Stand: 02.02.2015 18:25 Uhr

Abschied von einem Wahrzeichen an der Alster

von Heiko Block, NDR.de
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Derzeit nur durch den Bauzaun zu erkennen: Der Abriss des Germania-Clubhauses an der Alster hat begonnen.

"Das war ein großer Schock für uns - das war furchtbar." Michael Seufert erinnert sich nur ungern an den Moment, als den Mitgliedern vom Hamburger und Germania Ruderclub klar wurde, dass sie ihr traditionsreiches Club- und Bootshaus an der Außenalster abreißen müssen. "Die Entscheidung fiel sehr schwer, aber sie wurde einvernehmlich getroffen. Wir haben viele Fachleute im Verein und zahlreiche Möglichkeiten sachlich diskutiert. Aber wir hatten keine andere Möglichkeit", erklärt Seufert. Der Autor und Journalist kümmert sich beim ältesten deutschen Ruderclub um die Pressearbeit. Am Donnerstag traf er sich mit zahlreichen Mitgliedern ein letztes Mal im komplett ausgeräumten Clubhaus. "Da sind die Augen feucht geworden. Keine Frage: Der Abriss bewegt alle Mitglieder."

Das markante gelbe Gebäude war vor etwa 114 Jahren nahe der Kennedybrücke auf Holzpfählen errichtet worden - nun sind die Tage gezählt. Am Montag hat der Abriss begonnen. Zunächst wird etwa drei Wochen lang das Gebäude entkernt, danach rollen die Bagger an. Bei den Arbeiten ist große Vorsicht geboten, denn der Bauschutt darf nicht in die Alster fallen. Nach dem Abriss wird die Alstersohle auf dem Grundstück des Ruderclubs gereinigt.

Die Geschichte eines besonderen Clubhauses

Neubau soll zur Rudersaison 2016 fertig sein

Bis zum Frühjahr 2016 soll an der Außenalster für vier Millionen Euro ein neues Bootshaus entstehen. "Zur Rudersaison 2016 soll es fertig sein", sagt Thomas Gehrmann. Der Bauingenieur ist Vorsitzender der Neubau-Kommission des Clubs. Ursprünglich war nur eine Erweiterung des Clubhauses geplant. Weil die Pfeiler aber zu einem Großteil verrottet und Stahlkonstruktionen durchgerostet sind, ist nun der Abriss notwendig. "Eine Sanierung wäre fast genauso teuer geworden wie der Neubau", betont Gehrmann. Und Seufert ergänzt: "Wir können froh sein, dass wir zur Sicherheit die Bausubstanz intensiv geprüft haben. Uns sind die Hüte weggeflogen, als die Taucher berichteten, wie es unter dem Gebäude aussieht."

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So soll das neue Clubhaus vom Hamburger und Germania Ruderclub aussehen.

Das neue Gebäude wird zweigeschossig auf Betonpfählen errichtet und 1.600 Quadratmeter groß sein - rund 250 Quadratmeter größer als das alte Haus. Im Erdgeschoss entstehen vier Bootshallen, Umkleideräume und ein Fitnessraum. Im Obergeschoss wird die Clubverwaltung untergebracht. Zudem werden Gesellschaftsräume für Veranstaltungen und Feste entstehen.

"Das war mein verlängertes Wohnzimmer"

Schon in der Vergangenheit wurden dort nicht nur sportliche Siege gefeiert - sondern auch zahlreiche Familienfeste. So feierte beispielsweise Michael Seufert 2001 dort seine Hochzeit. "Meine Frau und ich wurden mit einem Boot abgeholt und sind dann zu unserer Feier gerudert", so der 71-Jährige. Auch Jürgen Warner, von 1994 bis 2000 Clubchef, hat besondere Erinnerungen an das Gebäude. Der 72-Jährige feierte nicht nur seine eigene Hochzeit dort, sondern auch die Vermählung von zwei Kindern. "Das war mein verlängertes Wohnzimmer. Das Haus steckt voller Erinnerungen und Geschichten", betont Warner, derzeit Vorsitzender vom Landesruderverband Hamburg und schon seit 55 Jahren Germania-Mitglied. Er hofft, dass sich die Menschen auch im neuen Gebäude schnell wohlfühlen werden.

Die farbliche Gestaltung ist noch nicht geklärt. Klar ist nur, dass das Gebäude laut Außenalsterverordnung einen hellen Farbton haben muss. "Ob es wieder gelb oder vielleicht weiß wird, steht noch nicht fest.", sagt Ingenieur Gehrmann. Der Neubau solle aber auf jeden Fall ein "hanseatisches Erscheinungsbild" bekommen und ein Dach in Kupferoptik.

Benachbarte Vereine helfen

Für die nächsten gut 15 Monate können die Mitglieder des 1836 gegründeten Ruderclubs mit ihren Booten zu benachbarten Vereinen wie Favorite Hammonia und RG Hansa ausweichen. "Die Unterstüzung der Nachbarclubs ist toll, darüber sind wir sehr dankbar", freut sich Seufert. Aber emotional sei der Verlust des Traditionsgebäudes schwierig für die Mitglieder, die jetzt lange ohne eigenes Clubhaus auskommen müssten.

Hohe finanzielle Belastung

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Jürgen Warner, Dirk Wengler und Michael Seufert (v.l.) sind traurig über den Abriss, freuen sich aber auf den Neubau.

Die Club-Verantwortlichen betonen zudem, dass die finanzielle Belastung für den Club bis 2045 "irrsinnig hoch" ist. Um die Kosten des Bauprojektes stemmen zu können, hat der Club über 1,5 Millionen Euro Spenden gesammelt. Außerdem wird in den kommenden Jahren eine Umlage von insgesamt 450.000 Euro erhoben. Die Stadt zahlte einen Zuschuss von 200.000 Euro. Die weitere Finanzierung des Bauvorhabens soll unter anderem auch durch die Aufnahme von Bankdarlehen erfolgen. Zur Besicherung der Darlehen ist eine Bürgschaft der Hansestadt Hamburg nötig, da nicht der Club, sondern die Stadt Eigentümerin des Grundstücks ist. Dirk Wengler, Vorsitzender des Clubs, ist froh über die große Unterstützung der Mitglieder, der Eigenanteil bei der Finanzierung sei sehr hoch.

"Wir freuen uns auf das neue Clubhaus"

"Trotz aller Wehmut freuen wir uns jetzt aber auch auf das neue Haus", betont Wengler. Der Neubau habe auch eine Signalwirkung für den Rudersport in Hamburg und ganz Deutschland, so der 50-Jährige. Denn der Leistungssport solle auch in der Zukunft eine wesentliche Rolle im Verein spielen. Auch Kinder- und Jugendförderung soll weiter im Mittelpunkt stehen - damit auch in Zukunft Ruder-Weltmeister und -Olympiasieger aus dem Traditionsclub kommen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 28.01.2015 | 22:00 Uhr