Stand: 23.11.2015 18:52 Uhr

Zu Hause in Hamburg-Hoheluft

von Jil Hesse

Ein Strom, eine Welle oder gar eine Lawine? Viele Flüchtlinge kommen derzeit nach Deutschland und an vielen Orten scheinen die öffentlichen Strukturen überfordert - ehrenamtliche Helfer springen ein. In einer schönen Altbauwohnung im gutbürgerlichen Hamburg-Hoheluft wird die Masse zum Einzelfall, werden Flüchtlinge zu Mitbewohnern, geschieht das, was langfristig in großem Maß gelingen muss: Hier wird Integration gelebt. Damit könnte allerdings bald Schluss sein.

"Freunde meiner Tochter haben angerufen und gesagt: 'Da kommen Leute aus Wien'. Und sie haben gefragt, ob wir uns um sie kümmern können. 'Eine Frau mit einer weißen Mütze und einer Decke ist dabei, daran könnt ihr sie erkennen'." Das war vor zwei Monaten. Seitdem hat die Rechtsanwältin Katharina Boehm neue Mitbewohner: Flüchtlinge aus Syrien.

Zuhause auf Zeit

Mit dem kleinen Talal, der gerade seinen dritten Geburtstag gefeiert hat, kamen seine Eltern Essraa und Sado und sein Onkel Muhammad nach Deutschland - zu Fuß, mit Bus, Auto und Schlauchboot, wie so viele andere. In Hamburg hatten sie Glück. Behördengänge, Deutschunterricht, finanzielle Unterstützung - sogar ein Kindergartenplatz für Talal hat das Netzwerk aus Nachbarn und Freunden um Katharina Boehm organisiert. Und auch menschlich kommt man sich näher: “Ich fühle mich sehr wohl hier und ich liebe meine neue Familie. Ich möchte gerne eine neues Leben beginnen und zur Schule gehen - hier in Hamburg“, erzählt Essraa lächelnd.

Der Königsteiner Schlüssel

Welches Bundesland wie viele Asylbewerber aufnehmen muss, wird in Deutschland nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel festgelegt. Die Verteilung auf die Bundesländer, erklärt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auf seiner Internetseite, richtet sich dabei nach den Steuereinnahmen und der Bevölkerungszahl der Länder. Diese Quote wird jährlich neu ermittelt. Nordrhein-Westfalen hat in diesem Jahr mit 21,2 Prozent die höchste und Bremen mit 0,9 Prozent die niedrigste Quote. Niedersachsen muss 2015 demnach 9,4 Prozent der Flüchtlinge aufnehmen.  
In welche Erstaufnahmeeinrichtung die Asylsuchenden aufgenommen werden, richtet sich nach den jeweils aktuellen Kapazitäten der einzelnen Unterkünfte. Dabei spielt auch eine Rolle, in welcher Außenstelle des BAMF das Heimatland des Asylbewerbers bearbeitet wird. Denn nicht jede Außenstelle bearbeitet jedes Herkunftsland.

Dass das klappt ist jedoch vorerst unwahrscheinlich. Schon bald wird die 24-jährige Syrerin mit ihrem Mann und den zwei Kindern die neuen Freunde verlassen müssen. Grund ist der sogenannte "Königsteiner Schlüssel", der die Verteilung der Geflohenen auf die Bundesländer regelt. In diesem Fall: Sachsen. Die Familie wird in eine zentrale Erstaufnahme nach Chemnitz geschickt und von dort aus einer Unterkunft zugewiesen - obwohl sie, wenn es nach Katharina Boehm ginge, weiter bei ihr bleiben könnte. Ein Sprecher der Ausländerbehörde würdigt einerseits das Engagement der Freiwilligen, begründet andererseits die Behördenentscheidung mit der Quotenregelung: "Die Verteilung von Asylsuchenden dient der gleichmäßigen Auslastung der Bundesländer. Hamburg gehört zu den Bundesländern, in denen sich mehr Flüchtlinge melden als nach dem Königsteiner Schlüssel vorgesehen ist. Vor diesem Hintergrund wurde die Familie einem Bundesland zugewiesen."

