Stand: 20.09.2015 08:35 Uhr

Hamburger feiern mit "ihren" Flüchtlingen

von Oliver Diedrich

"Herzlich Willkommen" steht auf der Einladung. Doch das Fest im Karolinenviertel in Hamburg-St. Pauli ist eigentlich ein Abschied. Hunderte Flüchtlinge, die zurzeit noch in den Messehallen wohnen, müssen in den nächsten Tagen in andere Quartiere umziehen. Manche werden wohl auch abgeschoben in "sichere Herkunftsländer". Dass ihre neuen Nachbarn schon wieder fort müssen, finden viele Anwohner schade. Trotzdem gab es am Sonnabend gute Gründe zu feiern. Das Leben zum Beispiel. Eingeladen hatte die Initiative "Refugees Welcome - Karoviertel". Es kamen Hunderte Flüchtlinge und Hamburger, um gemeinsam zu spielen, zu essen und zu tanzen.

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Helfen ist auch Politik

"Praktische Hilfe und politische Arbeit kann man nicht trennen", sagt Tina Fritsche, eine der Organisatorinnen der Anwohnerinitiative. Ein Fest mit Flüchtlingen zu veranstalten, Pullis in der Kleiderkammer zusammenzulegen - "das ist angesichts der EU-Außenpolitik immer ein politischer Akt." Die Beweggründe der vielen Helfer seien sicher verschieden, meint Fritsche. "Uns eint, dass wir die Lage der Flüchtlinge verbessern wollen." Das haben sie für die Menschen in den Messehallen in den vergangenen Wochen erreicht. Schon bei der Ankunft der Flüchtlinge hatten Hunderte Menschen Spalier gestanden, um sie zu begrüßen. Zum ersten Treffen der Anwohnerinitiative kamen 500 Leute, beim zweiten waren es 1.500. Jeden Tag helfen Dutzende Menschen in der Kleiderkammer. Andere kümmern sich ehrenamtlich um medizinische Versorgung oder bringen Flüchtlingen Deutsch bei. Und schon seit Wochen plant eine Arbeitsgruppe das Fest.

Essen, trinken, Spaß haben - alles gratis

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Beim Mitmachzirkus wird für die Aufführung geprobt.

Freuen können sich heute vor allem die Kinder. Es gibt Mitmachzirkus, Skateboardshow, Malstation, Tischtennis, Dosenwerfen, Tischkicker, Seilspringen, Süßigkeiten bis zum Abwinken. An einem Stand duften gebratene Hähnchen. Ein Getränkehersteller hat Softdrinks aufgefahren. Alle Speisen und Getränke sind gratis. Anwohner schleppen Kuchenbleche, Getränkekisten, Salate und Grillgut heran. Flüchtlingskinder toben mit kleinen Hamburgern herum. Von der Bühne schallt afghanische Tanzmusik, Rock, Russendisko und Mambo. Es ist ein Fest für die Flüchtlinge und für die St.-Paulianer.

"Endlich mal richtig Kontakt zu den Menschen"

Zu den vielen Helfern gehören Chris, Katinka, Viola und Mandy. Aus einem Food-Truck heraus verteilen sie Smoothies und andere Leckereien, mit strahlendem Lächeln. Sie hatten sich vorher über die Facebookseite der Initiative für das Fest eingetragen. Die Zutaten organisierten sie als Spenden von Händlern und Privatleuten und bereiteten sie gemeinsam mit Freunden zu. Die 27-jährige Mandy aus Uhlenhorst hat vorher auch schon in der Kleiderkammer mitgeholfen. Sie findet es toll, jetzt auch bei dem Fest dabei zu sein: "Da hat man endlich mal richtig Kontakt zu den Menschen und sieht, wie sie sich über alles freuen."

"Massenunterkünfte am Stadtrand halten die Menschen auseinander"

Tina Fritsche sagt, dass sie pro Woche 15 bis 25 Stunden ehrenamtlich für das Flüchtlingsprojekt arbeitet. Und sie kenne viele Leute, die das ebenfalls tun. "Auf Dauer könnte man so etwas nicht durchhalten." Schließlich müssen die Helfer nebenbei auch Geld verdienen. "Es wäre schön, wenn die Stadt ihre Wertschätzung für uns und für die Flüchtlinge stärker ausdrücken würde." Fritsche ist 50 Jahre alt, im Hauptberuf Autorin. Jetzt, wo die Flüchtlinge aus den Messehallen bereits nach und nach ausziehen müssen, sei ihr angesichts der guten Erfahrungen im Karolinenviertel vor allem eines wichtig: "Die Flüchtlinge sollten in der Stadt zentral untergebracht werden, zum Beispiel in den vielen leer stehenden Wohnungen. Massenunterkünfte am Stadtrand schieben die Geflüchteten zusammen, halten aber die Menschen auseinander."

Ein Tanzlied auch für die Toten

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Viele Besucher tanzen ausgelassen.

Beim Fest auf dem Tschaikowskyplatz dampfen die Shishas mit den Grills um die Wette. Auch die meisten Erwachsenen sind fröhlich und entspannt. Viele tanzen ausgelassen und blödeln herum. Einmal gibt es auf der Tanzfläche aber auch eine Rangelei. Und immer wieder versuchen junge Männer, auf der Bühne das Mikrofon zu ergattern, die dort gar nicht hingehören.

Bei einer der auftretenden Bands macht irgendwann der Gitarrist eine Ansage: Das nächste Stück hätten sie extra für die Flüchtlinge geschrieben. Er ruft: "Das Lied ist nicht nur für euch, die heute hier sind, sondern auch für die, die auf der Flucht umgekommen sind, die im Meer ertrunken sind oder in der Wüste verdurstet - Mambo de Refugiados". Ein schmissiges Tanzlied. Ein paar Leute im Publikum gucken etwas verstört. Doch dann wird weiter getanzt. Darf man ruhig mal feiern, dass man am Leben ist.

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