Stand: 20.08.2014 11:47 Uhr

Konspirative Künstler feiern ihr Gängeviertel

"Frisch ist es." Christine Ebeling, Sprecherin der Hamburger Initiative "Komm in die Gänge", sitzt auf einer verwitterten Holzbank im Gängeviertel-Hof "Schier's Passage" und schlingt die Arme um den Körper. Auf dem Kopf trägt sie eine schwarze Mütze, darauf steckt eine verspiegelte rosa Sonnenbrille. Aufzusetzen braucht sie die heute nicht - hofft aber auf das Wochenende. Dann soll ein großes Fest an den Tag der "kulturellen Inbesitznahme" des Gängeviertels vor fünf Jahren erinnern. Damals war es sonnig und warm. Am 22. August 2009 besetzten etwa 200 Künstler, Architekten und andere politisch Engagierte den historischen Gebäudekomplex. Ebeling war als Frau der ersten Stunde mit dabei.

Buntes und Baustellen im Gängeviertel

Lange Vorbereitung im Kohlenkeller

"Wir hatten alles von langer Hand vorbereitet", erzählt die 47-Jährige und zieht an ihrer Zigarette. "Wir", das war zunächst nur eine Handvoll Menschen, die sich schon seit Beginn des Jahres 2009 in einem "Kaschemme" genannten Kohlenkeller traf und über die Zukunft des heruntergekommenen Gängeviertels beratschlagte. "Bitterkalt" war es in den Räumen - und hitzig die Diskussionen um die Abriss-Pläne eines Investors, an den die Stadt das historische Ensemble verkauft hatte.

Aktivisten tarnten sich als Gäste

Stadtplaner, Denkmalschützer und Aktivisten besuchten die Treffen, bei denen aus Angst vor unliebsamen Mithörern galt: "Handy aus - Akku raus". Schließlich kristallisierte sich die Idee heraus, die historischen Häuser im Gängeviertel im Rahmen einer "solidarischen Raumnahme" zu besetzen. Die Aktivisten engagierten Anwälte und Sanitäter. "Wir wussten ja nicht, was passiert."

Für den 22. August hatte die Initiative zu einem großen Fest geladen. Die Besetzer tarnten sich als Gäste und öffneten nach und nach die historischen Häuser. Einige waren gar nicht verschlossen, "ansonsten hatten wir einige sehr gute Handwerker unter uns", schmunzelt Ebeling.

"Die Würstchen sind auf dem Grill" hieß "Das Haus ist geöffnet"

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Die "Kaschemme": In dem ehemaligen Kohlenkeller bereiteten die Aktivisten die Besetzung vor.

Während im Innenhof gefeiert wurde, werkelten die Künstler in den Häusern, bereiteten Ausstellungen und Installationen vor, einige bemalten die Wände. Die Eingeweihten verständigten sich per Code. "Der Grill ist heiß" hieß: ein Haus ist fertig gestaltet. "Die Würstchen sind auf dem Grill" bedeutete: das Haus ist geöffnet. Staunend streiften die Besucher durch die historischen Gebäude.

Anders als erwartet, schauten lediglich zwei Polizisten vorbei. "Sehr bürgernahe Beamte", erinnert sich Ebeling. Sie wiesen eine Aktivistin lediglich darauf hin, dass sie keinen Seilzug über die Straße spanne dürfe - das war's. Besucher und Besetzer feierten bis in die Nacht.

Viel diskutiert, viel erreicht - und noch viel vor

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Christine Ebeling, Sprecherin der Initiative "Komm in die Gänge", engagiert sich seit Jahren für das historische Gebäude-Ensemble.

Vorerst vorbei mit der Partystimmung war es am darauffolgenden Montag. "Natürlich hatte die Hausverwaltung gehört, was passiert war und schickte schon morgens um sieben Uhr Vertreter, die die Häuser wieder verbarrikadieren sollten", erzählt Ebeling. Lange zogen sich die Diskussionen hin, bis sich die beauftragten Arbeiter wieder auf den Weg machten. Seither haben die Mitglieder der Initiative viel diskutiert - und viel erreicht.

