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Böses Neues Jahr - Die Suche nach den Silvestertätern

Die Silvesternacht 2016: In Köln, Hamburg und Stuttgart kommt es in dieser Nacht zu mehr als 1.000 sexuellen Übergriffen auf Frauen. Polizei und Staatsanwaltschaft arbeiten seitdem intensiv daran, die Taten aufzuklären. In Hamburg haben die Ermittler in den vergangenen Monaten mehrere Tatverdächtige in U-Haft gebracht.

Doch sind sie wirklich schuldig? Es gibt erhebliche Zweifel. (Stand: 10.7.2016)

Die Silvesternacht

Die Silvesternacht

In Hamburg verläuft die Silvesternacht scheinbar wie in jedem Jahr. Zehntausende drängeln über die Reeperbahn und die Große Freiheit, feiern, trinken, böllern.

Doch in dieser Nacht gibt es mehr als 400 gewaltsame sexuelle Übergriffe auf Frauen - begangen von wahrscheinlich Hunderten Tätern. Und das allein in Hamburg.

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Die Silvesternacht

Zwei Frauen schildern, was sie in dieser Nacht erlebt haben.

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Schwierige Ermittlungen

Schwierige Ermittlungen

Der Schock über das, was passiert ist, sitzt tief. In Hamburg wird die Ermittlungsgruppe "Silvester" ins Leben gerufen.

Ihr Auftrag: Möglichst viele Taten aufklären, möglichst viele Täter gerichtsfest ermitteln.

Sie stehen dabei allerdings unter massivem Druck. Die Politik, die Öffentlichkeit - alle verlangen Aufklärung und rufen nach harten Strafen.

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Schwierige Ermittlungen

In der Ermittlungsgruppe arbeiten 26 Beamte vom Landeskriminalamt. In den ersten Tagen vernehmen sie etliche Frauen, die auf der Reeperbahn gewesen sind - auch Türsteher und Barkeeper.

Doch die Arbeit gestaltet sich schwierig. Es gibt keinen klassischen Tatort wie bei einem Mordfall. Es gibt keine Fingerabdrücke oder DNA-Spuren.

Was es gibt, sind Handyvideos, Fotos und Erinnerungen - doch vieles davon ist unscharf.

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Schwierige Ermittlungen

"Wie wollen wir denn eigentlich die Täter identifizieren? Jetzt haben wir ja richtige Probleme", so schildert der Leiter der Ermittlungsgruppe "Silvester", Steffen Hitschke, die damalige Lage.

Der Wendepunkt

Der Wendepunkt

Schließlich bittet die Polizei die Bevölkerung um Mithilfe. Und erzielt tatsächlich einen Durchbruch. Ein Partyfotograf meldet sich. Er hat in der Nacht an der Großen Freiheit gearbeitet und von einem Dach aus Bilder geschossen.

Mit diesen Fotos ändert sich alles. Sie scheinen Licht in die Geschehnisse der Nacht zu bringen. Ein Wendepunkt in den Ermittlungen.

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Der Wendepunkt

Die Ermittler sprechen von einem "Geschenk". Einige Frauen erkennen auf den Bildern Personen wieder, erinnern sich vor allem an auffällige Kleidungsstücke wie Jacken, bunte Turnschuhe oder Mützen.

"New York Cap"

"New York Cap"

So erkennt eine Frau eine helle Schirmmütze wieder. "Der mit der Mütze" habe sie angefasst, sagt sie aus. Die Ermittler geben ihm den Namen "New York Cap".

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"New York Cap"

"New York Cap" heißt Adel K. Er kommt aus Tunesien und lebt seit einigen Monaten in einer Flüchtlingsunterkunft in der Nähe von Lüneburg.

Er bestreitet, etwas mit den Übergriffen zu tun zu haben.

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"New York Cap"

Ist er tatsächlich unschuldig? Auf den Bildern des Partyfotografen ist eindeutig zu erkennen, dass er am Silvesterabend in der Großen Freiheit war.

Sie zeigen aber nicht die Tat. Die Zeugin erinnert sich an die Schirmmütze, nicht jedoch an sein Gesicht. Die Frage ist also: Kann man anhand der Schirmmütze nachweisen, dass er die Frau angefasst hat? Dass er schuldig ist?

