Stand: 27.07.2017 16:44 Uhr

"Die 'Sea-Watch 3' ist unsere Antwort"

Im Frühjahr 2015 startete die "Sea-Watch 1" im Harburger Binnenhafen Richtung Mittelmeer. Dort rettet die wechselnde Crew seither Flüchtende aus Seenot. Aus dem Haufen unerfahrener Helfer ist mittlerweile ein erfahrenes Team in Sachen Seenotrettung geworden. 400 Ehrenamtliche und gut zwei Dutzend Aktive im Kernteam kümmern sich um mehrere Boote, ein Flugzeug und die Organisation. Jetzt wollen die Seenotretter ihr drittes Schiff auf das Meer schicken.

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Welf Seyer und Ruben Neugebauer arbeiten derzeit in Spanien an der "Sea-Watch 3".

Logistiker Welf Seyer aus Hamburg ist von Beginn an dabei und war auf acht Missionen. Journalist Ruben Neugebauer ist Pressesprecher von Sea-Watch. NDR.de hat mit den beiden über das neue Schiff, Vorwürfe ihnen gegenüber und ihre Rolle als Spielball in der europäischen Flüchtlingspolitik gesprochen.

NDR.de: Sie haben gerade angekündigt, die "Sea-Watch 3" in Dienst stellen zu wollen. Das Schiff war bisher als "Dignity" für "Ärzte ohne Grenzen" in der Seenotrettung aktiv. Warum ist ein drittes Schiff nötig?

Welf Seyer: Wir sind immer wieder an unsere Grenzen gekommen bei den vergangenen Einsätzen. Wir hatten manchmal 500 Menschen an Bord, dabei ist die "Sea-Watch 2" schon mit 200 Personen überladen. Das ist sehr gefährlich. Es ist belastend für die Crew - und die Leute können sich kaum bewegen. Das Problem ist, dass weniger andere Schiffe vor Ort sind, die uns die Menschen abnehmen können. "Die Sea-Watch 3" wird das können.

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Die "Sea-Watch 2" ist bei den Einsätzen oft überladen. Manchmal müssen Menschen aus mehreren Booten aufgenommen werden.

Ruben Neugebaur: Wir waren unter den ersten Organisationen, die auf dem Mittelmeer geholfen haben. Personell sind wir daher sehr gut aufgestellt, so ein großes Schiff zu betreiben. Allein in diesem Jahr hat Sea-Watch bereits mehr als 5.000 Menschen an Bord genommen.

Jugend Rettet, Ärzte ohne Grenzen, Sea-Eye: Mittlerweile sind mehrere zivile Rettungsorganisationen im Mittelmeer unterwegs. Mit welchen Organisationen arbeiten Sie vor Ort zusammen und wie stimmen Sie sich ab?

Neugebaur: Wir sehen uns als zivile Flotte. Wir nutzen zum Teil eine App für die Koordination. Es gibt regelmäßige Treffen und wir tauschen uns auf logistischer Ebene aus: bei Bestellungen von Schwimmwesten oder Transporten nach Malta, wo viele Schiffe liegen.

Die NGOs, die im Mittelmeer Menschen retten, werden seit einiger Zeit stark angegriffen. Ihnen wird vorgeworfen, mit Schleppern zusammenzuarbeiten. Inwiefern haben Sie Kontakt zu Schleppern?

Neugebauer: Wir haben keinerlei Kontakt zu Schleppern. Die Behauptung ist total aus der Luft gegriffen. Schleuser steigen auch gar nicht in die Boote mit den Flüchtenden, sondern arbeiten von der Küste aus. Der italienische Staatsanwalt, der uns Zusammenarbeit mit Schleppern vorwarf, hat keinerlei Beweise dafür vorgelegt und sich damit für eine Kampagne vereinnahmen lassen. Was ich erschreckend finde ist, dass der deutsche Innenminister ungeprüft solche Vorwürfe nachplappert. Er sollte es besser wissen. Wir wollen da ja gar nicht sein. Aber solange die EU nicht auf dem Mittelmeer ist, müssen wir als Privatschiff und auch alle anderen privaten Schiffe dort retten.

