Hannover den Zivildienstleistenden Christian kennen. "Sie hat eine ansteckende Fröhlichkeit und Kraft in sich. Und sie ist hartnäckig", sagt er. Die beiden verlieben sich, heiraten und ziehen nach Hamburg.

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Stiller Protest gegen die "Isolationshaft": Etwa 600 Menschen demonstrierten vor dem Reichstagsgebäude in Berlin für mehr Rechte für Taubblinde.

"Am schönsten ist es am Plantschbecken im Stadtpark", sagt Susanne Schnaus. Sie genießt die Nähe von Wasser und Kindern. Und sie fährt gern Fahrrad - als Beifahrerin ihres Mannes auf dem Tandem. Doch ihre liebste Beschäftigung ist das Reiten: Möglichst jede Woche fährt sie nach Elmenhorst in Schleswig-Holstein, wo sie an einem therapeutischen Reittraining teilnimmt. Doch weil ihr Mann sie nur selten begleiten kann, ist die 47-Jährige auf fremde Hilfe angewiesen: Für zehn Euro die Stunde engagieren die beiden immer wieder Unterstützung. Die sogenannten Assistenten sind häufig Studenten der Sonderpädagogik, die das Lormen schon etwas beherrschen. Ein echter Lormen-Dolmetscher würde dagegen mehr als 50 Euro pro Stunde verlangen.

Taubblinde existieren offiziell gar nicht

"Meine Frau bekommt vom Amt 478 Euro Blindengeld. Das ist alles", erklärt Christian Schnaus. "Für die Summe können wir uns zehn Stunden Assistenz in der Woche leisten. Das ist viel zu wenig." Taubblinde Menschen kämpfen schon seit Langem für eine bessere finanzielle Ausstattung. Betroffenenverbände fordern unter anderem, dass Taubblinde endlich ein spezielles Merkzeichen "Tbl" im Schwerbehindertenausweis erhalten, um bei Behörden schneller belegen zu können, dass sie besondere Hilfsmittel und Assistenz benötigen. "Offiziell existieren Taubblinde bisher nicht", beklagt der 45-Jährige. "Auch die Krankenkassen verstehen oft nicht, was benötigt wird. Zum Beispiel wurde meiner Frau zuerst nur eine Blitzlicht-Türklingel für Gehörlose genehmigt, mit der sie gar nichts anfangen kann."

Anfang Oktober demonstrierten etwa 600 Menschen in Berlin für eine angemessenere Ausstattung der Taubblinden mit Assistenten. Auch Susanne Schnaus war dabei - ohne ihren Mann. "Ich reise gern", sagt die 47-Jährige. Sie hat Freunde in ganz Deutschland, mit denen sie über E-Mail selbstständig kommuniziert. Eine besondere Ausstattung ihres Computers mit einer sogenannten Braille-Zeile, die Texte in Blindenschrift darstellt, macht es möglich. Für das Reisen mit der Bahn benötigt sie nur jemanden, der sie zum Bahnhof bringt und in den richtigen Zug setzt und am Ankunftsort in Empfang nimmt. Im Zug zählt sie die Haltestationen und vergleicht die Ankunftszeiten mit der Uhrzeit, die sie auf ihrer speziellen Armbanduhr erfühlt.

Noch ein Hobby: Reisen - auch allein

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Susanne Schnaus liebt Indianer: In der Küche hängt ein Poster ihres Lieblingsfilms "Der mit dem Wolf tanzt".

"Das klappt eigentlich hervorragend, allerdings kann sie nur Verbindungen ohne Umsteigen nutzen", sagt Ehemann Christian. Einmal gab es aber doch Probleme: Ein Zug nach Frankfurt musste vorzeitig an einem anderen Bahnhof halten. Susanne Schnaus stieg aus und wartete vergeblich auf ihr Empfangskomitee. Zwar hatte sie einen Zettel mit ihrem Namen und ihrem Ziel dabei, es verging aber einige Zeit, bevor sich ein Fremder um sie kümmerte. Durch das Erfühlen der Uniform erkannte sie ihn als Polizisten, ließ sich mitnehmen und schließlich in der Bahnhofsmission abliefern, wo ihr geholfen werden konnte.

Ihre Reiselust brachte sie auch schon in die USA: Das Ehepaar flog zuletzt nach New Mexico in den Urlaub. Dort besuchte es unter anderem eine Höhle und gleich dreimal ein Indianermuseum. "Ich mag Indianer", sagt Susanne Schnaus. In der Küche hängt ein Poster ihres Lieblingsfilms "Der mit dem Wolf tanzt", das Westerndrama mit Kevin Kostner. Eine Taubblinde hat einen Lieblingsfilm? "Ich gehe gern ins Kino", sagt die 47-Jährige mit einem Lächeln. Dann allerdings nicht allein - gleich zwei Begleiter sind nötig, um die Handlung in ihre Hände zu dolmetschen. Bei dem Indianerepos war das Schwerstarbeit: Der Film dauert mehr als drei Stunden.