Stand: 30.07.2013 17:10 Uhr

Inge Hannemann: Eine Frau gegen das System

von Hanna Grimm, NDR.de
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Inge Hannemann: Mittlerweile ist sie weit über die Grenzen von Hamburg-Altona bekannt.

"Hartz-IV-Rebellin" nennen die Medien Inge Hannemann. Doch die Jobcenter-Mitarbeiterin, die sich gegen das System Hartz IV auflehnt und deswegen sogar von ihrem Beruf freigestellt worden ist, findet diesen Spitznamen nicht besonders passend. "Der ist mir zu kämpferisch", sagt sie mit einem leicht verlegenen Lächeln. Sie sei niemand, der hart und laut ist, erklärt die zierliche Frau. Dennoch ist die Jobcenter-Angestellte aus Hamburg-Altona zur Symbolfigur und Anführerin des Protests gegen Hartz IV geworden.

In ihrem Blog "altonabloggt" schreibt die 45-Jährige über Missstände bei ihrem Arbeitgeber - es geht um überlastete Mitarbeiter, deprimierte Hartz-IV-Empfänger und ungerechte Leistungskürzungen. Wegen dieser Kritik und weil sie sich weigerte, Hartz-IV-Empfängern, die nicht zu Treffen erschienen, das Geld zu kürzen, hat das Jobcenter Hamburg-Altona sie im April 2013 von ihrer Arbeit freigestellt. Dagegen kämpft sie vor Gericht.

Mit Schlupflöchern Sanktionen umgehen

Wenn Hannemann über ihre Arbeit als Jobvermittlerin für unter 25-jährige Hartz-IV-Empfänger spricht, verschwindet ihr sonst eher ernster Gesichtsausdruck. Lächelnd sagt sie: "Ich frage die Jugendlichen immer, welche Träume sie haben. Denn Träume haben alle." Vielen habe sie bei der Jobsuche helfen können. Den Menschen das Geld zu streichen, sei dabei genau der falsche Weg: "Die Angst vor Strafe macht krank."

Erst nutzt die gebürtige Hamburgerin Schlupflöcher, die das System bietet. "Niemand muss das wenige Geld von Hartz-IV-Empfängern noch weiter kürzen", sagt sie. Sie spricht mit Kollegen, versucht das System von innen zu verändern. Doch irgendwann habe das nicht mehr gereicht. Sie wird Bloggerin, schreibt sich im Netz ihre Kritik von der Seele.

Härter und lauter geworden

Erst lesen nur wenige, was die Jobcenter-Mitarbeiterin zu sagen hat. Dann veröffentlicht sie in ihrem Blog einen radikalen Brandbrief an die Agentur für Arbeit: "Wie viele Tote, Geschädigte und geschändete Hartz-IV-Bezieher wollen Sie noch auf Ihr Konto laden?", fragt sie. Sie schreibt von dauerkranken, frustrierten Mitarbeitern und subtiler Gehirnwäsche im Jobcenter.

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Inge Hannemann möchte gern in ihren Beruf als Jobvermittlerin zurückkehren.

"Ich musste radikaler werden, damit man mich hört", sagt sie mit ruhiger Stimme. Die Reaktionen bleiben nicht aus. Die Netzgemeinde liest und kommentiert: Mittlerweile hat jeder ihrer Blogeinträge Hunderte Kommentare. Die gelernte Speditionskauffrau mit Journalismus- und PR-Studium wird zu Vorträgen eingeladen. Überregionale Tageszeitungen schreiben über ihren Fall. Die Linke und die Piraten solidarisieren sich mit ihr. Sogar der CDU-Politiker Heiner Geißler habe ihr geschrieben und ihr seine Unterstützung zugesagt, erzählt sie nicht ohne Stolz.

Obwohl sie von ihrer Arbeit freigestellt ist, hat Hannemann jetzt einen 14-Stunden Tag: Ständig klingelt das Telefon, Unterstützer schreiben E-Mails, Hartz-IV-Empfänger wollen ihren Rat. Mittlerweile hat sie sich ein Netzwerk aus Politikern, Journalisten, Jobcenter-Insidern und anderen Helfern aufgebaut. "Ich arbeite gern im Hintergrund", sagt sie über sich selbst. Den Menschen, die zu ihren Vorträgen kommen, gibt sie am liebsten persönlich die Hand. "Wenn die dann Autogramme wollen, ist mir das eher unangenehm."

Kritik und Drohungen - auch gegen Hannemanns Familie

Durch ihre Kritik hat sie sich auch Feinde gemacht. Viele wütende Mails bekomme sie, erzählt Hannemann. Nicht nur gegen sie selbst, auch gegen ihren Mann und ihre Tochter habe es Drohungen gegeben. Ihr Arbeitgeber hat sich von Hannemann in einer Pressemitteilung distanziert und ihr vorgeworfen, durch ihre Äußerungen die vielen tausend Mitarbeiter der Jobcenter "beleidigt, herabgewürdigt und in Gefahr gebracht" zu haben. Sie habe das Gefühl, "kriminalisiert" zu werden, sagt sie. "Bossing" - also Mobbing durch den Arbeitgeber - nennt Hannemann das.

Hannemann will nicht sich von ihren Kritikern oder ihrem Arbeitgeber einschüchtern lassen. Im Gegenteil: Sie versuche das "große Ganze" im Blick behalten, sagt sie. Am liebsten würde sie dafür sorgen, dass Hartz IV ganz abgeschafft wird. Mindestens aber will sie eine Reform der Jobcenter erreichen. Wie sie das schaffen will? Mit Diskussionen, antwortet sie - "freundlich, sachlich und vielleicht immer kämpferischer".