Stand: 06.02.2015 09:16 Uhr

Bewährungsstrafen für Chantals Pflegeeltern

Drei Jahre nach dem Methadon-Tod der elfjährigen Chantal hat das Hamburger Landgericht ihre Pflegeeltern wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen verurteilt. Der 54-jährige Pflegevater erhielt am Donnerstag ein Jahr Haft auf Bewährung, die vier Jahre jüngere Pflegemutter acht Monate auf Bewährung.

Anwalt des Pflegevaters will Revision einlegen

Mit dem Urteil blieb das Gericht unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die für den Vater eine zweieinhalbjährige Haftstrafe und für die Mutter eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verlangt hatte. Die Verteidigung hatte Freisprüche für die beiden Angeklagten gefordert. Der Anwalt des Pflegevaters zeigte sich nach dem Urteil unzufrieden. Er habe erhebliche Zweifel an der Schuld seines Mandanten. Entlastende Zeugen seien vom Gericht nicht gehört worden. Der Anwalt will das Urteil deshalb anfechten, wie NDR 90,3 berichtete.

Chantal starb an Methadon-Vergiftung

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Chantals Pflegeeltern mussten sich vor dem Hamburger Landgericht verantworten.

Chantal war am 16. Januar 2012 in der Wohnung ihrer drogenabhängigen Pflegeeltern im Stadtteil Wilhelmsburg an den Folgen einer Methadon-Überdosis gestorben. Am Tag zuvor hatte sie eine Tablette mit dem Heroin-Ersatzstoff eingenommen. Nach Darstellung des Gerichts hatte der Pflegevater nicht erkannt, dass das Kind im Sterben lag. Er ging zur Arbeit und rief keinen Notarzt. Die Pflegemutter hatte die Nacht nicht zu Hause verbracht. Am Vorabend hatte sie Chantal geraten, ein Medikament gegen Übelkeit einzunehmen.

"Unverantwortlicher Umgang mit Medikamenten"

Die Angeklagten hätten keine Sicherheitsmaßnahmen getroffen, obwohl ihnen als langjährige Betäubungsmittelkonsumenten die Gefahren bewusst gewesen sei, sagte der Vorsitzende Richter Rüdiger Göbel. Das Gericht wies die Darstellung der Angeklagten, sie hätten ihre Methadon-Tabletten ausschließlich in einer 300 Meter entfernten Garage und in einem Spind am Arbeitsplatz aufbewahrt, als "Schutzbehauptung" zurück. Sie hätten die Tabletten auch in der Wohnung gelagert. Dass die Polizei ein anderes hochwirksames Schmerzmittel in einer Klappbox im Wohnzimmer gefunden habe, belege ihren unverantwortlichen Umgang mit gefährlichen Medikamenten. "Sie wussten, dass bereits der Konsum von nur einer Methadon-Tablette für ein Kind lebensbedrohlich sein würde", sagte Göbel zu den Angeklagten. "Ihre Sorgfaltspflichtverletzung war ursächlich für den Tod des Mädchens." Die Pflegeeltern hätten sich der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen schuldig gemacht.

Richter kritisiert Staatsanwaltschaft und Medien

Der Richter kritisierte auch die Staatsanwaltschaft. Die Anklagebehörde habe die Ermittlungen gegen Mitarbeiter des Jugendamts eingestellt, aber zugleich versucht, den Eltern eine Vernachlässigung des Kindes nachzuweisen. Strafmildernd wertete das Gericht die Berichterstattung der Medien "im Sinne einer Vorverurteilung". Diese hätten den Tod von Chantal in eine Reihe mit anderen in Hamburg durch Misshandlung gestorbene Kindern gestellt. Der Richter forderte die Medien auf, die Pflegeeltern von Chantal nun "in Ruhe zu lassen".

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 05.02.2015 | 18:00 Uhr

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