Sea-Watch hat im Mai einen Vorfall veröffentlicht, bei dem ein Boot der libyschen Küstenwache Sie fast gerammt hätte. Im Oktober haben Sie einen Angriff von Seiten der libyschen Küstenwache auf ein Schlauchboot dokumentiert, bei dem mehrere Menschen starben. Amnesty hat schwere Menschenrechtsverletzungen von Seiten der Küstenwache dokumentiert. Die EU arbeitet mit der libyschen Küstenwache aber zusammen. Haben Sie Angst vor den libyschen Booten?

Seyer: Es sind immer die größten Bedenken, wenn man rausfährt: Was ist, wenn Leute einen mit Waffengewalt zu etwas zwingen? Ich kann nicht einschätzen, wer da auf den Schiffen auf uns zukommt. Es gibt verschiedene Milizen oder Küstenwachen. Man weiß nicht, wer das ist und wie die reagieren werden.

Neugebauer: Bei den Kollegen der Organisation Jugend Rettet wurde über ein Boot hinweg geschossen. Die Libyer nehmen Tote in Kauf; das hat der Eingriff in unseren Rettungseinsatz im Oktober gezeigt. Sie führen Menschen völkerrechtswidrig aus internationalen Gewässern nach Libyen zurück.

Am Dienstag gab es ein erstes Treffen in Rom, bei dem es um einen Verhaltenskodex der Hilfsorganisationen auf dem Meer geht. Wie war die erste Verhandlung mit dem italienischen Innenministerium?

Neugebauer: Sie haben uns deutlich gemacht, dass es nicht um uns geht, sondern das über uns Druck auf die anderen EU-Mitgliedsstaaten gemacht wird. Die Verlängerung der Frontex-Mission Sophia zu verweigern, war ein anderes Druckmittel. Es geht also gar nicht um den Verhaltenskodex. Wenn der so kommen würde, hieße das, dass mehr Menschen sterben würden, weil weniger Schiffe im Einsatz wären. Unsere Antwort darauf ist die "Sea-Watch 3".

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Mehr als 112.000 Menschen haben in diesem Jahr die Überfahrt nach Europa geschafft. Über 90.000 von ihnen gingen in Italien an Land.

Und wir können die Italiener ja verstehen. Italien wird allein gelassen mit dieser humanitären Krise und ist komplett überlastet. Eine gerechtere Verteilung der Menschen wird gebraucht. Das es das nicht gibt, liegt an der Dublin-Regel. Wenn Italien sich dafür einsetzen würde, diese abzuschaffen, würden wir sie dabei unterstützen.

Die Dublin-Verordnung

Seit 2013 gilt die Dublin-III-Verordnung. Sie besagt, dass ein Asylantrag innerhalb der EU nur einmal geprüft wird. Ein Flüchtling muss dort Asyl beantragen, wo er den EU-Raum erstmals betreten hat. Das geschieht häufig an den Außengrenzen - in Griechenland und Italien. Ziel der Initiative war es ursprünglich, die Asylverfahren zu beschleunigen und gleichzeitig klarzustellen, welcher Mitgliedsstaat verantwortlich ist.

In dem Verhaltenskodex steht unter anderem, Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) dürfen Ortungsgeräte nicht abstellen und auch nicht über Lichtsignale mit Schmugglern kommunizieren. Haben Sie das gemacht?

Neugebauer: Nein! Der Verhaltenskodex suggeriert, wir täten Dinge, die wir nicht tun. Wenn man mit Dreck beworfen wird, bleibt leider immer was hängen. Natürlich schalten wir unsere Ortungsgeräte nicht aus. Allerdings gibt es Lücken bei der Übertragung. Wir sind nicht ständig in der Nähe von Küstenstationen und wenn unsere Sattelitenanlage ausfällt, funktioniert die Übertragung auch nicht. Lichtsignale bis an die Küste können wir gar nicht geben. Wir haben gar keine Scheinwerfer an Bord, die so weit sichtbar sind.

