Stand: 14.01.2016 13:08 Uhr

Flüchtlinge distanzieren sich von Silvester-Tätern

von Susanne Röhse
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Der Syrer Magd Aldahouk verurteilt die Taten in der Silvesternacht - und zeigt dies auch ganz offen am Hamburger Hauptbahnhof.

Die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht auf der Hamburger Reeperbahn sind auch zwei Wochen danach noch Gesprächsthema Nummer eins in der Stadt. Wie NDR 90,3 am Donnerstag berichtete, ist die Zahl der Opfer inzwischen auf mehr als 300 Frauen gestiegen. Viele Menschen sind verunsichert, fragen sich, ob die Integration so vieler Flüchtlinge überhaupt gelingen kann, viele befürchten, dass die Stimmung kippt.

Flüchtlinge verurteilen die Taten

Am Hamburger Hauptbahnhof sprechen sich auch zahlreiche Flüchtlinge für eine Verurteilung der Täter aus. Der Syrer Magd Aldahouk kommt seit einer Woche täglich hierher - immer, wenn er keinen Deutschunterricht hat. Vor sich hält er ein großes Plakat mit dem Schriftzug "Wir sind Syrer, wir verurteilen jede anzügliche Provokation und Belästigung unserer Gastgeberinnen und Gastgeber. Danke Deutschland."

Aldahouk fügt hinzu: "Ich bin hier in Deutschland seit einem Jahr. Ich bin kein fremder Mann; ich bin ein Mann dieser Gemeinde. Bis jetzt waren wir willkommen und was passiert ist, kann ich nicht akzeptieren."

Mitgefühl unter den Flüchtlingen für die Opfer

Andere Flüchtlinge zeigen Mitgefühl mit den Opfern der Gewalt, Scham darüber, dass Flüchtlinge die Täter gewesen sein sollen. Er hoffe, dass die Täter schnell gefasst und hart bestraft werden, so ein junger Afghane. Er befürchtet, dass die Vorfälle auf alle Flüchtlinge in Deutschland zurückfallen werden, und bittet die Deutschen, Flüchtlinge nicht pauschal zu verurteilen. Schijar Achmed aus Syrien und Abderezak Ahmed aus Eritrea nicken zustimmend. Auch ihnen ist es ein Anliegen zu sagen, dass sie die Taten verurteilen und hoffen, weiterhin willkommen zu sein.

Flüchtlingshelfer: Herausforderungen größer als gedacht

Hakim, ehrenamtlicher Helfer am Hauptbahnhof, hört von vielen Flüchtlingen, die sich Sorgen machen. Der Syrer lebt seit drei Jahren in Deutschland. Er fühlt sich als Teil dieses Landes. Die Leiterin der Flüchtlingsunterkunft in Neugraben-Fischbek, Dieta Brandt, forderte, die Integration noch schneller und entschlossener voranzutreiben, um Menschen wie Hakim an Ausbildung und Arbeit teilhaben lassen. Möglicherweise seien die Herausforderungen der Integration von Flüchtlingen größer, als viele im Überschwang des Willkommens gedacht hätten, so Brandt im Gespräch mit NDR 90,3. Darüber müsse man offen reden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 14.01.2016 | 11:40 Uhr

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