Stand: 14.01.2016 11:58 Uhr

Neuenfelde: Neubeginn in der "Geisterstadt"

von Daniel Sprenger, NDR.de

Manfred Hoffmann ist so etwas wie der Chronist des Verfalls. Im Schritttempo fährt er durch Hamburg-Neuenfelde, zeigt auf verschiedene Häuser in der Hasselwerder Straße und sagt Sätze wie: "Nummer 128: schlechter Bauzustand, sanierungsbedürftig, nicht bewohnbar." Weiß er bei einem Objekt nicht auf Anhieb, wie es darum steht, so schaut er in seiner Liste nach. Dort hat er jedes der einstmals 67 leer stehenden Häuser in dem Stadtteil aufgeführt - mit Foto, einer Zustandsbeschreibung in Stichworten und dem Zeitpunkt, zu dem es von der Stadt aufgekauft wurde. Denn dieser 2002 begonnene Aufkauf hatte nur ein Ziel: den Leerstand. Damit die früheren Besitzer oder mögliche Mieter nur ja nicht gegen die neue, nun bis auf wenige Hundert Meter an das Dorf heranreichende Landebahn des benachbarten Airbus-Werks in Finkenwerder klagen, sollten sie sich durch den Fluglärm der landenden Transportmaschinen gestört fühlen.

Rundgang zwischen Verfall und Neubeginn

Damit die Leere nicht einfriert

Über Sinn und Unsinn des Häuseraufkaufs

Die Stadt hat von 2002 bis 2006 insgesamt 67 Häuser in Neuenfelde gekauft und leer stehen lassen. "Dadurch sollte verhindert werden, dass dort private Mieter übermäßigem Fluglärm ausgesetzt werden bzw. gegen die Stadt oder Airbus klagen mit dem Ziel, die planfestgestellte Werkserweiterung durch Klagen weiter zu verzögern", hieß es 2011 dazu aus der Wirtschaftsbehörde. Ein Lärmgutachten aus dem Jahr 2010 kam jedoch zu dem Schluss, dass die Häuser "grundsätzlich privat vermietet werden können, ohne gesundheitliche oder ansonsten nicht hinnehmbare Lärmbeeinträchtigungen zu verursachen und ohne die Investitionen in die Werkserweiterung einem erhöhten Klage- und Abwehrrisiko auszusetzen."

Der bewusste Leerstand als besonders absurde Form der Wirtschaftsförderung machte überregional Schlagzeilen, von der "Geisterstadt Neuenfelde" war die Rede - und von irrwitzigen Ideen, diesen Zustand zu überspielen. So wurden in den verlassenen Häusern Zeitschaltuhren eingebaut, am frühen Abend ging das Licht an, am späten Abend wieder aus. Ein Hausmeisterdienst sorgt bis heute dafür, dass im Sommer der Rasen gemäht wird und im Winter die Heizungen funktionieren. Rasen, auf dem keine Kinder spielen und Heizungen, die dafür sorgen, dass die Leere nicht einfriert. Zudem Plastikblumen im Fenster, vor mit ordentlichen Falten versehenen, nur längst vergilbten Gardinen. Zeitungen, die im Briefkasten gelb geworden sind; Gas-Ablesekarten, die monatelang an den Türen hängen; Unkraut und Dreck im Eingangsbereich: Bei allen Anstrengungen, Leben vorzutäuschen, fällt doch sofort auf, dass irgendetwas nicht stimmt.

Das ging auch Sabine Heinemann so. "Wir waren hier oft mit Inline-Skates unterwegs", sagt sie. Die kleine Ortschaft hinter dem Deich, umgeben von Apfelbaumplantagen, dicht an der Elbe und doch nicht allzu weit von ihrem Arbeitsplatz in Altona, hatte es ihr und ihrem Lebensgefährten Jürgen Hamerski sofort angetan. Die beiden wollten raus aus der Stadt, raus aus Winterhude. "Wir haben uns nur gefragt, warum so viele Häuser hier leer sind", erinnert sich Heinemann. "Bis wir dahintergekommen sind, dass das Absicht ist", ergänzt Hamerski.

Nach Lärmgutachten: Das Leben kehrt zurück

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Jürgen Hamerski und Sabine Heinemann sind 2012 nach Neuenfelde gezogen. Mittlerweile haben sie sogar Nachbarn bekommen.

Eine Absicht, die seit einem Lärmgutachten nicht mehr fortbesteht. Denn darin wird Entwarnung gegeben: Der Fluglärm ist gar nicht so groß, dass er gesundheitlich bedenklich wird oder deswegen ein Klagerisiko besteht. Daher bemüht man sich seit 2011 vonseiten der Stadt um eine Neuvermietung - so denn der nach einem Jahrzehnt des Leerstands nicht gerade besser gewordene Bauzustand der Häuser dies zulässt. Heinemann und Hamerski gehörten zu den ersten, die die verlassene Siedlung hinter dem Deich wiederbelebten. 2012 sind sie in ein rotes Backsteinhaus an der Hasselwerder Straße eingezogen. "Am Anfang hatten wir gar keine direkten Nachbarn", erinnert sie sich an die ersten Monate.

Doch jetzt, genau fünf Jahre nach Beginn der Wiedervermietung, hat sich die Umgebung ihres Hauses verändert. "Die nächsten drei Häuser sind wieder bewohnt", sagt Hamerski. "Bis 2015 wurden im Auftrag des städtischen Immobilienmanagements 29 Häuser von der SAGA saniert" sagt SAGA-Sprecherin Kerstin Matzen. Weitere sechs sollen demnächst folgen.