Stand: 20.01.2017 06:54 Uhr

Abgeschobener: "Ich will hier nicht sterben"

Samir Narang lebt seit seiner Ankunft in einem Sikh Tempel in Kabul.

Es war Mitte Dezember, als der Afghane Samir Narang seine Duldung in Hamburg verlängern lassen wollte. Doch von der Ausländerbehörde kam er direkt in Abschiebehaft. Wenige Tage später saß Narang im ersten Flugzeug, das abgelehnte Asylbewerber aus Deutschland zurück nach Kabul brachte. Mehrere Hundert Menschen protestierten damals gegen die Abschiebungen.

Narang gehört zur Minderheit der Hindus im muslimischen Afghanistan. Deswegen spricht er weder die Landessprache Dari noch Paschtu sondern Multani. Der 24-Jährige wohnte vor seiner Abschiebung etwa vier Jahre lang geduldet in einer Hamburger Flüchtlingsunterkunft, wo auch seine Familie lebt. NDR.de hat mit dem jungen Mann in Kabul telefoniert. Das Gespräch fand auf Deutsch statt. Wir haben seine Antworten grammatikalisch korrigiert.

NDR.de: Wie geht es Ihnen nach gut einem Monat in Afghanistan?

Samir Narang: Ganz schlecht. Ich bin gerade krank, habe Fieber und eine Erkältung, aber kein Geld für einen Arzt.

Wo leben Sie jetzt und wie verbringen Sie ihren Alltag?

geschichte einer abschiebung

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Narang: Ich wohne in einem Zimmer im Sikh Tempel. Wir haben keine Heizung und kein warmes Wasser. Draußen sind jetzt Minusgrade. Der Strom fällt immer wieder aus. Ich gehe nur zum Essen aus dem Zimmer. Im Moment schlafen wir zu viert hier, aber wir reden wenig miteinander. Insgesamt wohnen 30 bis 40 Leute in dem Tempel. Jeder Tag ist gleich.

Im muslimischen Afghanistan leben nur noch einige Hundert Hindus und Sikhs - fast alle sind in den vergangenen Jahren geflüchtet. In einem Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe schrieben die Autoren im September 2016: "Religiöse Minderheiten wie Hindus und Sikhs sehen sich im Alltag mit Diskriminierung, Einschüchterung, Schikanen und gewaltsamen Übergriffen konfrontiert." Empfinden Sie ihre Situation als sicher?

Narang: Ich habe richtig Angst. Ich gehe nicht aus dem Tempel. Es ist zu gefährlich, weil die Nachbarn mich hier kennen und wissen, dass ich Hindu bin. Ein Fernseh-Team hat mich hier interviewt. Das hat mich noch bekannter gemacht. Im Tempel warnen die Leute mich davor rauszugehen. Sie sagen, dass die Leute denken, ich sei reich und eine wichtige Person. Manche könnten mich entführen. Vor einigen Tagen gab es ganz in der Nähe eine Schießerei. Zudem wurde ein Sikh in Kunduz erschossen und seine Leiche hierher gebracht. Ich habe ihn gesehen. Auch im Tempel sind wir nicht sicher. Wir haben keine Security.

Sie waren in Büren einige Tage in Abschiebehaft. Wie erinnern Sie den Tag der Abschiebung?

Narang: In Büren bekamen wir ein Mal am Tag warmes Essen und Brot. Am 14. Dezember holte ein Polizist mich morgens um 9 Uhr ab und wartete mit mir am Flughafen. Dort durfte ich ganz kurz meine Mutter sehen. Eine Minute. Eine Frau von der Kirche (Anmerkung der Redaktion: die Abschiebe-Beobachterin) ließ mich auch ganz kurz mit meiner Familie telefonieren. Die Frau hat mich auch gefragt, wie es mir geht. Ich habe gesagt: "Ich habe dort keine Wohnung, ich spreche die Sprache nicht. Wie soll ich da leben?" Dann sind zwei Polizisten mit mir in das Flugzeug gestiegen.

Laut Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) waren am Kabuler Flughafen Vertreter der Internationalen Organisation für Migration (IOM), der deutschen Botschaft, Bundespolizei, afghanischer Behörden und Psychologen. Wer hat Ihnen dort geholfen?

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In diesem Raum lebt Narang in Kabul.

Narang: Am Flughafen in Kabul sagte ein afghanischer Mann einer Behörde - ich weiß nicht, woher er genau war - dass ich zwei Wochen lang bei ihnen wohnen könnte. Ich wollte aber direkt zum Tempel. Er gab mir 500 Afghani (7 Euro). In Deutschland hatte man mir gesagt, ich bekäme hier 50 Dollar. Mir wurde nämlich in Deutschland mein ganzes Geld bis auf 50 Euro abgenommen. Von meinem Restgeld habe ich mir hier eine Telefonkarte und Essen gekauft. Ansonsten half mir am Flughafen niemand. Diese Woche war ich dann bei der IOM (Internationale Organisation für Migration), aber sie sagten, sie hätten keine Zeit. Ich solle später wiederkommen. Ich kenne hier niemanden mehr. Meine ganze Familie lebt in Deutschland. Bisher gibt es auch keine Möglichkeit für meine Familie, mir Geld zu schicken. Im Tempel bekomme ich ein oder zwei Mal am Tag Essen.

Sie haben lange in Hamburg gelebt, die Sprache gelernt und mussten nun ganz allein zurück nach Afghanistan. Bereuen Sie, damals nach Deutschland gekommen zu sein?

Narang: Es war richtig, nach Deutschland zu gehen. Dort hatte ich meine Ruhe in Sicherheit. Ich wollte arbeiten, aber die Behörde hat immer wieder Nein gesagt. Deswegen habe ich Praktika gemacht: im Tempel und im Kiosk. Ich habe nichts Illegales getan. Ich weiß nicht, wieso ich abgeschoben wurde. Auch Muslime können hier nicht leben: keine Sicherheit, keine Medizin.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Narang: Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Ich bin zu einem Bettler geworden. Ich will zurück nach Deutschland. Ich kann nicht mein Leben lang im Tempel in einem Zimmer leben. Afghanistan ist nicht sicher. Ich will hier nicht sterben.

Das Interview führte Carolin Fromm, NDR.de.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 20.01.2017 | 06:30 Uhr

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