Die Stadt hat den historischen Gebäudekomplex von dem Investor zurückgekauft und im vergangenen Jahr mit der Sanierung begonnen. "Allerdings mit erheblichen Verzögerungen", betont Ebeling. Für sie und die anderen Aktiven sei die Arbeit längst nicht vorbei. Immer wieder gebe es Dinge, die sie ärgerten: Dass trotz Absprachen nun doch mehrere Gebäude gleichzeitig saniert würden und kaum noch Platz für kulturelle Aktivitäten sei. Oder dass viele innovative Ideen zur Sanierung der Häuser schon im Vorhinein abgewiesen worden seien. Vor allem wünscht sich die Initiative für ihre sozialen und kulturellen Angebote von der Stadt mietfreie Räume. "Bei anderen, zum Beispiel dem Maritimen Museum, geht das doch auch!"

Zum Geburtstag Ausstellungen, Lesungen und ein Zeitzeugencafé

Dennoch: Auf die Feierlichkeiten zum fünften Geburtstag des "neuen alten Gängeviertels" freut sich Ebeling. Zurzeit laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. "Du musst noch Deine Bilder aus dem Raum linksrechts holen, da stellt doch Darko aus", ruft sie einem Künstler zu, der gerade sein Rad im Innenhof abstellt.

Die Ausstellung der farbenprächtigen Bilderserie "down and up" von Darko Caramello ist nur ein Höhepunkt der vielen Veranstaltungen zum Festwochenende. Außerdem geplant sind Lesungen aus Büchern über das Gängeviertel, politische Diskussionen, ein Zeitzeugencafé mit ehemaligen Bewohnern der Häuser und natürlich Kunstaktionen. Ebeling selbst will mit "Dr. Thompson's Magick Pop-Up Shop" vor Ort sein - einem mobilen Laden mit magischen Dingen. Was sich dahinter verbirgt? "Hinkommen und überraschen lassen!"

Hamburgs Gängeviertel - Vom Elendsquartier zum Kulturkiez

  • 17. bis 19. Jahrhundert: Zehntausende leben in Elendsquartieren

    Bis zum 19. Jahrhundert wohnen Zehntausende Hamburger in den sogenannten Gängevierteln auf immer engem Raum. Die Arbeiterquartiere reichen vom Hamburger Hafen bis in die Innenstadt. Benannt sind sie nach den engen, teils labyrinthartigen Gängen, entlang derer die Fachwerkhäuser gebaut sind. Prostitution und Kleinkriminalität gehören zum Alltag. Die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal. Mangels Alternativen kippen viele Bewohner Unrat und Kot in die Fleete. Viele werden krank, Kinder leiden an Mangelkrankheiten wie Rachitis.

  • 1883 bis 1888: Abriss für die Speicherstadt

    Ein Teil der Gängequartiere auf dem Großen Grasbrook wird abgerissen, damit dort die Speicherstadt gebaut werden kann. Etwa 20.000 Menschen verlieren ihren Wohnort. Viele von ihnen ziehen in die bereits überfüllten Gängeviertel in Hamburgs Altstadt und Neustadt.

  • 1892: Die Cholera bricht aus

    Aufgrund der katastrophalen hygienischen Verhältnisse bricht in den Gängevierteln eine Choleraepidemie aus. Mehr als 8.500 Hamburger sterben. Im Anschluss beschließt die Stadt unter Bürgermeister Johann Georg Mönckeberg, die Elendsviertel planmäßig zu sanieren - durch Abriss.

  • 1908 bis 1914: Die Mönckebergstraße entsteht

    Unter Bürgermeister Mönckeberg wird das Gängeviertel in der östlichen Altstadt abgerissen und der Innenstadtbereich zwischen Rathaus und Hauptbahnhof als Boulevard neu gestaltet. Die bis dato dort lebenden etwa 8.000 Arbeiter werden umgesiedelt, zum Beispiel nach Barmbek und auf die Veddel.

