Stand: 20.04.2015 07:04 Uhr

Leinen los für die "Sea-Watch" gen Mittelmeer

von Carolin Fromm, Carolin Fromm, NDR.de

"Vorleine los", ruft Ljubomir Filipović. Der Mann mit dem braunen Pferdeschwanz und dem dunkelblauen Seemannspullover schaut kurz aus der Tür der "Sea-Watch". Dann kehrt er an sein hölzernes Steuerrad zurück und lässt seinen kleinen blauen Kutter kräftig tuten. Alle sollen am Sonntagnachmittag hören, dass es los geht. Von Hamburg in Richtung Mittelmeer. Denn dort will die Crew bald Flüchtlinge retten.

"Man lässt die Menschen einfach ertrinken"

Die "Sea-Watch" begibt sich auf die Suche nach Menschen, die keinen anderen Ausweg aus ihrem Leid sehen, als den Weg über das Wasser. Viele von ihnen sagen sich: Lieber nur vielleicht im Meer ertrinken, als auf jeden Fall im Krieg getötet werden. Mehr als tausend Menschen sind wohl allein in der vergangenen Woche auf See gestorben. Filipović vermisst den politischen Willen, das zu verhindern. "Die Schiffe sind da, das Geld ist da, die Logistik ist da. Trotzdem lässt man die Menschen einfach ertrinken."

Der 47-Jährige ist sich sicher, dass er mit seinen ehrenamtlichen Kollegen etwas ausrichten kann. Filipović ist nur einer der vielen Helfer des Projekts, das von einigen Familien um Harald Höppner aus Brandenburg gegründet wurde. In wechselnden Teams wollen sie manövrierunfähige Boote im Mittelmeer suchen, den Flüchtlingen Wasser und Rettungswesten bringen und die Retter benachrichtigen. Sie wollen ein Auge auf See sein in den kommenden Monaten und die Kähne finden, bevor sie untergehen.

Sie wollen sich überflüssig machen

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Ljubomir Filipović vertraut der Technik auf seiner "Sea Watch.

Wochenlang haben Filipović und die anderen der Initiative "Sea-Watch" auf diesen Moment, die Abfahrt, hingearbeitet. Sie haben Satellitentechnik in ihren ehemaligen Kutter eingebaut, einen neuen Mast an Deck befestigt, Hunderte Schwimmwesten an Bord gebracht und ordentlich Wirbel gemacht: Von Günther Jauch bis zur "Washington Post" haben viele über ihr Vorhaben berichtet. Es ist ihnen wichtig, dass sie gehört werden in den Medien. "Ich wünsche mir, dass die Politik reagiert und es uns nächstes Jahr nicht mehr geben muss", sagt Filipović.

Neuer Heimathafen ist Malta

Nun klickt der Skipper sich ein letztes Mal am Laptop durch die Strecke in Richtung Helgoland. Dort wollen sie auftanken und danach in den Niederlanden das Beiboot aufladen. Anschließend geht es nach Malta, in den neuen Heimathafen. Von dort aus starten sie ihre Such-Touren auf See. "Einerseits bin ich ruhig und konzentriert auf meine Aufgaben. Andererseits bin ich innerlich völlig aufgelöst - ich zeig's bloß nicht." Filipović grinst.

Rechts am Fenster, auf der anderen Seite des Lotsekais im Harburger Binnenhafen, zieht die "Sea-Watch" an der "Transit" vorbei. Dutzende Asylsuchende wohnen auf dem Wohnschiff während sie auf das Ergebnis ihres Asylantrags warten, weil andere Unterkünfte überfüllt sind. Manchmal hätten sie sich zugewunken, sagt Filipović. "Die Menschen dort brauchen keine Angst mehr vor dem Wasser haben. Die haben es schon geschafft."

Skipper Filipović war selbst Flüchtling

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Die "Sea-Watch" auf dem Weg ins Mittelmeer

Die Crew der "Sea-Watch" verlässt Hamburg in Richtung Mittelmeer. Sie will dort Flüchtlings-Boote suchen und Menschen vor dem Ertrinken retten. Bildergalerie

Auch er hat es mal geschafft. Vor etwa 20 Jahren war das. Damals herrschte Krieg in seiner Heimat Jugoslawien. Er floh. In den vergangenen Jahren lebte er unter anderem in Greifswald auf einem Schiff, dass er als Therapieboot für straffällig gewordene Jugendliche nutzte. "Meer und Schiffe sind mein Leben. Das kombiniert 'Sea Watch' mit einem politischen Statement. Da musste ich mitmachen", erklärt der Skipper seine Motivation. Er gehe fest davon aus, Menschen auf Booten zu begegnen und sie retten zu müssen. Was ihn erwartet, kann er nur erahnen. Werden alte Erinnerungen wachgerüttelt? Wird er Schuldgefühle haben, wenn seine Leute mal nicht alle Flüchtlinge retten können? Darüber hätten sie vorab gesprochen, erzählt Filipović. Es sei immer ein Arzt an Bord und hinterher könne jeder sich psychologische Hilfe holen. Zusätzlich sollen stets zwei Personen mitfahren, die das Schiff lenken können. Zur Sicherheit.

"Was ist denn mit Europa los?"

Bis die ersten Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ins Blickfeld geraten können, vergehen noch etwa vier Wochen. So lange dauert die Überfahrt nach Malta voraussichtlich. Heute auf der Elbe kräuselt sich das Wasser nur leicht. Die Sonne glitzert auf den winzigen Wellen. Hamburger paddeln vorbei. Touristen genießen eine Bootstour. Filipović ist unterwegs, Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Es ist gewagt, ja. Naiv? Vielleicht. Wer und wie viele dürfen nach Deutschland kommen? Darüber könne man doch später diskutieren, findet der ehemalige Flüchtling. "Jeden Tag sterben Menschen. Was ist denn mit Europa los?"

Initiative "Sea-Watch"

Mehrere Familien aus Brandenburg haben die private Initiative "Sea-Watch" gegründet, die sich ausschließlich aus Spenden finanziert. Freiwillige fuhren 2015 mit einem ehemaligen Kutter, der in Hamburg hochseetauglich gemacht wurde, von Lampedusa aus über das Mittelmeer auf der Suche nach Flüchtlingen in Seenot. Für die Erstversorgung hat die "Sea-Watch" Ärzte, Wasser und Rettungsmaterial an Bord. Die Crew nimmt allerdings keinen Flüchtling auf - sie informiert die Küstenwache und übergibt die Menschen an größere Boote. Im Herbst beendete "Sea-Watch" die erste Mission vor Libyen und startete eine zweite Mission mit einem Schnellboot in Griechenland. Im Frühjahr 2016 soll die größere "Sea-Watch 2" wieder vor Libyen im Einsatz sein.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 19.04.2015 | 19:30 Uhr

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