Stand: 13.11.2012 11:02 Uhr

Hamburger Stolpersteine werden lebendig

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Marta Werner (links) und Sarah Dannhäuser stellten in Hamburg ihr Projekt Stolpertonsteine vor. Sprecher Tim Kreuer gab eine Kostprobe.

"Die Stolpersteine sind jetzt greifbar und lebendig", schwärmt Schauspieler Tim Kreuer. Er ist einer von vielen professionellen Sprechern, die den Gedenksteinen in Hamburg eine Stimme gegeben haben. Zehn Jahre nach Verlegung der ersten Stolpersteine in der Hansestadt sind nun Biografien von NS-Opfern vertont worden. Das bisher einmalige Projekt Stolpertonsteine wurde am Montag in Hamburg-St. Pauli vorgestellt. "Wir wollten einen neuen Zugang zu den Biografien schaffen", sagen die beiden Initiatorinnen Marta Werner und Sarah Dannhäuser.

Online und per Smartphone abrufbar

Auf der Internetseite stolpersteine-hamburg.de sind derzeit 20 Stolpertonsteine zu hören. Die Lebensläufe sowie persönliche Aufzeichnungen der Opfer und ihrer Familien werden von Sprechern gelesen - unter anderem auch von den NDR Moderatoren Hubertus Meyer-Burckhardt und Carlo von Tiedemann. Auch per Smartphone-App ("Stolpersteine in Hamburg") sind die Stolpertonsteine erhältlich.

Idee kam beim Seminar in der Uni

Die Idee kam den beiden 24-Jährigen, die in Hamburg Medienwissenschaften studieren, bei einem Seminar. Entstanden ist das Projekt in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung sowie dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden. "Neun Monate hat es von der ersten Demo bis heute gedauert. Wichtig war uns, verschiedene persönliche Schicksale zu zeigen", sagt Dannhäuser.

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Die Transsexuelle Liddy Bacroff, geboren als Heinrich Habitz, arbeitete in den 30er Jahren in St. Pauli als Prostituierte und wurde 1943 ermordet.

So ist etwa die Geschichte der Transsexuellen Liddy Bacroff zu hören. Geboren als Heinrich Habitz, hatte Bacroff in den 30er-Jahren auf St. Pauli als Prostituierte gearbeitet. Für ihren Stolpertonstein wurde - untermalt von Geräuschen aus der Gegenwart - aus Bacroffs Aufzeichnungen während ihrer Gefängnisaufenthalte zitiert. In der NS-Zeit wurde sie wegen "gewerbsmäßiger Unzucht" als "gefährlicher Gewohnheitsverbrecher" verhaftet und im Januar 1943 im KZ Mauthausen ermordet.

 

Chancen für Fortsetzung stehen gut

"Das Projekt ist sehr unterstützenswert", sagt Kreuer, der genau wie seine Sprecher-Kollegen kein Honorar nimmt. Bei einer Fortsetzung wäre er gerne dabei. Und die Chancen stehen nicht schlecht. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung sagte den beiden Hamburgerinnen bereits finanzielle Unterstützung zu. "Wir würden gerne weitermachen", betonen auch Werner und Dannhäuser. Es gebe derzeit zu etwa 1.000 Stolpersteinen Biografien - Potenzial wäre also noch vorhanden. Allerdings wollen die Studentinnen erstmal im März 2013 ihr Examen machen.

"Wir verurteilen die Schandtat von Greifswald"

Bei der Vorstellung des Projekts am Montag verwies Bake auf den Diebstahl von Stolpersteinen in Greifswald. Dort waren in der vergangenen Woche Stolpersteine aus den Bürgersteigen gerissen worden. "Wir alle verurteilen diese Schandtat und wollen mit unserem Projekt auch ein Zeichen gegen Rechtsextremismus setzen."

Die meisten Stolpersteine liegen in Hamburg

Seit 1995 erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig mit Stolpersteinen an die Opfer der NS-Zeit, indem er kleine Gedenktafeln aus Messing vor ihrem letzten Wohnort in den Boden einlässt. In Hamburg wurden bislang 4.326 Stolpersteine verlegt. Für weitere 250 lägen bereits Patenschaften vor, berichtete Peter Hess von der Stolpersteininitiative: "Hamburg ist die Stadt mit den meisten Stolpersteinen." Europaweit gebe es inzwischen fast 40.000 der kleinen Messingquadrate in rund 500 Städten und Kommunen.

Hörstolpersteine auch im Radio

Stolpersteine zum Anhören gibt es übrigens auch schon zum Anhören im Radio. Sechs Freie Sender in Deutschland und Österreich - unter anderem FSK Hamburg - produzieren kurze Sendungen, die das Leben von NS-Opfern für das Radio aufbereiten. Die Kurzbiographien tauchen unverhofft in den Programmen auf.

"Ein Zeichen gegen Rechtsextremismus"