Jedes Schiff ist verpflichtet, Menschen in Seenot zu helfen. Das Seerecht schreibt außerdem vor, dass Sie nicht ohne Erlaubnis in libysche Gewässer eindringen dürfen. Wozu braucht es einen zusätzlichen Verhaltenskodex?

Neugebauer: Den Kodex braucht es nicht. Wir halten uns an das Seerecht. Wir trauen uns auch nicht in libysche Gewässer, das ist uns viel zu gefährlich. Unsere Einsätze finden in Absprache mit der Rettungsleitstelle in Rom statt. Allerdings müssten die Staaten dafür sorgen, dass sich alle Player an die Regeln halten - die libysche Küstenwache hält sich nämlich als einzige nicht daran. Und die EU unterstützt sie. So unterschreiben wir den Verhaltenskodex nicht. Sie können uns auch nicht dazu zwingen. Wir sprechen derzeit mit den anderen Organisationen, wie wir darauf reagieren. Die Klauseln sind entweder ohnehin im Seerecht abgedeckt oder mindestens fragwürdig.

Was passiert, wenn Italien wie angedroht seine Häfen für NGOs schließt?

Neugebauer: Das kann passieren, obwohl es rechtswidrig ist. Notfalls fahren wir dann in unseren Heimathafen nach Hamburg. Aber Seenotrettung ist Pflicht; ich glaube nicht, dass es soweit kommen wird. Das Seerecht sagt, man muss den nächsten sicheren Hafen anlaufen. Das ist in der Regel Lampedusa oder Malta. Wir haben kein Problem damit, wenn die Leute besser verteilt werden. Aber das können nicht die Schiffe machen, denn wir können die Menschen nicht über längere Zeit auf unserem Schiff versorgen.

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Fast 2.400 Menschen sind in diesem Jahr bereits im Mittelmeer ertrunken.

Die Missionen sind extrem anstrengend. Die Hitze, die Enge, Seekrankheit und Menschen, die sich zuvor nicht kannten. Man schläft wenig, muss ständig Ausschau halten und in die dunkle Nacht starren. Warum machen Sie es immer wieder?

Seyer: Ich dachte damals, ich fliege mal für zwei Wochen nach Lampedusa und guck mir das an. Mittlerweile bin ich durchgängig bei Sea-Watch. Ich habe extreme Situationen erlebt, die mich mitgenommen haben. Aber ich kann einfach nicht nur zugucken.

Die Autorin war 2015 auf einer der ersten Missionen als Journalistin an Bord. Welf Seyer war damals Teil der Landcrew auf Lampedusa.

Weitere Informationen
Link

Tagesschau.de: Verhaltenskodex für Helfer?

Hilfsorganisationen wird vorgeworfen, dass sie Menschen zur Flucht animieren und mit Schleusern zusammenarbeiten. Beweise gibt es keine. Trotzdem will Italien einen Verhaltenskodex. Mehr bei tagesschau.de. extern

"Seefuchs" sticht zur Flüchtlingsrettung in See

Mit einer feierlichen Zeremonie und viel Wehmut ist der frühere Fischkutter "Seefuchs" in Stralsund verabschiedet worden. Das Schiff macht nun Kurs in Richtung Mittelmeer, um Flüchtlinge zu retten. (11.04.2017) mehr

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Rettet die Flüchtlinge! Mit der „Sea Watch“ auf hoher See

18.09.2015 21:15 Uhr
Der NDR

Eine Gruppe Freiwilliger will nicht länger zusehen, wie Tausende Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Mit einem umgebauten Fischkutter geht sie auf Rettungsmission. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 25.07.2017 | 03:00 Uhr

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