Stand: 23.11.2015 17:30 Uhr

Eine Stadt steht Spalier

von Daniel Kaiser

"Gigant". "Weltgewissen". "Instanz“". Ein Abschied von Helmut Schmidt ist ohne solche Superlative wohl nicht denkbar. Und doch sind es am Montag nicht diese großen Worte, die besonders nahe gehen, sondern die kleinen Dinge. So ist es rührend zu sehen, wie der schon betagte Henry Kissinger beim Staatsakt im Michel langsam nach vorne schreitet, um von seinem alten Freund Abschied zu nehmen. Er tut es auf Deutsch.

So sagen Tausende in Hamburg Tschüs

Schlichte Größe

"Herr Schmidt, Sie werden uns fehlen," sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie findet schlichte, schöne Worte, wie auch die ganze Feier eine schlichte Größe und eine große Würde hat. Schmidt hat das Programm vor seinem Tod weitgehend selbst bestimmt. Vor allem die Musik. Immer wieder erklingen Werke von Bach und Pachelbel. Kent Nagano dirigiert das berühmte "Air", und ein Chor singt Schmidts Lieblingslied "Der Mond ist aufgegangen." Vor dem Sarg, der von einer Deutschlandfahne bedeckt ist, strahlt ein einfacher Kranz aus Sonnenblumen, den Schmidts Tochter Susanne hat aufstellen lassen.

Weitere Informationen

Bewegender Abschied von Helmut Schmidt

Mit einem Staatsakt im Hamburger Michel haben 1.800 Gäste aus dem In- und Ausland Abschied von Helmut Schmidt genommen. Tausende Menschen erwiesen dem Ex-Kanzler bei einem Trauerzug die letzte Ehre. mehr

Das Who is Who der Politik nimmt Abschied. Alle sind da. Das politische Deutschland sitzt im Hamburger Michel. Ehemalige und aktive Bundespräsidenten, Minister, Freunde und politische Gegner sind zum dumpfen Trauergeläut in schwarz in die Kirche gekommen. Männer wie Lord Heseltine und Giscard d’Estaing, deren Namen die Nachrichtensendungen der 80er-Jahre dominierten, erinnern an die Zeit, in der Schmidt Kanzler war. Merkel ist es, die die Trauergemeinde zum Schmunzeln bringt. Sie erinnert an Schmidts Ausspruch "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen". Merkel erinnerte auch daran, dass Schmidt diesen Satz später einmal so eingeordnet hatte: "Es war eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage." Da mussten viele lächeln. Genauso klang Helmut Schmidt.

Stille mit Subtext

Nach den Terrorattacken von Paris ist die Polizei besonders um die Sicherheit besorgt. Hubschrauber kreisen über der Stadt. Die Hauptverkehrsstraße vor dem Hamburger Michel ist gesperrt. Überall stehen Polizisten. Auf den Dächern der Nachbarhäuser haben sich Scharfschützen postiert. Gäste und Journalisten müssen durch eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen. So herrscht in der Hochsicherheitsblase rund um den Michel Frieden und eine außergewöhnliche Stille – wenn auch mit einem nervösen Subtext.

In die Kirche hinein dürfen nur geladene Gäste. Hinter den Absperrungen drängen sich aber Hunderte, um einen Blick auf den Sarg und das militärische Zeremoniell bei der Abfahrt werfen zu können. Nach dem Staatsakt stehen an den Straßen der Stadt tausende Menschen und warten auf den Wagen mit Schmidts Sarg auf dem Weg zum Ohlsdorfer Friedhof. Einige haben Hamburg- oder Deutschlandfahnen in der Hand und winken damit.

Trauergäste nehmen im Hamburger Michel Abschied von Helmut Schmidt.

Abschied von Helmut Schmidt

Mit einem Staatsakt haben 1.800 Gäste im Hamburger Michel Abschied von Helmut Schmidt genommen. Tausende Menschen säumten die Straßen. Eine Zusammenfassung der Trauerfeierlichkeiten.

4,95 bei 20 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Zuweilen zu schnell vorbeigerauscht

Dass der Wagen bisweilen viel zu schnell an den Menschen vorbeirauscht, enttäuscht die Hamburger, die lange gewartet haben, um ihrem Altkanzler noch einmal Tschüs zu sagen. Die Anteilnahme ist überwältigend. In diesem Moment spürt man, wie bedeutsam dieser Tag für die Menschen in der Stadt ist. Die Hamburger haben nicht vergessen, wie Helmut Schmidt sie bei der Sturmflut 1962 vor Schlimmerem bewahrt hat, wie er die große Weltpolitik in sein kleines Reihenhaus in Langenhorn holte und wie er sich bis zum Schluss bei der Wochenzeitung "Die Zeit" in Hamburg als moralische Instanz zu Wort meldete. An diesem Montagmittag hat man noch einmal verstanden, wie groß Helmut Schmidt wirklich war. Es ist ein würdevoller Abschied für einen bedeutenden Mann.

Weitere Informationen

Kondolenzbuch zum Tode von Helmut Schmidt

Mit Helmut Schmidt ist ein großer Staatsmann gestorben. Erinnerungen und Gedanken zu seinem Tode konnten Sie in unserem Online-Kondolenzbuch niederschreiben. mehr

Trauer um Helmut Schmidt

Er galt als Macher und Krisenmanager und war einer der populärsten Politiker in Deutschland: Helmut Schmidt ist am 10. November 2015 in Hamburg gestorben. Aktuelle Reaktionen und Hintergründe im Dossier. mehr

mit Video

Schmidt: Kühler Kopf und Krisenmanager

Sturmflut, RAF-Terror, Kalter Krieg: In schwierigen Zeiten erlangte Helmut Schmidt als Krisenmanager großes Ansehen im In- und Ausland. Nun starb der Alt-Kanzler mit 96 Jahren in Hamburg. mehr

148:51 min

Abschied: Der Staatsakt in ganzer Länge

23.11.2015 10:00 Uhr
NDR Fernsehen

Hamburg verabschiedet sich von Helmut Schmidt. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Ex-Außenminister der USA Henry Kissinger und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz sprachen bei der Trauerfeier. Video (148:51 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 23.11.2015 | 16:00 Uhr