Stand: 27.10.2015 18:00 Uhr

Hamburg - Hauptstadt der Organ-Therapeuten

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Der Eingang zum "Pharma-Labor" der Dr. Miller GmbH findet sich in einer Gasse des Hamburger Fleischgroßmarktes.

Der Weg zu Dr. Miller ist nicht leicht zu finden. "Ein Pharma-Labor - hier? Wir haben hier nur Fleisch", wundert sich ein Beschäftigter im Hamburger Fleischgroßmarkt. Er täuscht sich. Der Eingang zum Labor liegt auf der Rückseite des großen Backsteingebäudes, versteckt in einer kleinen Gasse zwischen der Warenannahme von "Delta-Fleisch" und der Firma "Steak-Meister". Durchaus passend. Denn Dr. Millers Pharma-Labor stellt seine Mittel aus Tieren her - gewonnen aus Milz, Niere, Leber oder Herz. "Als Ausgangsmaterial dienen Organe vom Schwein bzw. Kalb", heißt es auf der Homepage der Firma. Besonders beworben werden Mittel aus der Thymusdrüse von Tieren. Sie sollen verjüngend wirken und das Immunsystem stärken.

Als Material dienen Organe aus Jungtieren oder Föten

tagesschau.de

Gefährliche Frischzellen-Kuren boomen

Frischzellen-Therapien sind fast überall auf der Welt verboten: zu gefährlich. In Deutschland erleben sie aber nach Recherchen von NDR und SZ einen neuen Boom. Die Behörden lassen es zu. extern

Nach Recherchen von NDR und "Süddeutscher Zeitung" bieten Hunderte Heilpraktiker und Ärzte in Deutschland Behandlungen mit solchen oder ähnlichen Mitteln an - sie spritzen "Frischzellen", "Organo-Peptide" oder "Frisch-Organ-Extrakte". Das Ausgangsmaterial für ihre Behandlungen stammt von verschiedenen Tieren - neben Schweinen und Kälbern sind es oft Schafe. Meist heißt es, sie sollten möglichst jung sein, am besten sogar noch ungeboren. Einige größere Kliniken haben eigene Herden, von denen trächtige Muttertiere geschlachtet werden, um aus den Organen der Föten die Mittel zu gewinnen. Und die Anbieter verheißen wahre Wunder: Hilfe gegen Multiple Sklerose, sexuelle Störungen, Depressionen, Krebs, Rheuma, Allergien oder generell gegen Alterserscheinungen. Einen wissenschaftlichen Nachweis kann allerdings niemand liefern, dafür sind die gesundheitlichen Risiken eindeutig: Wenn tierisches Zellmaterial gespritzt wird, kann das zu allergischen Reaktionen führen - bis hin zu einem tödlichen Kreislaufversagen. Auch Infektionen sind möglich. Im vergangenen Jahr haben sich zum Beispiel mehrere Menschen bei einer "Frischzellen-Behandlung" in Rheinland-Pfalz mit Q-Fieber infiziert, einer hochansteckenden Schafkrankheit, die zu Lungenentzündung, Herzmuskelentzündung und auch zum Tod führen kann.

Vertriebsverbot nach Todesfällen in den 1980er-Jahren

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Möglichst jung sollen die Tiere für Frischzellen sein - am besten noch ungeboren. Aus ihren Organen werden die Präparate hergestellt.

Eigentlich dürfte es diese Art der Behandlungen schon längst nicht mehr geben. Frischzellen-Therapien waren in Deutschland in den 50er- bis 80er-Jahren sehr beliebt. Eine Reihe von Prominenten ließ sich solche Mittel spritzen. Auch Dr. Miller war damals schon im Geschäft: Über Jahrzehnte hat die Firma Mittel aus tierischen Organen als Zelltherapien verkauft. Doch 1987 verbot das Bundesgesundheitsamt den Vertrieb von Frischzell-Präparaten wegen "schwerwiegender unerwünschter Wirkungen", es war zu einigen Todesfälle gekommen. 1997 erließ dann das Bundesgesundheitsministerium eigens die sogenannte Frischzellen-Verordnung. Darin geht es um "tierische Zellen oder Gemische von tierischen Zellen oder Zellbruchstücken in bearbeitetem oder unbearbeitetem Zustand, die zur Anwendung beim Menschen bestimmt sind" - ihr Vertrieb und ihre Verwendung sollten endgültig verboten werden. Das gebiete der Schutz der Gesundheit, heißt es in der Begründung.

