Stand: 22.03.2016 13:49 Uhr

Kassen um Millionen geprellt: Prozess gestartet

Einer der größten Abrechnungsskandale der Hamburger Medizingeschichte wird seit Dienstag vor dem Landgericht verhandelt. Drei Jahre nach der Insolvenz einer Radiologie-Praxenkette sind zwei mutmaßliche Mittäter des früheren Eigentümers angeklagt. Die 59 und 66 Jahre alten Männer sollen gemeinsam mit einem Radiologen die Krankenkassen um mehr als 34 Millionen Euro geschädigt haben, wie der Staatsanwalt in seiner Anklage erklärte.

Angeklagter weist Vorwürfe zurück

Die Gesellschaft des Radiologen kaufte in großen Mengen Röntgenkontrastmittel bei dem Arzneimittelgroßhandel des angeklagten Apothekers und rechnete die Mittel in Einzeldosen ab. Die Rabattgewinne sollen zu 95 Prozent an die inzwischen insolvente Radiologie-Gesellschaft Hanserad geflossen sein. Die Staatsanwaltschaft wirft den Männern Betrug in 51 Fällen vor. Der zweite Angeklagte, ein ehemaliger kaufmännischer Geschäftsführer von Hanserad, wies die Vorwürfe allerdings zurück. Wie sein Anwalt erklärte, habe es einen solchen Tatplan nie gegeben. Da die meisten Konstrastmittel tatsächlich für radiologische Untersuchungen genutzt wurden, sei den Krankenkassen auch kein wirtschaftlicher Schaden entstanden.

Inhaber noch im Ausland

Der mutmaßliche Haupttäter weilt in den Vereinigten Arabischen Emiraten: Dorthin hatte sich der Inhaber der Gesellschaft abgesetzt, nachdem sein Praxis-Imperium 2012 pleite gegangen war. Als sei nichts gewesen, hielt er in Dubai weiterhin Sprechstunden ab. Vorigen November dann wurde er aufgrund eines internationalen Haftbefehls festgenommen. Seither kämpft das Bundesjustizministerium um seine Auslieferung - bislang allerdings vergeblich. Sein Anwalt saß am Dienstag überraschend mit im Saal und erklärte, sein Mandant arbeite auch weiterhin als Arzt in Dubai. Er sehe sich als Opfer der deutschen Justiz. Laut dem Anwalt würde er nach Hamburg zurückkommen und sich seinem Prozess stellen, wenn es diesen Haftbefehl nicht gebe.

Der 59-jährige Radiologe hatte das Unternehmen aufgebaut und medizinische Versorgungszentren in Hamburg, Neumünster, Geesthacht, Dannenberg (Niedersachsen) und Boizenburg (Mecklenburg-Vorpommern) gegründet. Die Taten sollen zwischen Juli 2011 und November 2012 verübt worden sein.

Patienten nicht betroffen

Patienten seien durch den Betrug nicht zu Schaden gekommen, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Nana Frombach. Die nicht erforderlichen Mengen an Kontrastmitteln seien nur zum Schein verordnet worden. Bei Durchsuchungen fanden die Ermittler "Riesenlager" der Mittel. Die meist Jod-haltigen Substanzen werden Patienten vor radiologischen Untersuchungen verabreicht, um Blutgefäße, Gallenwege, Magen oder Darm besser sichtbar zu machen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 22.03.2016 | 14:00 Uhr