  • 1921 bis 1930: Kontorhausviertel

    Nach dem ersten Weltkrieg müssen weitere Teile des Gängeviertels weichen. An ihre Stelle treten unter Baudirektor Fritz Schumacher mehrere große Kontorhäuser, typisch sind zum Beispiel das Miramarhaus und das Chilehaus. Heute ist dieser Teil der Stadt als Kontorhausviertel bekannt.

  • Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg: Neue Wohnungen am Gänsemarkt

    Ein großer Teil der Hamburger Arbeiterschaft lebt im verbliebenen Gängeviertel in der Neustadt, das vom Hafenrand über den Großneumarkt bis zum Gänsemarkt reicht. Es gilt als Hochburg der Kommunisten und als "Verbrecherquartier". Unter den Nationalsozialisten werden die alten Häuser abgerissen und ein neues Wohngebiet errichtet. Bei Bombenangriffen werden weitere Teile des Gängeviertels zerstört.

  • 1953: Denkmalschutz

    Die Stadt stellt einen kleinen Teil der verbleibenden historischen Fachwerkhäuser zwischen Valentinskamp, Caffamacherreihe und Speckstraße unter Denkmalschutz.

  • 1958 bis 1964: Unilever-Haus und Ost-West-Straße

    Für den Bau des Unilever-Hauses (heute Emporio) und der Ost-West-Straße werden die anderen erhaltenen Reste des Gängeviertels abgerissen.

  • 2008: Verkauf an niederländischen Investor

    Die Stadt verkauft den denkmalgeschützten, aber heruntergekommenen Gebäudekomplex an den niederländischen Investor Hanzevast. Dieser will die historischen Bauten größten Teils abreißen. Alle verbliebenen Mieter erhalten die Kündigung.

  • August 2009

    Etwa 200 Künstler, Architekten und Denkmalschützer besetzen die historischen Häuser. Seither kämpft die Initiative "Komm in die Gänge" um den Erhalt der historischen Gebäude. Sie will das Viertel als nicht-kommerziellen, künstlerischen und sozialen Ort in der Hamburger Innenstadt erhalten.

  • Mitte Dezember 2009

    Die Stadt kauft das Gängeviertel vom Investor zurück.

  • April 2009

    Die Initiative "Komm in die Gänge" überreicht der Stadt Hamburg ein Nutzungs- und Sanierungskonzept.

  • November 2010

    Die Gängeviertel e.G. Genossenschaft gründet sich. Sie kümmert sich als betriebliche und organisatorische Selbstverwaltung durch die Nutzer im Gängeviertel um die Restaurierung, Erhaltung und Bewirtschaftung der historischen Gebäude. Zudem hat sie sich die "Organisation und Durchführung von Angeboten und Dienstleistungen, die zur Wohn-, Arbeits- und kulturellen Nutzung benötigt werden" auf die Fahnen geschrieben.

  • Oktober 2012

    Die UNESCO ehrt das Gängeviertel als Ort kultureller Vielfalt. "Das Gängeviertel ist Ausdruck eines anderen Verständnisses von Stadtentwicklung und gesellschaftlicher Teilhabe. Der Zugang zu Kunst und Kultur, das 'Recht auf Stadt' soll sich nicht nach finanzieller Leistungsfähigkeit richten", heißt es in der Begründung.

  • Oktober 2013

    Nach einjähriger Verzögerung beginnt die für einen Zeitraum von acht Jahren angesetzte Sanierung offiziell. Als erstes restaurieren die Bauarbeiter das "Kupferdiebehaus" in der Caffamacherreihe.

  • August 2014

    Die Initiative feiert den fünften Geburtstag des "neuen alten Gängeviertels" mit Lesungen, Kunstaktionen und Ausstellungen.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal 18.00 | 19.08.2014 | 18:00 Uhr