Stand: 14.11.2017 10:23 Uhr

Hamburger Autor sitzt im Irak fest

von Karaman Yavuz und Carolin Fromm
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Selim Çürükkaya hat Angst, festgenommen zu werden, wenn er über Land aus dem Nordirak ausreist.

Erneut sitzt ein deutscher Staatsbürger wegen eines Festnahmeersuchens der Türkei im Ausland fest. Der kurdische Autor Selim Çürükkaya kann derzeit das nordirakische Erbil nicht verlassen, nachdem die Türkei ihn mit einer "Red Notice" von Interpol weltweit suchen lässt. Çürükkaya besitzt sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft.

Der Hamburger war nach eigenen Angaben im September nach Erbil gereist, um eine Gedenkveranstaltung zum Todestag seines Bruders zu besuchen. Damals lag noch keine Meldung über Interpol gegen ihn vor. Nach dem Unabhängigkeitsreferendum in der Region erkundigte Çürükkaya sich beim Generalkonsulat in Erbil über einen Weg zurück nach Deutschland. Das Auswärtige Amt bestätigt dies.

Konsulat informierte per E-Mail über "Red Notice"

Das Konsulat informierte Çürükkaya daraufhin vor zehn Tagen darüber, dass ein "weltweites Festnahmeersuchen der türkischen Behörden" vorliege.  Das Generalkonsulat schrieb in einer E-Mail: "Es wird Ihnen nunmehr zunächst empfohlen, sich an das Generalsekretariat von Interpol in Lyon zu wenden und dort die Löschung der türkischen Fahndung zu beantragen." Das Konsulat betonte, dass das Ersuchen in Deutschland nicht umgesetzt werde. Seit 2014 war Çürükkaya bekannt, dass ein nationaler türkischer Haftbefehl gegen ihn vorliegt. Von einer internationalen Suche habe er allerdings nichts gewusst.

In einem Videotelefonat mit dem NDR beschreibt Çürükkaya, dass er nun im Nordirak eingeschlossen sei. Über keines der Nachbarländer sei eine Ausreise möglich, ohne Gefahr zu laufen, festgenommen zu werden. "Ich kann weder über die Türkei noch Syrien, den Iran oder Süd-Irak nach Deutschland zurückkommen. Und von hier aus gibt es keine direkten Flüge nach Deutschland." Ende September waren alle internationalen Flüge nach Erbil und Sulemaniya gestrichen worden.

Red Notice

Bei einer "Red Notice" von Interpol handelt es sich weder um einen internationalen Haftbefehl noch um einen Suchbefehl der internationalen kriminalpolizeilichen Organisation. Vielmehr ist es ein Ersuchen, den Aufenthaltsort einer bestimmte Person zu ermitteln und diese vorläufig festzunehmen. Die "Red Notice" wird von Interpol auf Antrag eines Mitgliedslandes oder internationalen Tribunals erlassen und basiert auf einem gültigen nationalen Haftbefehl. Sie ergeht an Polizeibehörden weltweit. Laut Interpol entscheiden die Länder selbst, wie sie mit einer "Red Notice" umgehen.

Çürükkaya war früher PKK-Funktionär

Als Begründung für die "Red Notice" aus der Türkei nennt das deutsche Konsulat Tatvorwürfe "im Zusammenhang mit der PKK". Der Kurde Çürükkaya war mehrere Jahre PKK-Mitglied und wurde dafür von einem Militärgericht verurteilt. Anfang der 90er-Jahre brach er mit der seit 1993 in Deutschland verbotenen kurdischen Arbeiterpartei und stellte sich gegen dessen Führer Abdullah Öcalan. Çürükkaya hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter "PKK - Die Diktatur des Abdullah Öcalan".

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Aysel Cürükkaya und ihre Tochter machen sich Sorgen um Selim Cürükkaya.

Der 63-Jährige lebt seit 1992 in Deutschland. Seit 25 Jahren kritisiere er die PKK, sagt Çürükkaya. "Ich habe überhaupt keinen Kontakt zur PKK. Ich beschäftige mich allerdings weiterhin mit kurdischen Fragen und glaube daran, dass es einen kurdischen Staat im Nahen Osten geben sollte." Seine Frau Aysel Cürükkaya zeigt sich im NDR Interview besorgt. Sie habe Angst um das Leben ihres Mannes. "Selim hat sich vor 25 Jahren von der PKK getrennt. Ihn jetzt als PKK-Funktionär zu beschuldigen und gegen ihn einen Haftbefehl über Interpol zu erlassen, ist ein Skandal." Sie fordere die Bundesrepublik auf, alles dafür zu tun, dass ihr Mann nach Deutschland zurückkehren könne.

Offener Brief an Erdogan

Selim Çürükkaya glaubt, den Grund für die "Red Notice" selbst geschaffen zu haben. Vor etwa acht Wochen habe er einen offenen Brief an den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan geschrieben. Diesen habe er im Internet veröffentlicht. Er liegt dem NDR vor. Çürükkaya beschwert sich darin darüber, dass das Grab seines Bruders Sait 2016 von türkischen Soldaten zerstört worden sei. Sait Çürükkaya war als Sprengstoffexperte im Nordirak tätig und wurde von einer Mine tödlich verletzt. Selim Çürükkaya greift Erdogan in dem Brief offen an:

"Sehr geehrter Herr Präsident, Sie üben eine blutdurstige Macht aus. Den Menschen, den Islam und die 8.000-jährige Kultur des Menschen zertretend, laufen Sie in Ihren eigenen Abgrund."

"Darüber hinaus sehe ich keinen Grund, warum sie mich jetzt über Interpol suchen sollten", sagt Çürükkaya. Es erschrecke ihn, dass die "Red Notice" der Türkei gegen ihn von Interpol akzeptiert wurde. Çürükkayas Anwalt hat am Sonntag einen Brief an Interpol verfasst, in dem er darum bittet, die "Red Notice" fallen zu lassen.

Parallelen zum Fall Akhanli

Der Fall erinnert an den deutschen Schriftsteller Dogan Akhanli. Am 19. August war er während eines Spanienurlaubs aufgrund eines türkischen Fahndungsaufrufs festgenommen worden. Interpol hatte den Fahndungsaufruf wenige Tage später gelöscht. Akhanli konnte Spanien trotzdem mehrere Wochen nicht verlassen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Norddeutschland kompakt | 14.11.2017 | 15:11 Uhr

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