Stand: 06.03.2016 10:12 Uhr

Nachbarschaftsportal holt das Dorf in die Stadt

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Marketing-Gag: Per Handzettel lädt nebenan.de die Nachbarn in das Portal ein.

Beim Bäcker oder im Drogeriemarkt sind sich Sigrid, Bastian, Ruth und Sara wahrscheinlich schon zigmal begegnet - ohne sich zu grüßen. Denn obwohl sie in Hamburg am Schlump im Radius von nur einigen Hundert Metern leben, kennen die Nachbarn einander nicht. Wie so oft in Städten.

Doch seit einigen Tagen ist alles anders, tauschen sie sich rege aus, denken sogar über ein Stadtteilfest nach. Zumindest online, denn die Plattform nebenan.de hat sie zusammengebracht und der anonymen Nachbarschaft ein Gesicht gegeben. Sigrid sucht einen Sitter für ihre Katze "Feli". Bastian will nach Feierabend endlich mal wieder kicken gehen und fragt, wer Lust hat mitzukommen. Ruth hat einen Abnehmer für ihren Barhocker gefunden und Sara hofft, den Besitzer eines Schlüssels auszumachen, den sie auf der Hundewiese entdeckt hat.

Facebook vernetzt die Welt - nebenan.de das Viertel

Über die Nachbarschaftsplattform können sich Menschen kennenlernen, Tipps austauschen, unterstützen und Dinge ausleihen. Das Prinzip ist bekannt. Aber so hyperlokal wie nebenan.de war noch keine Seite angelegt. Anders als Facebook vernetzt nebenan.de nicht weltweit Menschen, die sich zumindest über Ecken kennen, sondern Fremde in ihrem gemeinsamen Kiez.

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150 Nachbarschaften sind bei nebenan.de bereits aktiv - 13 davon in Hamburg. Das Gebiet "Am Schlump" umfasst etwa 2.500 Haushalte.

Nebenan.de arbeitet mit Kleinsteinheiten. Menschen haben immer weniger Kontakt in ihrem Haus, ihrer Straße oder ihrem Viertel. Dem will die Seite entgegenwirken. "Online Impulse geben, um sich im echten Leben zu begegnen", sei die Idealvorstellung ihres Portals, erklärt Mitgründerin Ina Brunk.

Das Netzwerk "Am Schlump", in dem Sigrid, Bastian, Ruth und Sara kommunizieren, umfasst knapp 2.500 Haushalte im südlichen Teil von Eimsbüttel. Über 190 Anwohner haben sich schon registriert und es werden täglich mehr. Es scheint ein Bedürfnis nach dörflichen Strukturen in der Stadt zu geben. Für Außenstehende ist die Gemeinde "Schlump" nicht einsehbar. Die Begrenzung des Gebietes mit festgelegt hat Holger.

Nähe ohne sich auf die Pelle zu rücken

Holger wohnt passenderweise in der Straße "Beim Schlump" und fungiert als Botschafter für das neue Gebiet. Ein Initiator vor Ort ist immer die Voraussetzung dafür, dass ein neuer "Nebenan-Stadtteil" gegründet wird. Holger ist mit einem der Macher von nebenan.de befreundet und war neugierig, als dieser von seiner neuen Plattform berichtete. "Ich wohne seit Jahren in diesem Viertel, aber auf dem jährlichen Straßenfest kenne ich maximal drei Menschen." Er findet gut, sich zu vernetzen. Sein Wunsch: "Sich ähnlich wie auf dem Dorf nahe kommen, ohne sich auf die Pelle zu rücken."

Als Botschafter ist Holger auch derjenige, der unter dem Einladungsschreiben grüßt, das die Bewohner "Am Schlump" vor einigen Tagen in ihren Briefkästen gefunden haben. Neben einem Link für die Anmeldung und einem Zugangscode steht darauf: "Wir wohnen hier und möchten unsere Nachbarn besser kennenlernen, um die Gemeinschaft zu stärken." Ganz so persönlich, wie es die Ansprache suggeriert, ist der Handzettel allerdings nicht. Der Text steht vorformuliert auf der Homepage bereit und die Zettel hat nicht Holger eingeworfen, sondern Aushilfen.

150 Nachbarschaften in wenigen Wochen

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Till Behnke, Ina Brunk und Christian Vollmann sind die Gründer der Nachbarschaftsplattform nebenan.de.

Ein Marketinginstrument also, hinter dem die Macher des Start-ups in Berlin stecken. 150 Nachbarschaften sind seit dem Starttermin im vergangenen Dezember bereits deutschlandweit aktiv. 13 davon in Hamburg. "Keine schlechte Bilanz", findet Mitgründerin Ina Brunk. Ihre Idealvorstellung von nebenan.de: "Online Impulse geben, um sich im echten Leben zu begegnen." In einigen Kiezen in Berlin hat es funktioniert: Ein Frühjahrsputz und ein Stammtisch wurden über die Plattform organisiert. Das Highlight: ein spontanes Picknick in einer Kirche mit über 60 Nachbarn.

Doch weshalb muss das Netz helfen, die Menschen zusammenzubringen? Würde nicht auch ein Aushang im Supermarkt reichen? "Das Internet lässt den Aufwand geringer erscheinen", erklärt der Kommunikationswissenschaftler Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut in Hamburg. Gerade Menschen in Städten lebten im Spannungsfeld zwischen Anonymität und dem Wunsch Teil eines sozialen Gefüges zu sein. "Plattformen wie nebenan.de übernehmen die Koordination. Ich muss nicht mehr von Haustür zu Haustür laufen und lerne trotzdem alle kennen", sagt Schmidt. Für ihn ist die Nachbarschaftsplattform nur ein weiteres Beispiel dafür, dass das Netz bestehende Verbindungen stärkt und neue schafft. Also nicht, wie das gängige Klischee behauptet, zur Isolation führt.

Netzwerk soll Profit bringen

Hinter den sozialen Ideen der nebenan.de-Macher stehen finanzielle Interessen. Spätestens wenn die Finanzierung über Investoren ausläuft, muss Geld verdient werden. Dafür sollen lokale Anbieter Anzeigen schalten können. Die Modedesignerin oder Physiotherapiepraxis erreichen so unmittelbar die Kunden vor Ort. "Für private Nutzer soll die Plattform aber kostenfrei bleiben", versichert Ina Brunk. Dafür darf der Austausch auf den Seiten nach dem ersten großen "Hallo" nicht einschlafen. Ob das klappt, muss sich erst zeigen. Der Hamburger Vorgänger niriu.de ist für eine solche Finanzierung nicht genug gewachsen und gescheitert.

Das Risiko sieht auch Sigrid. "Ich weiß nicht, ob eine Nähe so künstlich erzeugt und langfristig gepflegt werden kann", schreibt sie in einer Nachricht bei nebenan.de. Eine Sitterin für ihre Katze hat sie über die Plattform aber immerhin schon gefunden.

Link zur Plattform
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Dein Nachbar - das bekannte Wesen

Leihen, gemeinsam feiern, Infos austauschen: Auf der lokalen Plattform nebenan.de können sich Nachbarn vernetzen. extern

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