Stand: 07.10.2017 08:40 Uhr

Kommentar: Hamburg wächst - aber wie?

von Reinhard Postelt

Hamburg wächst in den nächsten zwei Jahrzehnten auf zwei Millionen Einwohner. Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft steigt die Bewohnerzahl um gut 160.000. Schneller wächst nur Berlin. Aus Sicht vieler Hamburger ist das mehr Fluch als Segen. Reinhard Postelt kommentiert.

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NDR 90,3 Reporter Reinhard Postelt kommentiert die wachsende Einwohnerzahl Hamburgs.

"Die wachsende Stadt": Als CDU-Bürgermeister Ole von Beust 2002 das neue Leitbild für Hamburg verkündete, klang es noch sexy. Mehr Wirtschaft, mehr Wissenschaft, mehr Wohnungen, mehr Wohlstand. Heute lehnen viele Hamburger ein ständiges "Mehr" an Menschen und Wohngebieten ab. Das zeigen auch Rückmeldungen von NDR 90,3 Hörern. Hamburg vertrage keine 160.000 neuen Bewohner. Die Natur werde betoniert, der Verkehr breche zusammen. Sogar eine Volksinitiative dazu ist geplant.

Zuzug kennt keine Obergrenze

Ich halte das Murren für menschlich, aber für falsch. Eine Zuwanderung von Menschen aus anderen Teilen Deutschlands oder EU-Europas kann niemand steuern - übrigens im Gegensatz zur Zuwanderung von Flüchtlingen. Studenten und junge Berufstätige zieht es dahin, wo es in Zukunft Jobs, Fortkommen und Freizeitvergnügen gibt, also nach Hamburg. Die Stadt wird jünger. Einfach weniger Wohnungen zu bauen, würde nur die Mieten noch schneller hochtreiben.

Flächenfraß muss aufhören

Wir haben also keine Wahl. Wir haben aber die Wahl, WIE Hamburg wächst. Ich wünsche mir: sozialverträglich und naturschonend. Da liegt manches im Argen. Der Senat verschleiert den Flächenfraß. Nach Berechnungen der Naturschutzorganisation Nabu wurde in sechs Jahren eine Fläche eineinhalb mal so groß wie die Außenalster bebaut. Das neue Wohnungsbaukonzept der Stadtentwicklungsbehörde heißt beschönigend "Mehr Stadt an neuen Orten", bedeutet aber nichts anderes, als Acker- und Wiesen zu bebauen. Nächste Woche stellt der Senat sein Konzept für Oberbillwerder vor: ein Stadtteil vom Reißbrett, dort wo jetzt noch Kühe weiden. Auch in Neugraben-Fischbek entstehen Riesensiedlungen.

Wohnen und Arbeiten an einem Ort

Viel mehr neue Stadtteile im Grünen verträgt die Stadtnatur nicht. Viel besser ist Wohnungsbau auf ehemaligen Hafenflächen, wie es auf dem Kleinen Grasbrook geschieht. Zudem muss Hamburg Wohnen und Arbeiten wieder an einem Ort zusammenbringen. Der Senat macht das schon: Am Rand der neuen Quartiere baut er gleich Gewerbegebiete mit. Nur so kann man den Verkehrsinfarkt verhindern. Und dennoch muss Hamburg Straßen und Schienen für zehn Prozent mehr Bewohner bauen - eine gewaltige Aufgabe.

Gefahr erkannt

Ich habe den Eindruck, dass viele Politiker und Stadtplaner genau diese Probleme erkennen und anpacken. Sie rechnen schon lange mit diesem Bewohnerzuwachs. Insofern bin ich optimistisch: Verbunden mit etwas mehr Unaufgeregtheit kann Hamburg auch für zwei Millionen Menschen eine lebenswerte Heimat sein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 07.10.2017 | 08:40 Uhr

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