Helferin Carolin Lange ist enttäuscht: "Ich habe Verständnis dafür, dass die Behörden so überfordert sind, dass sie keine Ausnahmeregelung machen können. Auf der anderen Seite: Das, was wirklich eine langfristige Integration zur Folge hat, wird verhindert".

Integration mit Herzblut

Talals Onkel Muhammad musste bereits umziehen. Als er noch in Hamburg war, ging er regelmäßig mit Katharina Boehm zum Chor, er bekam mehrmals in der Woche Deutschunterricht und er kümmerte sich um Talal. Jetzt wohnt er in einer Unterkunft in Görlitz - getrennt von seiner Familie. Dass die hochschwangere Essraa und ihre Kernfamilie bis zur Geburt und etwas darüber hinaus bleiben durften, hatten die neuen Freunde erreicht. Es war aber nur ein Aufschub. Am 28. Dezember müssen auch sie gehen.

Bild vergrößern
Wie viele andere Flüchtlinge kam die Familie unter anderem per Schlauchboot nach Europa. Essraa war während der Reise im siebten Monat Schwanger.

Mittlerweile ist die Familie zu viert. Essraa hat ihr Baby bekommen. Die kleine Judy wandert friedlich schlafend von Arm zu Arm, sie hat viele Tanten und Onkel, die sich hier um sie kümmern. Die Ehrenamtlichen haben in den letzten zwei Monaten einiges geschafft. Dabei haben sie sich von den Behörden oft allein gelassen gefühlt. Dafür hat Katharina Boehm zwar Verständnis, sie hat aber auch einen großen Wunsch: "Ich finde es in Ordnung, dass in dieser Ausnahmesituation viel Ehrenamt geleistet wird. Dafür muss der Staat sich auch nicht bedanken. Es wäre für uns nur sehr erleichternd, wenn es wenigstens nicht zusätzlich erschwert würde. Wenn das, was wir hier mit ganz viel Enthusiasmus, Zeit, Kraft, Herzblut und Liebe aufgebaut haben - dass die hier wirklich wunderbar landen können und in einem Blitztempo integriert sein können-, nicht vom Staat mit dem Arsch wieder eingerissen würde."

Gruppenfoto in der WG-Küche von Katharina Boehm. © privat

Der Beitrag zum Nachhören

NDR Kultur -

In Hamburg lebt die Rechtsanwältin Katharina Boehm mit syrischen Flüchtlingen unter einem Dach. Die Integration in den eigenen vier Wänden klappt gut - aber nun muss die Familie umziehen.

4,08 bei 13 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Weitere Informationen

"Ich mag es nicht, Tschüs zu sagen"

In Hamburg lebt die Rechtsanwältin Katharina Boehm mit syrischen Flüchtlingen unter einem Dach. Die Integration klappte gut - nun musste die Familie Hamburg verlassen. mehr

Flüchtlinge in Norddeutschland

Viele Flüchtlinge sind in Norddeutschland angekommen. Auf NDR.de finden Sie aktuelle Meldungen und Hintergründe rund um das Thema sowie Informationen speziell für Flüchtlinge. mehr

Wie wir mit Flüchtlingen zusammenleben

NDR Reporter begleiten mehrere Monate lang Flüchtlinge und Norddeutsche, die mit ihnen zu tun haben. Welche Hoffnungen und Ängste haben sie? Und wie entwickelt sich das Zusammenleben? mehr

Hand in Hand für Norddeutschland

Hand in Hand für Norddeutschland - unter diesem Motto realisiert der NDR einmal im Jahr eine Benefizaktion von Hörfunk, Fernsehen und Online. 2016 läuft sie vom 5. bis 16. Dezember. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 24.11.2015 | 06:40 Uhr