Doch einige Anbieter klagten und bekamen im Jahr 2000 vor dem Bundesverfassungsgericht Recht. Aus formalen Gründen kippten die Richter einen Teil der Verordnung. Der Bund hatte seine Gesetzgebungskompetenz überschritten. Ärzte oder Heilpraktiker dürfen die Mittel deshalb weiter als individuell maßgeschneiderte Therapie selbst herstellen und anwenden. Sie müssen das nur offiziell anmelden. Eine spezielle Erlaubnis brauchen sie nicht.

Und genau diese Möglichkeit nutzen anscheinend viele Ärzte und Heilpraktiker. Labore wie das von Dr. Miller bieten ihnen die Möglichkeit, die Präparate herzustellen. Allein in Hamburg sind laut der Gesundheitsbehörde 178 Personen registriert, die Mittel tierischer Herkunft herstellen. In den anderen Bundesländern sind es deutlich weniger, doch Ärzte oder Heilpraktiker, die solche Behandlungen anbieten, finden sich fast überall. Denn viele haben offenbar ihre Tätigkeit nicht dort angemeldet, wo sie praktizieren, sondern dort, wo sie die Mittel herstellen. So findet sich eine Reihe Therapeuten aus der ganzen Republik, teils sogar aus Bayern, die laut ihrer Darstellung eigens nach Hamburg fahren, um dort ihre Mittel individuell für einzelne Patienten anzufertigen.

Luxuskliniken werben im Ausland für Frischzellen-Kuren

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Viele Kunden für die Frischzellen-Therapien kommen aus dem Ausland. Gelockt werden sie auch mit idyllischen Bildern.

Nachdem in den 80er- und 90er-Jahren die Frischzellen-Therapien in Verruf geraten waren, wächst die Branche nun offenbar wieder. Teils nennen es die Anbieter jedoch anders und sagen, die Verfahren seien weiterentwickelt worden und nunmehr sicher. In den vergangenen Jahren haben einige Kliniken neu eröffnet, wurden ausgebaut oder modernisiert. Manche haben sich auf zahlungskräftige Kunden aus Asien und Amerika spezialisiert. Sie sind bereit Tausende oder gar Zehntausende Euro für einige Tage Frischzellen-Behandlungen zu bezahlen. Einige deutsche Luxuskliniken haben Vertriebspartner in China, Thailand, Vietnam, Russland, Saudi-Arabien oder den USA. Oft locken sie mit dem Ambiente der bayerischen Alpen oder pfälzischer Weinberge.

Nur mit Journalisten will darüber kaum jemand reden. NDR und SZ haben mehrere Frischzell-Therapeuten angefragt - ohne Rückmeldung. Nur eine Klinik hatte zunächst einem Besuch zugestimmt, dann aber doch kurzfristig abgesagt. Man habe leider zu viel zu tun, erst im nächsten Jahr Zeit für ein Gespräch. Auch der Geschäftsführer von Dr. Miller lehnte auf Anfrage von NDR und SZ ein Gespräch ab: "Das möchten wir nicht." Schriftliche Fragen wurden ebenfalls nicht beantwortet - weder dazu, woher die Tiere für die Arzneimittelherstellung stammen, noch dazu, wie viele Ärzte das Angebot des Labors nutzen, noch zu den Preisen.

Stattdessen schickte ein Münchener Anwaltsbüro ein Schreiben - mit dem Hinweis, dass das Hamburger Labor keine Arzneimittel herstelle. Weiter heißt es: "Soweit Behandler bei unserer Mandantin Arzneimittel im Wege der ärztlichen Eigenherstellung herstellen, haben sie dies der Aufsichtsbehörde anzuzeigen, die die Sicherheit und Unbedenklichkeit dieser Arzneimittelherstellung überwacht." Das sieht die Hamburger Gesundheitsbehörde offenbar anders. Auf Anfrage von NDR und SZ schreibt sie: "Das Überlassen von Laborräumen ist nicht Gegenstand arzneimittelrechtlicher Regelungen, ein vermietetes Labor unterliegt entsprechend nicht unserer Überwachung." Das geltende Recht ermögliche es außerdem Ärzten, Arzneimittel selbst herzustellen - ohne einen Nachweis von Wirksamkeit und Sicherheit.