Stand: 22.09.2015 09:49 Uhr

Immobilienwirtschaft warnt vor neuen Ghettos

Hamburger Wohnungsunternehmen und die Opposition haben die geplanten 5.500 Express-Wohnungen für rund 20.000 Menschen kritisiert. "Ich warne davor, Flüchtlinge auf der grünen Wiese zu konzentrieren, wie das in den 1970er-Jahren mit den Hochhaussiedlungen geschah", sagte der Chef des Wohnungsverbands VNW, Andreas Breitner, NDR 90,3. Die Bewohner stünden dort schnell am Rande der Gesellschaft. Auch der FDP-Bauexperte Jens Meyer warnte vor dem Entstehen neuer Ghettos.

"Ich kenne kein einziges Mehrfamilenhaus, das in nur einem Jahr entstanden ist", sagte Axel Wittlinger, der Chef des Immobilienverbands IVD Nord. Er sorgt sich daher, dass Verwaltungsgerichte die Expressbauten stoppen könnten. Und die Linken-Abgeordnete Heike Sudmann sagte, mann dürfe der Genehmigung die Bezirke nicht übergehen.

Behörde will Wohnungsbau beschleunigen

Hamburgs Stadtentwicklungsbehörde will wegen des Zustroms von Flüchtlingen den sozialen Wohnungsbau massiv beschleunigen. Im Gespräch ist auch, vom 1919 eingeführten Grünachsen-Konzept von Oberbaudirektor Fritz Schumacher abzuweichen, das bisher die Bebauung langer Grünstreifen von der Innenstadt zum Stadtrand verhindert. "Vor einem Jahr habe ich nicht im Traum gedacht, dass wir zum Wohnungsbau an Flächen rangehen müssen, wo es wehtut", sagte Olaf Duge (Grüne) zu NDR 90,3. Nun plane man in die Grünachsen hinein. Das sei eine Belastung, aber Menschen gingen vor, so Duge.

Hamburgs grüne Achsen

Das Grünachsen-Konzept von Oberbaudirektor Fritz Schumacher ist der Urplan der Hamburger Stadtentwicklung. 1919 legte Schumacher seinen Entwurf vor, der die Wohn- und Industrieachsen von den durchgängigen Grünflächen trennt. Er zeichnete elf Linien auf die Landkarte, die vom Stadtkern zum Stadtrand führen und zwischen diesen elf Bebauungssträngen liegen durchgängige Wiesen-, Park- , Schrebergärten- und Waldgebiete, die nicht bebaut werden dürfen. Eine dieser Grünachsen führt etwa vom Hirschpark über die Sülldorfer Feldmark vorbei am Osdorfer Born bis über Stadtgrenze bei Schenefeld hinaus. Eine andere Grünachse liegt an der S-Bahnlinie nach Bergedorf. Auch das Alstertal gilt als Grünachse.

Jeder Bezirk muss eine Fläche von sieben Hektar Größe für sofortigen Wohnungsbau nennen. So sollen laut NDR 90,3, innerhalb eines Jahres Hunderte mehrstöckige Wohnhäuser entstehen. Möglich wäre das nur am Stadtrand mit Fertigbauteilen. Trotz der Fertigbauteile verspricht Dirk Kienscherf (SPD) hübsche Häuser. Bis Jahresende solle ein Konzept stehen.

Scheele: "Großunterkünfte sind unausweichlich"

Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) bezeichnete wenige Tage vor seinem Wechsel zur Bundesagentur für Arbeit große Flüchtlingsquartiere als unausweichlich. Kleinere Unterkünfte seien nach Auffassung seiner Behörde schon aufgrund der hohen Personalkosten zu teuer. Allerdings müssten die Flüchtlinge möglichst schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden, um am Ende aus den Unterkünften wegziehen und eine andere Wohnung finden zu können, sagte Scheele.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 22.09.2015 | 09:00 Uhr