Stand: 06.10.2015 11:17 Uhr

Flüchtlingsunterbringung: Überblick verloren?

Die Hamburger Behörden geraten bei der Unterbringung von Flüchtlingen offenbar langsam an ihre Grenzen. Mehr als 200 Menschen, die in der Nacht zum Montag in einen leer stehenden Baumarkt im Stadtteil Eidelstedt gebracht wurden, wurden zunächst nicht betreut. Lediglich Luftmatratzen und Decken wurden verteilt. Erst im Laufe des Montags wurde eine Verpflegung organisiert. Der Grund für die chaotischen Zustände: Die städtische Gesellschaft fördern & wohnen hatte kurzfristig kein verfügbares Personal für den Betrieb. Als die Suche nach einem anderen Betreiber erfolglos blieb, entschied die Innenbehörde, dass die Halle ohne einen Träger und ohne vorherige Reinigung in Betrieb genommen wird. Freiwillige Helfer versorgten die Flüchtlinge in Eidelstedt. Schließlich erklärte sich födern & wohnen am Abend doch bereit, die Betreuung bis zum März zu übernehmen. In dem leer stehenden Baumarkt am Hörgensweg sollen insgesamt bis zu 850 Menschen Platz finden.

Opposition kritisiert Missmanagement des Senats

Die Oppositionsparteien in Hamburg kritisierten die chaotischen Zustände. Zaklin Nastic, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken in Eimsbüttel, war in dem Baumarkt vor Ort. Sie sagte: "Es ist unverantwortlich, die Menschen nach Eidelstedt zu bringen und sie dann sich selbst zu überlassen." CDU-Fraktionschef André Trepoll bemängelte generell das Zuständigkeits-Wirrwarr zwischen Innen- und Sozialbehörde bei der Flüchtlingsunterbringung. Die Hamburger FDP sprach von Missmanagement und Unfähigkeit des rot-grünen Senats. Laut FDP hat dieser in einer Antwort auf eine Anfrage eingeräumt, trotz steigender Flüchtlingszahlen keinen Überblick über freiwillig angebotene Unterkünfte zu haben. Weder Bürgermeister Olaf Scholz noch Innensenator Michael Neumann (beide SPD) wüssten, was machbar und bezahlbar ist, kritisierte FDP-Fraktionschefin Katja Suding.

Immobilienangebote: Noch kein systematischer Überblick

In den ersten drei Septemberwochen sind nach Angaben des Senats mehr als 200 Angebote für die Unterbringung eingegangen. Derzeit sei eine Datenbank in Planung, "in der aktuelle Immobilienangebote sowie Angebote aus der Vergangenheit für die Unterbringung von Flüchtlingen erfasst und der jeweilige Bearbeitungsstand sowie die entsprechenden Ergebnisse dokumentiert werden sollen", hieß es. Momentan müssten jedoch für einen Überblick alle Angebote noch händisch ausgewertet werden. Die Vorschläge würden zunächst von einem Team der Sozialbehörde geprüft. Bei grundsätzlicher Eignung werde das weitere Verfahren mit den Bezirken, fördern & wohnen und dem Landesbetrieb Immobilienbesitz und Grundvermögen abgestimmt.

Rund 600 zusätzliche Flüchtlinge täglich

Die Innenbehörde bestätigte derweil, dass die Flüchtlingszahlen weiter steigen. Täglich kämen jetzt 600 Menschen in die Stadt, sagte Behördensprecher Frank Reschreiter NDR 90,3. Zur Unterstützung der Mitarbeiter bei der Unterbringung der Flüchtlinge hilft jetzt auch die Bundeswehr. Nach ihren Angaben stehen in Hamburg 100 Soldaten auf Abruf bereit.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 06.10.2015 | 12:00 Uhr

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