Staatsanwaltschaft und Gericht entscheiden: dringender Tatverdacht. Adel K. kommt Anfang März in Untersuchungshaft.

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Doch im Juni wird Adel K. wieder freigelassen - zumindest vorläufig. Ein Gericht hat entschieden, dass die Beweise für eine Untersuchungshaft nicht ausreichen. Die Identifizierung sei nicht deutlich genug. Es liege deshalb doch kein dringender Tatverdacht vor.

"New York Cap"

Adel K. ist einer von insgesamt sechs Beschuldigten, die Polizei und Justiz aufgrund der Übersichtsfotos sowie von Zeugenaussagen identifizieren und verhaften. Sie alle sind Flüchtlinge, kommen aus Afghanistan, Iran, Tunesien und Marokko.

Im Mai dieses Jahres, fünf Monate nach Silvester, zeigen die Beamten sich zunächst zufrieden mit diesem Ergebnis.

Der erste Prozess

Der erste Prozess

Zu dieser Zeit kommt es auch zum ersten Prozess -die erste Verhandlung in Deutschland wegen eines sexuellen Übergriffs in der Silvesternacht. Angeklagt ist Gafhur N., ein 30-jähriger Afghane. Mitte Januar ist er verhaftet worden.

Der erste Prozess

Eine Zeugin hat ihn anhand der Fotos von der Großen Freiheit wiedererkannt. Sie zeigt sich sicher, dass er derjenige gewesen sei, der sie festgehalten habe, während andere ihr Kleid hochschoben und ihr zwischen die Beine fassten.

Der erste Prozess

Für die Verhandlung sind drei Tage angesetzt. Doch schon nach wenigen Stunden ist sie vorbei. Gafhur N. wird freigesprochen, nachdem er vier Monate lang in Untersuchungshaft gesessen hat.

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Der erste Prozess

Erst vor Gericht hat sich herausgestellt, dass es zu Fehlern bei den Ermittlungen gekommen war.

Unter anderem hat die Polizei entgegen der üblichen Vernehmungspraxis die junge Frau mit den Fotos 20 Minuten alleine gelassen. Deshalb konnten die Beamten nicht beobachten, wie spontan und sicher die Zeugin den mutmaßlichen Täter erkannt hat.

Der erste Prozess

Außerdem wiederholt die Frau vor Gericht, was sie schon bei den Vernehmungen ausgesagt hat - nämlich dass der Täter 1,80 Meter bis 1,90 Meter groß gewesen sei. Da sei sie sich ganz sicher. Gafhur N. misst allerdings nur 1,69 Meter. Ein klarer Widerspruch. Aber der ist mit der Zeugin nie erörtert worden.  

Am Ende sind sich vor Gericht alle einig: Freispruch. Gafhur N. kann nicht der Täter sein. Trotzdem saß er vier Monate in Untersuchungshaft. Pro Tag soll er nun 25 Euro Entschädigung bekommen. Sowohl das Opfer als auch die Öffentlichkeit müssen damit leben, dass kein Täter gefunden wurde. 

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Der erste Prozess

Als Gafhur N. das Gericht verlässt, sitzen die anderen Verdächtigen noch im Gefängnis. Was ist mit ihnen? Sind sie schuldig? Oder haben sie - wie Gafhur N. - nur das Pech, auf den Bildern aus dieser Nacht zu sein?

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"Blaue Jacke"

"Blaue Jacke"

Einer von ihnen ist Behzad S. Er wird festgenommen, nachdem ihn eine Frau auf einem Bild wiedererkannt haben will. Es geht um den Vorwurf von gemeinschaftlicher sexueller Nötigung und Vergewaltigung.

"Ich wurde von unten direkt angefasst, zwischen meine Beine, in meinen Intimbereich." So schildert die Geschädigte das, was ihr widerfahren ist.  "Das war eine Gruppe, einer hat zugegriffen, die anderen haben gelacht, die fanden das lustig." "Blaue Jacke" soll nicht zugefasst haben. Aber er soll geholfen haben, indem er die Frau mit den anderen umzingelte.

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"Blaue Jacke"

Die Polizei glaubt, die Gruppen seien gezielt auf die Frauen losgegangen. Der Leiter der Ermittlungen, Steffen Hitschke, sagt, die Männer seien "arbeitsteilig" vorgegangen.

