Stand: 30.08.2014 10:55 Uhr

IS-Anwerbungen: Eltern fürchten um ihre Söhne

Hunderte meist junger Männer sollen von Deutschland aus bereits in den sogenannten Heiligen Krieg gezogen sein. Für die Terrorgruppe IS und andere islamistische Gruppierungen ließen viele auch bereits ihr Leben. Über 30 Salafisten sind nach Verfassungsschutzangaben bislang aus Hamburg nach Syrien oder Irak aufgebrochen. Nun machen Familien auf einige Fälle aufmerksam und wollen damit eine Diskussion über den Umgang mit den jungen Dschihadisten auslösen.

Christoph Heinzle, NDR Info

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Gülnur Can, Abgeordnete der Grünen in Hamburg-Eimsbüttel, erzählt von einem 23-Jährigen, der zur Salafistenszene wechselte.

Gülnur Can kennt den heute 23-Jährigen aus Hamburg schon seit seiner Kindheit. Modern sei die Familie des türkisch-stämmigen jungen Mannes immer gewesen, ohne extreme Ansichten. Doch dann bekam er Kontakt zur hiesigen Salafistenszene, begann sich zu verändern, erinnert sich die grüne Kommunalpolitikerin Can im Interview mit NDR Panorama. "Er hat sich immer mehr von der Familie distanziert. Er hat der Familie Vorwürfe gemacht: Sie seien ungläubig, sie würden das Leid der ermordeten Muslime, deren Brüder und Schwestern, nicht nachvollziehen. Er begann, fünf Mal am Tag zu beten. Er hat sich einen Bart wachsen lassen. Der Zugang zu ihm war am Schluss fast unmöglich", sagt Can.          

Grenzen werden nicht kontrolliert

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Für Fußgänger ist es kein Problem, über die Grenze nach Syrien zu kommen. Sie müssen nur über diesen Graben gehen.

Während eines Türkei-Urlaubs der Familie setzt sich der 23-Jährige mit einer Salafistengruppe ab. Die Familie alarmiert deutsche und türkische Behörden. Sie will den Sohn daran hindern, sich IS-Kämpfern in Syrien oder im Irak anzuschließen. Doch der Gang zu den Behörden hilft nicht. Beim deutschen Botschafter in Ankara habe man gar erfahren, dass es an der eigentlich geschlossenen türkisch-syrischen Grenze gar keine Grenzkontrollen gebe.

Can ist über diese Nachricht geschockt: "Ich konnte das einfach nicht begreifen, warum man in so einer Situation, in der viele Menschen aus ganz Europa und weltweit dorthin strömen, warum man dann die Grenzen nicht mehr kontrolliert." Videoaufnahmen zeigen tatsächlich, wie Lkw und junge Männer nahe der Grenzstadt Gaziantep ungehindert die Grenze nach Syrien in die von IS-Milizen beherrschten Gebiete überqueren.

Mann in Syrien hält eine Waffe in die Luft. © dpa bildfunk

Nachwuchs für den Djihad

Panorama 3 -

Durch einen Brief oder Facebook-Eintrag erfahren Familien oft erst, dass ihre Söhne für Terrorgruppen wie IS kämpfen. Hamburger Familien machen auf die Anwerbung aufmerksam.

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Moscheen sind "Anwerbezentren für die IS"

Doch der Kampf gegen den IS-Terror muss viel früher beginnen, glaubt Mahmut Erdem. Der Hamburger Anwalt vertritt drei der Hamburger Familien mutmaßlicher IS-Kämpfer, die jetzt an die Öffentlichkeit gehen. Seiner Meinung nach spielen die Moscheen eine wichtige Rolle: "Das sind die Anwerbezentren für die IS. Und die Jugendlichen, die ihren Glauben ausleben wollen, gehen zur Moschee, beten und wollen sich dort wiederfinden. Und da werden sie angeworben. Und ich denke, es sind die Moscheen, die die Verantwortung haben."       

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Laut den Familien werden die jungen Männer in Moscheen von IS-Aktivisten angeworben.

Dort würden IS-Aktivisten, vor allem junge Männer mit persönlichen Problemen oder Konflikten, angesprochen, erzählen die Familien. Und die bräuchten Hilfe, so Erdem. Viele Jugendliche seien kurz davor, nach Syrien zu gehen. "Man muss diese Familien ansprechen, um sie zu stärken. Die Öffentlichkeit muss sich dafür interessieren. Nur so kann man den Familien und den Jugendlichen helfen, sonst nicht", sagt Erdem.           

Kinder den Behörden melden

Die Grünen-Politikerin Can appelliert an die Familien, den Behörden ihre Kinder zu melden, anstatt sie zu IS-Kämpfern werden zu lassen. Denn nach ihrer Rückkehr könnten sie auch zum Problem für Deutschland und für ihre Familien werden. Sie werden traumatisiert zurückkommen und mit einem eintrainierten Gewaltpotenzial. "Da müssen wir uns viele Gedanken machen, wie wir diese Familien unterstützen", sagt Can.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 30.08.2014 | 07:50 Uhr