Stand: 28.08.2014 16:14 Uhr

Hausbesetzer-Kongress startet mit Krawallen

von Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de

Bei dem Versuch, ein leer stehendes Haus im Hamburger Stadtteil Altona zu besetzen, ist es in der Nacht zu Donnerstag zu Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen. Wie NDR 90,3 berichtete, waren zunächst etwa 180 Aktivisten friedlich durch den Stadtteil gezogen. Laut Polizei drangen dann 30 Personen in ein leer stehendes Gebäude in der Breiten Straße ein. Als die Polizei das Haus räumen wollte, wurde sie aus den oberen Stockwerken mit Steinen, Böllern, einem Feuerlöscher und einem Waschbecken beworfen. 13 Polizisten wurden leicht verletzt. Das Waschbecken schlug offenbar nur knapp neben einem Polizisten auf. Vier Männer im Alter von 18 bis 29 Jahren und eine 17-jährige Jugendliche wurden vorläufig festgenommen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit gegen die Beschuldigten wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen versuchten Totschlags.

"Das war keine Aktion aus dem Camp"

Der Zeitpunkt der versuchten Hausbesetzung ist wohl kein Zufall. Seit Mittwoch laufen ganz in der Nähe die "Squatting Days" - auf Deutsch: die Besetzer-Tage. Mehrere hundert Sympathisanten der Hausbesetzer-Szene sind zu dem - laut Organisatoren - "bildungspolitischen Camp" zusammengekommen. Viele kommen aus Hamburg. Aber auch aus anderen deutschen oder europäischen Großstädten sind Teilnehmer angereist. Die Rote Flora und die Gängeviertel-Initiative unterstützen das Treffen, das vordergründig dem Erfahrungsaustausch dienen soll.

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Die "Squatting Days" finden zum ersten Mal in Hamburg statt - solche Hausbesetzer-Treffen gibt es aber schon seit Jahren in Europa.

Die Organisatoren des Camps im August-Lütgens-Park sagten am Donnerstag im Gespräch mit NDR.de, dass die nächtliche Hausbesetzung nicht von ihnen organisiert oder angeregt worden sei. "Es war keine Aktion aus dem Camp", sagte Sprecher Peter K., der anonym bleiben möchte. Gleichwohl könne er nicht ausschließen, dass Teilnehmer des Camps sich an der Aktion beteiligt haben. Hausbesetzungen seien ein legitimes Mittel gegen Mietpreiswucher und Immobilienspekulationen, sagt der Hamburger. Ist es aus seiner Sicht auch in Ordnung, dass bei solchen Aktionen Polizisten verletzt werden? "Dazu möchte ich jetzt nichts sagen, da ich nicht weiß, was vor Ort vorgefallen ist", erwidert der Sprecher.

Wie laufen Hausbesetzungen anderswo?

Ein Besuch in dem Hausbesetzer-Camp wenige Stunden vor der versuchten Hausbesetzung zeigt, worum es den Organisatoren geht. Ein paar Zelte sind aufgebaut. Aus alten Holzlatten werden mithilfe von Spraydosen noch schnell Wegweiser gebastelt. Auf einem Banner zwischen zwei Bäumen steht die Parole "Friede den Hütten, Krieg den Palästen". Seinen vollen Namen will hier niemand nennen, manche geben nicht einmal ihren Vornamen preis. Am Eingang steht gleich mehrmals: "Keine Fotos". Auf der Wiese stehen einige Zelte. Um 9 Uhr gibt es Frühstück, um 11 Uhr startet das Programm. Aktivisten aus Italien berichten beispielsweise über eine Hausbesetzung in Rom. Hamburger erzählen von ihrer Erfahrung beim Widerstand gegen den Abriss der "ESSO-Häuser" auf St. Pauli. Am Donnerstagabend ist ein Rundgang durch die Rote Flora geplant. Das frühere Konzerthaus ist seit nunmehr knapp 25 Jahren besetzt - und gilt in der Szene - neben dem Gängeviertel - als Paradebeispiel für eine erfolgreiche Besetzung.

Gegen Leerstand und hohe Mieten

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"Keine Fotos": Hunderte Sympathisanten der Hausbesetzer-Szene kommen im August-Lütgens-Park zusammen.

"Es geht darum, leer stehende Häuser für nicht-kommerzielle Zwecke zu nutzen", sagt Peter K. Ziel sei, Räume zu gewinnen für Menschen, die kein Geld hätten. "Ohne Geld kann man sich nicht einfach in ein Café setzen, dort wird man vertrieben." Auch für Flüchtlinge könnten ungenutzte Gebäude umgewandelt werden - damit sie nicht mehr in Containern oder Notunterkünften wohnen müssten. Die Hausbesetzer-Szene will die hohen Mietpreise, die für viele Menschen ein Wohnen in den innenstadtnahen Vierteln Hamburgs unmöglich machen, nicht hinnehmen. "Hausbesetzungen sind auch eine Protestform", meint Peter K., der seit acht Jahren in der Hansestadt lebt. "Es ist keine kriminelle Handlung, sich leer stehende Häuser anzueignen." Der Polizei in Hamburg werfen die Aktivisten vor, bei Hausbesetzungen brutal und aggressiv vorzugehen. Auch darum geht es in dem Camp: Wie reagiert man am besten auf eine anstehende Räumung? Wer steht einem bei einem möglichen Prozess bei?

Schulbesetzung im Juli endete mit Räumung

Die letzte Hausbesetzung in Hamburg - abgesehen von der Aktion in der vergangenen Nacht - liegt erst sechs Wochen zurück. Mitte Juli hatten Aktivisten im Münzviertel nahe des Hauptbahnhofs eine verlassene Schule besetzt. Als sie sich weigerten, das Gebäude zu verlassen, eskalierte die Lage: Die Polizei räumte den Platz vor der Schule mit Pfefferspray und Schlagstöcken - dort hatten sich rund 100 Menschen versammelt. Anwohner-Initiativen hatten zuvor vergeblich versucht, eine Genehmigung für eine Nutzung der Schule zu erhalten. Inzwischen sollen sie die Erlaubnis haben, die Räume für 1 Euro pro Quadratmeter vorübergehend zu nutzen. Auch im Vorfeld der "Squatting Days" gab es Streit mit den Behörden. Die Organisatoren wollten einen kostenlosen Platz für das Camp. Der Bezirk Altona sagte erst wenige Tage vor dem Start die Nutzung des August-Lütgens-Parks zu - für eine Gebühr von 2.000 Euro.

Am Sonnabend findet in Hamburg auch eine Demonstration statt - unter dem Motto "Selber handeln - gegen eine profitorientierte Stadtentwicklung". Startpunkt ist der Park Fiction im Stadtteil St. Pauli. Die Veranstalter des Hausbesetzer-Treffens haben - wie etliche andere Initiativen - zu der Demonstration aufgerufen. Angemeldet ist sie aber von dem Rote-Flora-Aktivisten Andreas Blechschmidt. Eine Forderung lautet: Entkriminalisiert die Besetzung von Leerstand!

Weitere Informationen

Der Kampf um die besetzten Häuser

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 28.08.2014 | 07:00 Uhr