Stand: 04.09.2015 17:16 Uhr

Hamburg will Flüchtlinge in Arbeit bringen

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Viele Flüchtlinge wollen arbeiten. Hamburg will ihnen nun schneller ermöglichen, Arbeitsplätze zu finden.

Hamburg will Flüchtlinge schneller in den Arbeitsmarkt integrieren. Dazu würden die Qualifikationen und Lebensumstände aller Flüchtlinge mit einer Bleibeperspektive erfasst, sagte Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) am Freitag. Ziel sei es, dass jeder Flüchtling im erwerbsfähigen Alter bis spätestens Ende 2016 bei der Bundesagentur für Arbeit erfasst und vermittelbar ist.

Programm "W.I.R. - work and integration for refugees"

Um das erreichen zu können, arbeiteten wie bei der Jugendberufsagentur das Jobcenter, die Sozialbehörde, die Agentur für Arbeit und auch Träger der Flüchtlingshilfe eng zusammen. Für das Programm "W.I.R. - work and integration for refugees", das am 15. September startet, stünden 1,5 Millionen Euro bereit. Bereits am 1. Oktober soll am Millerntorplatz in St. Pauli der Kundenbetrieb an einem zentralen Standort aufgenommen werden. "Die gemeinsame Anlaufstelle soll wie ein vorgezogenes Kundenbüro aller beteiligten Akteure arbeiten", sagte Sönke Fock, Chef der Agentur für Arbeit Hamburg. Dies vermeide Doppelstrukturen und erleichtere den Zugang zu allen Dienstleistern.

"Potenziale, die wir derzeit noch nicht kennen"

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Sozialsenator Scheele: "Flüchtlinge sollen nicht tatenlos in Unterkünften herumsitzen."

"Flüchtlinge sollten nicht tatenlos und unnötig lange in den Unterkünften herumsitzen, wenn sie sowieso anerkannt werden", sagte Scheele. Dies gelte beispielsweise für Herkunftsländer wie Syrien, Sudan oder Eritrea. "Viele Flüchtlinge besitzen Qualifikationen und Potenziale, die wir derzeit noch nicht kennen", so Scheele. Mit dem neuen Programm werde dies anders. "Wir recherchieren ihre Kompetenzen, bieten ihnen Qualifizierungsmöglichkeiten und können sie dann der Arbeitsvermittlung übergeben."

Mobile Teams sollen im Vorfeld recherchieren

Mobile Teams sollen die Flüchtlinge ab sofort in den Unterkünften aufsuchen und eine Art biografischen Vor-Check leisten. Danach soll die systematische Erfassung der jeweiligen Lebenslage sowie die Feststellung der beruflichen Kompetenzen der Betroffenen erfolgen. "Wir glauben nicht, dass man einen Aushang machen könnte 'Gehen Sie bitte in das Jobcenter Langenhorner Chaussee und ziehen Sie sich eine Wartemarke'", sagte Scheele. Das könne nicht funktionieren. "Man muss da hingehen, Termine vereinbaren, sie möglicherweise auch abholen. Die kommen aus Ländern, in denen gibt es keinen funktionierenden Staat." Wichtig sei auch, dass der Bund mehr Sprachkurse finanziere. Derzeit gebe es viel zu wenige.

Arbeit "wesentlicher Baustein zur gesellschaftlichen Integration"

Arbeitsagentur-Chef Fock erklärte, allein in Hamburg derzeit rund 15.000 freie Stellen. Besonders gesucht seien Fachleute aus dem IT-, dem Pflege- sowie dem Hotel- und Gaststättenbereich. Friedhelm Siepe, Geschäftsführer des Jobcenters, bezeichnete die frühzeitige Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt als einen "wesentlichen Baustein zur gesellschaftlichen Integration". Man werde gemeinsam "dafür Sorge tragen, dass Flüchtlinge und Asylbewerber möglichst schnell eigenständig ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Familien bestreiten können".

Viel Zustimmung für Pläne

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) begrüßte die Pläne des Senats. "Individuelle Probleme brauchen individuelle Lösungen - das Projekt ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung", sagte Hamburgs DGB-Chefin Katja Karger. Jetzt seien die Betriebe gefragt, um Arbeitsplätze zu schaffen, mit denen eine Integration gelingen kann. Karger betonte: "Wir werden sehr genau darauf achten, dass Flüchtlinge unter guten Arbeitsbedingungen beschäftigt werden."

SPD und Grüne zeigten sich ebenfalls erfreut über das Programm, und selbst die CDU-Opposition kann ihm etwas abgewinnen, auch wenn es nur ein erster Schritt sein könne. Kritik kam dagegen von der Linken. Es sei ein Fehler, sich an der Jugendberufsagentur zu orientieren. Stattdessen müsse eine Struktur entwickelt werden, "die auf die Flüchtlinge gerichtet ist und nicht auf die Datenerhebung und Verwaltung".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 04.09.2015 | 15:00 Uhr