"Blaue Jacke"

Behzad S. bestreitet alles - außer, dass er in dieser Nacht eine blaue Jacke getragen hat und mit Freunden auf der Reeperbahn gewesen ist. Er erklärt, es gebe Handy-Filme und Fotos, die - anhand des Zeitstempels - zeigten, dass er zur fraglichen Zeit gar nicht dort gewesen sei, wo die Tat geschah. Seine Freunde könnten dies auch bezeugen.

Dennoch wird Behzad S. verhaftet. Das Oberlandesgericht baut auf die Aussage des Opfers. Doch reicht das, was das Opfer erkannt hat: eine auffällige Jacke? Das Gesicht des Täters erkennt sie nicht wieder.

"Blaue Jacke"

Und was ist mit den Fotos? Sie zeigen Behzad S. auf der Großen Freiheit. Er war dort - allerdings wurden die Bilder erst um 0.44 Uhr geschossen. Die Tat soll nach Aussage der Betroffenen früher geschehen sein.

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"Blaue Jacke"

Tatsächlich hebt eine Hamburger Richterin den Haftbefehl auf. Es sei nicht sicher, dass Behzad S. zum Zeitpunkt der Tat am Tatort gewesen ist.

Nach 60 Tagen darf Behzad S. die Untersuchungshaft verlassen. Er kann vorerst zu seiner Familie zurückkehren. Die Anklage gegen ihn bleibt aber bestehen. Und die Staatsanwaltschaft will Behzad S. wieder in Haft sehen. Sie ist sich sicher, dass er sehr wohl zum Tatzeitpunkt am Tatort hätte sein können.

Über seine Schuld oder Unschuld wird in den nächsten Monaten vielleicht ein Gericht befinden.

Kritik an den Ermittlungen

Kritik an den Ermittlungen

Kurz nach dem Freispruch von Gafhur N. und der Entlassung von Adel K. können auch die anderen drei Verdächtigen die Untersuchungshaft verlassen. In einem Fall kritisiert die zuständige Richterin die Vernehmungen. Dabei habe es "Defizite" gegeben, die auch einem "gewissen Erwartungsdruck geschuldet gewesen sein mögen".

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Kritik an den Ermittlungen

Jonas Hennig arbeitet als Anwalt in Hamburg und Lüneburg und ist Verteidiger eines der Beschuldigten. Er kritisiert die Ermittler. Man habe einfach irgendwen als Täter präsentieren wollen.

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Kritik an den Ermittlungen

Oberstaatsanwalt Jörg Keunecke weist diese Vorwürfe zurück. Die Ermittler hätten ihr Bestes gegeben. Und sie hätten noch immer die Hoffnung, Taten aufklären zu können.

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Kritik an den Ermittlungen

Die Staatsanwaltschaft ist sich weiterhin sicher, die Richtigen verfolgt zu haben - bei allen Schwierigkeiten. Die Anklagen bleiben bestehen, Gerichte müssen jetzt  entscheiden. [Update vom 25.7.2016: Drei Tatverdächtige wurden wieder in Haft genommen.]

Aber schon jetzt ist klar: Die Silvesternacht kennt viele Verlierer. Die Flüchtlinge, die die jetzt wieder frei gelassen wurden und womöglich unschuldig in Haft saßen, und ihre Familien.

Aber vor allem: Die vielen Hundert Frauen, deren Peiniger unerkannt davonkommen.

Credits

Autoren: Britta von der Heide, Jan Liebold

Redaktion: Stephan Wels, Thomas Berbner, Georg Mascolo, Christian Baars

Kamera: Ronald Schütze, Eike Nerling, Britta von der Heide, Stephan Söffgen, Sven Wettengel, Thomas Wolf

Schnitt: Jannick Pommerenck

Musik: Michael Dommes

Animation: Chris Hees, Dirk Frömmer, Bastian Böhm

Sprecher: Gregor Höppner

Mitarbeit: Magdy Abdelkoddous, Aileen Struck

Produktionsleitung: Stefanie Röhrig

 

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Ernüchternde BKA-Bilanz nach Silvester-Übergriffen

Das Bundeskriminalamt hat seine Untersuchungen zur Silvesternacht abgeschlossen. Demnach konnten nach Informationen von NDR, WDR und SZ nur 120 Verdächtige ermittelt werden. Mehr bei tagesschau.de. extern

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