Stand: 04.08.2015 08:53 Uhr

Jenfeld muss Aufnahme von Flüchtlingen stoppen

In Hamburgs Zentralen Erstaufnahmen (ZEA) leben die Flüchtlinge in drangvoller Enge. Die medizinische Versorgung wird offenbar immer schwieriger. Nachdem in der Unterkunft am Jenfelder Moorpark nun mehrere Fälle von Scabies (Krätze) aufgetreten sind, werden dort vorerst keine weiteren Personen aufgenommen. Dies gehört zu einer Reihe gesetzlich vorgeschriebener Hygienemaßnahmen. Die durch eine Milbe verursachte Hautkrankheit wird über Kleidung oder Hautkontakt übertragen.

Kleidung wird komplett ausgetauscht

Außerdem plane der städtische Betreiber fördern & wohnen in dieser Woche eine großangelegte Aktion, erklärte Sprecherin Susanne Schwendtke auf NDR 90,3: "Es werden alle Bewohner auf einmal mit einem Medikament behandelt. Zugleich werden auch alle Kleidungsstücke ausgetauscht und alle Stoffe und die Zelte werden entwest." Der genaue Zeitpunkt stehe noch nicht fest, weil erst einmal das Medikament besorgt werden müsse.

Gesundheitsamt beruhigt Anwohner

Bis dahin gelten die strengeren hygienische Vorschriften: "Dadurch, dass niemand hinein oder hinaus verlegt wird, gehen wir davon aus, dass sich niemand weiteres infiziert", so Schwendtke. Anwohner müssten sich keine Sorgen machen. Die Übertragung von Krätze sei nur über die Haut oder Kleidung möglich, die Milben könnten weder springen noch fliegen, so das Gesundheitsamt des Bezirkes Wandsbek.

Engpass bei Ärzten und medizinischem Personal

Auch in anderen Gemeinschaftseinrichtungen wie Kitas und Schulen gebe es immer mal wieder Probleme mit Krätze. Bislang gab es nach Angaben der Behörden relativ wenige Probleme mit ansteckenden Krankheiten in den Flüchtlingsunterkünften. Allerdings räumt fördern und wohnen ein, dass es inzwischen einen Engpass bei Ärzten und medizinischem Personal gebe. Auch in Hamburgs größter Unterkunft in der Schnackenburgallee sollen nach Auskunft von Bewohnern Fälle von Krätze aufgetreten sein.

Erster größerer Krankheitsausbruch

Bis jetzt war die Lage relativ entspannt: Unter den Tausenden von Flüchtlingen, die in den vergangenen eineinhalb Jahren nach Hamburg gekommen sind, gab es relativ wenig meldepflichtige Erkrankungen. Insgesamt zählten die Behörden 38 Fälle von Hepatitis B, 31 Fälle von Tuberkulose und 12 Masern-Erkrankungen. Die Krätze-Infektionen in dem Zeltlager in Jenfeld sind der erste größere Krankheitsausbruch.

CDU-Abgeordnete: "Hohe Dunkelziffer an Infektionen"

Von Januar bis Juni dieses Jahres sind nach offizieller Auskunft in den Flüchtlingscamps bislang 119 Menschen an meldepflichtigen Krankheiten erkrankt, darunter Hepatitis, Tuberkulose und Mumps. Dies habe eine Kleine Anfrage der Bürgerschaftsabgeordneten Karin Prien (CDU) ergeben, so das "Hamburger Abendblatt" in seiner Montagsausgabe. Prien stellt die medizinische Versorgung in den Erstaufnahmen infrage. Sie vermutet eine weitaus höhere Dunkelziffer an Gesamtinfektionen. In den Unterkünften gebe es keine Isolierräume für ansteckende Krankheiten, Ärzte seien für die Bewohner oft nur drei oder vier Tage in der Woche ansprechbar, zitiert das "Abendblatt" einen Sozialarbeiter.

Suche nach neuen Flächen bislang ergebnislos

Unterdessen findet Hamburg offenbar keine Flächen für die geplanten Flüchtlingsdörfer mit bis zu 3.000 Menschen. Wie NDR 90,3 berichtete, kommen Wirtschaftsbehörde und Bezirke bei der Suche nach solchen freien Gewerbeflächen bisher nicht voran. Alte Industriestandorte sind oft mit Schadstoffen belastet und scheiden deshalb aus. Landwirtschaftlich genutztes Gebiet ist unbefestigt, liegt oft abgelegen und ist ohne Anbindung an Energie- und Wasserversorgung. Die Stadt braucht Areale zwischen fünf und acht Hektar.

Bis zum Herbst sollen Zeltbewohner in feste Unterkünfte

Nach Ankündigung von Innensenator Michael Neumann (SPD) sollen in allen sieben Bezirken große Flüchtlingsdörfer errichtet werden. Diese sollen den Plänen zufolge eine soziale Infrastruktur mit Läden, Kitas, Schulen und Treffpunkten haben. Bis zum Herbst sollen mehr als 2.000 Menschen aus Zelten in feste Unterkünfte wechseln.

Weitere Informationen

Diskussion über Großunterkünfte für Flüchtlinge

Neue Containerdörfer für bis zu 20.000 Flüchtlinge hatte Hamburgs Innensenator Neumann angekündigt. Dies sorgt nun offenbar in anderen Behörden für Irritationen. (24.07.2015) mehr

Weiter Unmut über Zeltdorf für Flüchtlinge

Anwohner eines Zeltdorfs für Flüchtlinge in Hamburg-Jenfeld haben ihren Unmut über die Errichtung der Notunterkunft geäußert. Die zuständigen Politiker wurden ausgepfiffen. (17.07.2015) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 03.08.2015 | 19:30 Uhr

Hintergrund: Flüchtlinge in Norddeutschland

Wie viele Flüchtlinge kommen nach Deutschland und woher kommen sie? Wie viele der Menschen nehmen die norddeutschen Länder auf und wie leben Sie hier? Die wichtigsten Fakten. mehr

"Hand in Hand": NDR unterstützt Flüchtlinge

Menschen, die vor Krieg und Not geflohen sind, brauchen unsere Hilfe. Intendant Lutz Marmor stellt den diesjährigen Partner der NDR Benefizaktion vor, den Paritätischen Wohlfahrtsverband. mehr