Stand: 27.03.2016 20:38 Uhr

Modell-Einrichtungen versorgen ältere Migranten

Wenn Migranten alt und pflegebedürftig werden, ist das für sie in Deutschland eine besondere Herausforderung. Hamburg hat nach Angaben des Statistischen Amtes von allen Bundesländern den höchsten Ausländeranteil unter Senioren, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtete. Zwei Pflegedienste haben Modellprojekte in der Altenpflege aufgebaut, die nach ihren Angaben bundesweit einmalig sind: eine türkische Demenz-WG im Stadtteil Wilhelmsburg sowie der "Orient-Bereich" eines Pflegeheims in Wandsbek.

Gebetsräume, arabische Schilder und vor allem Taktgefühl

Pflegeheime für türkische Angehörige eigentlich tabu

Rücksicht auf die anderen Kulturen muss dabei in der Pflege nicht nur bei der Sprache oder der Essenszubereitung genommen werden: Auch die in Deutschland übliche Form des Pflegeheims sei für Angehörige von Migranten eigentlich ein Tabu, erklärte Dogus Yagbasan, der stellvertretende Geschäftsführer des Gesundheits- und Pflegedienstes Multi-Kulti.

Der Pflegedienst betreibt in Wilhemsburg eine internationale Tagespflege und versorgt auch die Bewohner einer Demenz-Wohngemeinschaft im Haus Veringbeck: Acht Frauen und zwei Männer leben dort und alle haben einen türkischen Migrationshintergrund. Ihren Angehörigen müsse Yagbasan viel erklären, auch was es heißt in solch einer alternativen Wohnform zu leben: Die Bewohner haben eigene Zimmer, aber kochen und essen zusammen in Gemeinschaftsräumen.

Orientalisch gemusterte Treppengitter

Das Haus Veringeck wurde als Modellprojekt zur Internationalen Bauausstellung von 2013 errichtet. Wie andere Einrichtungen dieser Art ist es barrierefrei und altengerecht, im Stil allerdings lehnt es sich an die türkische Architektur an: Die Balkon- und Treppengitter sind orientalisch gemustert, es gibt einen Therapiegarten im Innenhof, neben dem Eingangsbereich ist ein Hamam, ein türkisches Dampfbad.

Wichtiger noch als das Gebäude sei die kultursensible Pflege, erklärte Yagbasan. Ein frommer Muslim zum Beispiel wäscht sich vor dem Beten unter fließendem Wasser. Ältere können dabei auf Hilfe angewiesen sein. Von den Helfern sei aber Taktgefühl gefragt, weil die Scham sehr groß sei. Ob eine Altenpflegerin ein Kopftuch trage oder nicht, sei nicht von Belang. Im Haus Veringeck könne jeder seine Glauben praktizieren, aber einen Gebetsraum gebe es nicht.

"Orient-Bereich" in Wandsbek

In Hamburg-Wandsbek ist das anders: Vor zwei Jahren hat der Betreiber Pflegen und Wohnen in einem Nebengebäude des Heims Am Husarendenkmal einen "Orient-Bereich" eröffnet. Zwei Zimmer wurden zu Gebetsräumen umgestaltet, einer für Frauen und einer für Männer.

Die vollstationäre Abteilung richtet sich an Menschen aus dem afghanisch-persischen Raum und hat insgesamt 26 Betten. Beschriftungen sind hier auch auf Arabisch, hinter dem großen Esstisch im Gemeinschaftsraum hängt ein Bild mit musizierenden und tanzenden Sufis aus Marokko. Derzeit leben hier zehn Frauen und neun Männer, aus Afghanistan, Iran, Pakistan, Syrien, Ghana und Deutschland.