Stand: 22.02.2016 15:56 Uhr

Fall Tayler: Schärfere Kontrollen angekündigt

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Kündigte stärkere Kontrollen im Arbeitsalltag von Jugendämtern an: Sozialsenatorin Leonhard.

Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) hat am Montag den offiziellen Prüfbericht zum gewaltsamen Tod des einjährigen Tayler vorgestellt. Als Konsequenz daraus soll künftig stärker als bisher auf die strikte Einhaltung von Vorschriften geachtet werden, wie NDR 90,3 berichtet. Die Jugendhilfeinspektion hatte dem betreuenden Jugendamt Hamburg-Altona und dem Rauhen Haus schwere Versäumnisse vorgeworfen. Dass im Jugendamt Fehler gemacht wurden, lag laut Leonhard nicht an fehlenden Regeln, sondern daran, dass diese mehrfach missachtet wurden.

verpixeltes Foto von Frau mit kleinkind

Vorwürfe gegen Jugendamt im Fall Tayler

Hamburg Journal -

Im Fall des toten Säuglings Tayler werden Mitarbeitern des Jugendamtes und Familienbetreuern schwere Fehler vorgeworfen. Das geht aus einem Prüfbericht der Sozialbehörde hervor.

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Dazu gehörte auch die Rückführung des Kleinkindes zur Mutter, obwohl diese im Verdacht stand, Tayler misshandelt zu haben. Diese Entscheidung hatte eine Mitarbeiterin entgegen geltender Vorschriften alleine getroffen. Zur Einhaltung von Regeln und deren Kontrolle im Arbeitsalltag kündigte Leonhard an, werde es künftig in allen Bezirken Qualitätsbeauftragte geben.

Vorerst keine personellen Konsequenzen

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Altonas Bezirksamtsleiterin Melzer setzt auch auf Fortbildungen.

Liane Melzer, Bezirkschefin von Altona sagte, jeder im Jugendamt sei erschüttert. Man werde alles tun, um aus dem Fall zu lernen. Dazu gehöre auch eine Fortbildung, um künftig bei Kindeswohlgefährdung sensibler zu reagieren. Personelle Konsequenzen soll es vorerst nicht geben, so Melzer.

Die Hamburger CDU hatte nach dem Bekanntwerden des Prüfberichts von einem "skandalösen Behördenversagen" gesprochen. Der Bericht dokumentiere eine "Kette desaströser Fehlentscheidungen" im Jugendamt Altona, hieß es in einer Mitteilung.

Verein Kinderhilfe fordert mehr Personal

Der Verein Deutsche Kinderhilfe forderte als Konsequenz mehr Personal für das Hamburger Jugendamt. Bei Kindeswohlgefährdungen sollte ein Mitarbeiter nicht mehr als 28 Fälle bearbeiten, sagte der Vorstandsvorsitzende Rainer Becker. In Hamburg seien es im Durchschnitt noch immer 90 Fälle. Auch Becker sehe die Schwachstelle einer mangelhaften Kontrolle durch das Jugendamt. Dies habe die Betreuung des Kindes weiterdelegiert, aber nicht kontrolliert. "Das heißt, dass der Träger Rauhes Haus klare Hinweis hätte erhalten müssen, dass dieses Kind schon in seiner Biografie anscheinend misshandelt worden sein dürfte", so Becker. Man hätte klar vorgeben müssen, was zu erfolgen habe, wenn erneut Misshandlungen festgestellt würde.

"Wenn man ein Kind in der Familie lässt, weil man möglicherweise selber nicht genügend Kenntnisse hat, ist das für ein Kind natürlich extrem gefährlich", sagte Becker, "weil es am nächsten Tag tot sein könnte, wenn die Situation weiter eskaliert". Er forderte weiterhin, bei der Bewertung von Spuren von Verletzungen Rechtsmediziner hinzuzuziehen. "Denn das sind die Fachleute, die am ehesten einschätzen können, ob die Spuren auf Gewalt beruhen", so Becker.

Mehrfach Auffälligkeiten nicht gemeldet

Laut dem Prüfbericht der Jugendhilfeinspektion wurde das Risiko für das Kleinkind falsch eingeschätzt. Mindestens drei Familienbetreuerinnen hatten innerhalb der letzten sechs Wochen vor dem Tod des Kindes auffällige Blessuren am Kopf festgestellt: Sechs Mal blaue Flecken, Beulen, Kratzer und Striemen am Kopf. Sie hatten diese Beobachtungen aber nicht dem Jugendamt gemeldet.

Die Entscheidung, dass Tayler seiner Mutter zurückgegeben wurde, obwohl Monate vor seinem Tod schon der Verdacht auf Misshandlung bestand, hatte offenbar eine Mitarbeiterin im Jugendamt allein getroffen. Mehrere Kollegen hätten beteiligt sein müssen, zumal der Grund für die Verletzungen Taylers schon im August letzten Jahres nicht geklärt war. Außerdem gab es viele Zweifel an der Erziehungsfähigkeit der Mutter. Sie hatte nur mangelhaft mitgearbeitet und viele Beratungstermine abgesagt.

"Kein Zusammenhang" mit Tod des Kindes

Laut Bericht waren das Fehler und Verstöße gegen klare Vorschriften. Dennoch soll es "keinen unmittelbaren Zusammenhang" zwischen dem Handeln des Jugendamtes und dem Tod des Kleinkindes gegeben haben, sagen die Kontrolleure. Sie weisen daraufhin, dass Affekthandlungen oder Impulsausbrüche durch Täter mit Todesfolgen für die Opfer nicht vorherzusagen oder auszuschließen sind. Eine sorgfältige und wiederholte Risikobewertung hätte Tayler allerdings mehr Sicherheit geboten.

Wie "Spiegel-Online" berichtet, sollen die Prüfer in ihrem Bericht zudem eine schlampige Aktenführung, lückenhafte Dokumentation und fehlende Gesprächsprotokolle monieren. Es habe in der zuständigen Abteilung eine Kultur geherrscht, die es erlaubte, dass Mitarbeiter Regeln missachteten. Man habe "darauf verzichtet, das Kind in den Blick zu nehmen und einen tieferen Einblick in die Familie zu erhalten".

Warten auf den Obduktionsbericht

Der zwölf Monate alte Tayler war am 19. Dezember 2015 an einem mutmaßlichen Schütteltrauma gestorben. Der endgültige Obduktionsbericht soll voraussichtlich Ende des Monats vorliegen. Durch ihn hoffen die Ermittler auch herauszufinden, wann genau die Tat geschah. Das ist bisher noch unklar. Tayler war am 12. Dezember ins Krankenhaus gebracht worden und sieben Tage später gestorben. Gegen die 23-jährige Mutter aus Altona-Nord und ihren Freund, der nicht Taylors Vater ist, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen eines Tötungsdelikts. Beide sind derzeit auf freiem Fuß.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 22.02.2016 | 15:00 Uhr