Stand: 12.08.2016 15:30 Uhr

Das Glück liegt an Land, nicht auf dem Meer

von Thomas Jähn

Soeben hat einer der knalligfarbenen Shuttle-Busse einen neuen Schwung an Seemännern vor der Seemannsmission in Waltershof abgeladen: sechs junge Philippinos, deren Schiff in der Norderwerft zur Reparatur liegt. Die erste Station im Duckdalben ist meistens der kleine Kiosk. Vom Kettenanhänger bis zur Zahnseide gibt es hier eigentlich alles, was man als Seemann so braucht. Hinter dem rustikalen Verkaufstresen steht Jacob Thomas - schmächtige Statur, kurze, dunkle Stoppelhaare - und berät souverän die neugierig blickenden Seeleute. Erst seit zwei Wochen arbeitet er hier, leistet seinen Bundesfreiwilligendienst in der Seemannsmission. "Das Schöne an der Arbeit ist der Kontakt mit den Seeleuten und etwas von einem Leben zu erfahren, das man so selbst nicht kennt." Der 18-Jährige ist für diese Stelle extra von Bielefeld nach Hamburg gezogen. Etwas Ausgefallenes sollte es sein, international und weg von Zuhause - ein kleines Abenteuer. Und Thomas ist sicher, dass er das hier unter all den Seemännern finden wird.

Seemannsmission Duckdalben - Ein Stück Heimat auf Zeit

Süße Trosttafeln gegen das Heimweh

Was in keiner der papiernen Einkaufstüten fehlt: Schokolade. "In guten Monaten verkaufen wir eine Tonne Schokolade an die Seeleute", sagt Seemannsdiakon Jan Oltmanns. Ob als kleines Andenken für die Liebsten in der Ferne oder als süßer Trostspender für die Seeleute selbst - Schokolade ist der unangefochtene Bestseller im Shop. "Ich glaube, der Zuckerbedarf wächst im Quadrat zur Entfernung zu den Liebsten", sagt Oltmanns.

Wer sich mit Shampoo, Souvenirs und Süßigkeiten eingedeckt hat, lässt sich in einer der zahlreichen Sitzecken in der Seemannsmission nieder und holt das Handy aus der Hosentasche. Die Gespräche mit Freunden und der Familie in der Heimat sind essentieller Bestandteil des Landgangs, ob nun per Smartphone oder noch ganz klassisch per Fernsprechautomat. Auch wenn sich vieles geändert hat seit die Seemannsmission am 13. August 1986 eröffnet wurde, geblieben sind das Heimweh und die Einsamkeit der Seeleute. "Schade ist, dass es heutzutage noch immer das W-LAN-Netz des Seemannsclubs braucht, um in Ruhe nach Hause zu skypen, weil die Möglichkeiten an Bord der Schiffe nicht immer gegeben sind", sagt Oltmanns.

"Freundschaften sind etwas sehr Seltenes"

Jan Oltmanns ist einer der Gründerväter vom Duckdalben und seit 30 Jahren dabei. Er hat zahlreiche Veränderungen miterlebt: Die Schiffe sind größer geworden, die Touren auf den Ozeane länger, die Liegezeiten in den Häfen immer kürzer. "Früher lagen die konventionellen Frachter mit 10.000 Tonnen Ladung und 40 Mann Besatzung auch mal eine ganze Woche hier im Hafen, heute sind es manchmal nur noch wenige Stunden", sagt Oltmanns. "Dadurch ist das Miteinander auch ganz anders. Und da die Seeleute nicht Herr ihrer Wege sind, sind Freundschaften auch nach 30 Jahren noch etwas sehr Seltenes."

Seeleute verschiedener Nationalitäten verbringen den Abend in der Seemannsmission Duckdalben in Hamburg.  Fotograf: Bodo Marks

30 Jahre Duckdalben: Der Shuttle-Service

NDR 90,3 -

Damit die Seeleute aus dem Hafen in den Seemannsclub Duckdalben in Waltershof kommen können, gibt es einen Shuttle-Service. Ehrenamtliche Helfer fahren die Shuttle-Flotte.

