Stand: 12.08.2015 13:38 Uhr

Flüchtlinge sind Freifunkern für WLAN dankbar

von Alena Jabarine, NDR Info

Wenn Flüchtlinge nach Deutschland kommen, tragen sie oft kaum etwas bei sich - bis auf ihr Smartphone. Während der Flucht ist es die einzige Verbindung nach Hause. Doch nach ihrer Ankunft können sie es oft nicht nutzen: Obwohl Flüchtlingsunterkünfte grundsätzlich einen Internetzugang haben sollten, sieht das in der Realität anders aus. Die Behörden scheinen sich nicht intensiv darum zu kümmern. Deshalb geht nun die Initiative Freifunk das Problem engagiert an.

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Freifunk-Aktivist Matthias Marx kann nicht nachvollziehen, warum WLAN-Verbindungen in Erstaufnahmeinrichtungen kein Standard sind.

Mitglieder der Initiative geben Teile ihrer persönlichen Netzwerkkapazitäten ab, und versorgen so ganze Flüchtlingsunterkünfte mit freiem WLAN. Im Hamburger Stadtteil Harburg etwa können dank des 26-jährigen Matthias Marx 700 Menschen mit ihren Familien in der Heimat kommunizieren, sich über Angebote in der Stadt informieren, Deutsch lernen. Die mobile Internetverbindung, die die Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge nutzen können, stammt direkt aus der Wohnung des Internet-Aktivisten: "Ich wohne direkt gegenüber. Das heißt, ich musste einfach nur einen Router ins Fenster stellen und konnte die Flüchtlinge über eine gerichtete Verbindung erreichen." Eine sogenannte Sektor-Antenne ist alles, was auf dem Gelände der Unterkunft installiert werden musste.

"Internet gehört zur Grundversorgung"

Überall auf dem Gelände der Erstaufnahmeeinrichtung in Harburg sitzen Menschen mit ihren Smartphones und telefonieren, schreiben, oder schauen Videos. Im Vergleich zu anderen Unterkünften ist das eine Ausnahme, denn die meisten Flüchtlinge müssen nach ihrer Ankunft in Deutschland monatelang ohne Internetzugang auskommen. Für den Studenten Marx ist das überhaupt nicht nachvollziehbar. Internet gehöre zur Grundversorgung. Vor allem, so Marx, für Menschen, die ohne ihre Familien ihre Heimat verlassen und fliehen mussten.

Sinnvoll beschäftigen - mit Online-Deutschkursen

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Shadi ist aus dem Bürgerkriegsland Syrien geflüchtet. Via Smartphone hält er Kontakt zu seiner Familie in der Heimat.

Einer von ihnen ist der 23-jährige Syrer Ahmad: "Internet ist für mich sehr wichtig. So halte ich den Kontakt mit meinen Eltern und Freunden. Ich lerne auch Deutsch und informiere mich über Universitäten." Ahmad möchte Medizin studieren. Nach vier Monaten in der Erstaufnahme hat sein Deutschkurs aber noch immer nicht begonnen. So ist das Internet für ihn zurzeit eine Möglichkeit, sich über Online-Deutschkurse sinnvoll zu beschäftigen. Auch der 26-jährige Syrer Shadi sieht das so: "Wir dürfen ja nicht arbeiten. Und bis unser Asylantrag durch ist, können wir uns auch nicht an Schulen oder Universitäten bewerben. Es bleibt also nur das Internet, um zu lernen, und uns vielleicht auch schon mal über Arbeits- und Wohnmöglichkeiten für die Zukunft zu informieren."

Das Smartphone als Brücke in die Heimat

Für den Innenarchitekten Shadi ist sein Smartphone das kostbarste Gut. Als er in Deutschland ankam, war er durch Granatsplitter schwer verletzt, musste sich einer zwölfstündigen Operation unterziehen. Seit seiner Entlassung müsse er nun ständig für seine Eltern erreichbar sein, mindestens zweimal täglich telefoniert er mit ihnen - und es kostet ihn nichts.

Flüchtlinge in anderen Unterkünften geben stattdessen viel Geld für teure Internetkarten aus. Bei monatlich 140 Euro Taschengeld bleibt dann für Unternehmungen nichts mehr übrig. Und so ist Shadi dem Studenten Matthias Marx für sein Engagement sehr dankbar: "Er kann verstehen und nachfühlen, wie es uns hier ergeht. Wie wichtig es für uns ist, unsere Familien über Skype zu sprechen und auch zu sehen. Er ist ein sehr guter Mann."

Freifunker hoffen auf Unterstützung der Stadt Hamburg

Der Internet-Aktivist empfindet diese Worte als Ansporn. Noch in dieser Woche will er sich um die Internetverbindung auf dem Flüchtlingswohnschiff "Transit" im Harburger Binnenhafen kümmern. Wenn er als Freifunker das nicht tue, dann tue es wohl keiner, sagt Marx: "Ich glaube, dass es für die Flüchtlinge sonst kein Internet gäbe. Es gibt in Hamburg fast Hundert Erst- und Zweitaufnahmestellen und nur die wenigsten haben Internet für die Flüchtlinge." In der Regel seien es Nachbarn und lokale Initiativen, die mit Zugängen zu freien WLAN-Verbindungen helfen.

Um alle Flüchtlingseinrichtungen versorgen zu können, braucht es Geld. Und so hofft Marx darauf, dass die Initiative Freifunk in Zukunft von der Stadt Hamburg unterstützt wird, damit ein Internetzugang für Flüchtlinge bald keine Ausnahme mehr ist.

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NDR Info | 12.08.2015 | 07:50 Uhr