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Ein Stück Heimatgefühl schenken

Die Seemannsmission ist auch ein Sinnbild für das Miteinander verschiedenster Nationalitäten und Religionen. In seinen 30 Jahren zählte der Club insgesamt mehr als 900.000 Besucher aus 180 Ländern. Allein im vergangenen Jahr kamen über 34.500 Gäste in die Seemannsmission. Viele der heutigen Seefahrer stammen aus Indien, China, der Ukraine und Russland.

Der größte Teil aber sind Seeleute von den Philippinen. Sowohl für sie als auch für Betreuerin Gil Fortich-Taeubner eine schöne Situation. Auch sie stammt von den Philippinen, arbeitet seit zehn Jahren als Betreuerin im Duckdalben und weiß um die Vorzüge der gleichen Herkunft: "Die Seeleute zögern nicht, mich anzusprechen, mir Fragen zu stellen und über Sorgen zu reden. Ich wiederum freue mich Landsleute zu treffen und meine Muttersprache sprechen zu können. So schenken wir uns gegenseitig ein Stück Heimatgefühl, das verbindet."

Stummes Sinnbild für multireligiöses Miteinander

Die 18 festen und 80 ehrenamtlichen Mitarbeiter des Clubs, sowie eine Handvoll Bundesfreiwilligendienstler geben täglich ihr Bestes, um den Seeleuten eine schöne Zeit während ihres kurzen Aufenthalts an Land zu ermöglichen. Sie bieten ärztliche Beratung oder helfen den Seeleuten bei Geldüberweisungen in die Heimat. An der kleinen, urigen Bar können die Seeleute Kaffee und Snacks verzehren, sich auf der Couch ausruhen, draußen Fußball spielen, drinnen Tischtennis oder Billard. Und für Musikliebhaber stehen Instrumente und ein Karaoke-Zimmer zur Verfügung. Wer es anz ruhig mag, besucht den sogenannten Raum der Stille. Sechs der großen Weltreligionen haben hier einen kleinen Altar, in Kreisform nebeneinander aufgebaut - ein stummes Sinnbild für multireligiöses Miteinander.

Der Dank hängt von der Decke

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Ein Meer aus Rettungsringen zum Dank der Seeleute an die Mitarbeiter des Seemannclubs.

Auch wenn die Auszeiten im Duckdalben nur kurz andauern, sie sind intensiv und wichtig für die Seeleute. Als Dank bekommen die Club-Mitarbeiter immer wieder kleine Souvenirs mitgebracht, die überall im Haus verteilt sind. Kleine Erinnerungsstücke an 30 Jahre Seemannsmissionsarbeit: Masken und Malereien, Tafeln und Fähnchen, kleine Figuren und Wandschmuck. "Ich sehe mich schon als den Herr der Ringe, bei all den Rettungsringen, die hier an der Decke hängen", sagt Leiter Jan Oltmanns mit Blick nach oben. Mehr als 70 der orange-roten Schwimmreifen hängen dort bereits. "Ansonsten bin ich einfach sehr dankbar dafür, dass die Seeleute auf diese sehr direkte Weise ausdrücken: Es hat uns so gut bei Euch gefallen, wir möchten einen Fußabdruck hinterlassen."

Ein Haus voller Schätze und Geschichten

Diesen Fußabdrücken ist die ehrenamtliche Mitarbeiterin Bärbel Thomamüller intensiver nachgegangen - anfangs eher unfreiwillig. Rückenprobleme haben längere Arbeitseinsätze verhindert, da hat sie sich kurzerhand Alternativaufgaben gesucht und ihre neue Bestimmung in den Erinnerungsstücken des Hauses gefunden. Denn bei vielen der bunten, skurrilen und interessanten Exponaten ist nicht mehr ganz sicher, wann und wer sie eigentlich ins Haus gebracht hat. Nun widmet sich die Rentnerin den kleinen Schätzen, recherchiert Herkunft und Bedeutung im Internet und in Büchern, kombiniert und versucht, "Anfang und Ende der Geschichten zusammenzuführen", wie sie betont. Insgesamt 39 Geschichten hat sie mittlerweile geschrieben, 30 davon erscheinen jetzt in einer kleinen Broschüre - passend zum 30-jährigen Jubiläum der Seemannsmission Duckdalben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 10.08.2016 | 11:40 Uhr

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