Stand: 02.03.2017 15:57 Uhr

Alster-Linienverkehr: Geschichte mit Zukunft?

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Wird der Linienverkehr mit den Alsterschiffen wieder aufgenommen?

Es ist das Lieblingsprojekt der CDU im Bezirk Hamburg-Nord: Eine regelmäßige Linienverbindung mit Alsterschiffen zur Entlastung der Metrobuslinie 6 am östlichen Rand der Außenalster. Bislang stieß das auf Ablehnung: Zu teuer sei das Projekt, zu wenig Nutzen habe es. Bei einer öffentlichen Anhörung im Verkehrsausschuss wurde am Mittwochabend aber deutlich: Alsterschippern statt Stau ist eine charmante Idee, allerdings noch unausgereift.

SPD signalisiert Kompromissbereitschaft

Die SPD im Bezirk signalisierte Kompromissbereitschaft, wie NDR 90,3 berichtete. Sie favorisiert allerdings eine Ost-West-Querung der Alster, statt die Schiffe parallel zum Ostufer fahren zu lassen. Dafür gäbe es möglicherweise einen privaten Betreiber, den Verein Alsterdampfschifffahrt. Die CDU begrüßte die Gesprächsbereitschaft und freut sich auf ein breites Bündnis pro Alster-Nahverkehr. Mit ins Boot geholt werden müsste die Umweltbehörde unter Senator Jens Kerstan (Grüne). Sie entscheidet, wie viele Schiffe die Alster befahren dürfen und ob Platz für eine zusätzliche Linie ist.

Alster-Linienverkehr 1984 eingestellt

Der Linienverkehr auf der Hamburger Alster war 1984 nach 125 Jahren eingestellt worden. Ein Antrag der CDU, die Schiffe wieder im täglichen Berufsverkehr einzusetzen, war von der rot-grünen Koalition im Bezirk Nord und auch in der Bürgerschaft Ende 2016 abgelehnt worden. Nun kam das Thema bei der öffentlichen Anhörung mit Vertretern des Senats, des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV) und Bürgerinitiativen neu auf den Tisch. Nach Meinung der CDU stößt der öffentliche Personennahverkehr in Hamburg in vielen Bereichen an seine Kapazitätsgrenzen. Dies gelte unter anderem für die Stadtteile Uhlenhorst und Winterhude, hatten die Christdemokraten bereits vor dem Termin am Mittwoch betont. Sie setzen sich daher dafür ein, die bereits vorhandenen Alsterschiffe in einem zweijährigen Pilotprojekt im morgendlichen Berufsverkehr auf der Strecke Mühlenkamp-Jungfernstieg zu bedienen. Sie möchten so die überfüllten Busse und verstopften Straßen rund um die Alster entlasten - insbesondere die "vollkommen überlastete Metrobuslinie 6".

125 Jahre Linienverkehr auf der Hamburger Alster

Die Wiederbelebung des Alster-Linienverkehrs brächte eine attraktive Verbindung, betonte Dennis Thering, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, und Christoph Ploß, verkehrspolitischer Sprecher der CDU Nord. "Zudem sind keine Investitionskosten notwendig, da die Schiffe bereits vorhanden sind." Die planmäßige Fahrzeit sei zudem etwas kürzer als beim Bus und Verspätungen selten. "Die Alster ist ein weißer Fleck auf dem Streckenplan des öffentlichen Nahverkehrs. Was liegt für eine Wasserstadt wie Hamburg daher näher, als diese im Herzen der Stadt liegende Fläche für Linienverkehr nutzbar zu machen? Alsterschippern statt Bus-Mief und Stau-Frust", so die CDU. Die Alsterbarkassen seien leistungsfähig, umweltschonend und kosteneffizient.

SPD: Alsterschiffe lösen kein Beförderungsproblem

Das bezweifelt allerdings die SPD, die zusammen mit den Grünen im Bezirk Nord regiert. "Das ist eine süße Idee, aber löst kein Beförderungsproblem", hatte SPD-Fraktionschef Thomas Domres NDR.de vor der öffentlichen Anhörung gesagt. "Jede einzelne Fahrt kostet Geld, man kann auf den Schiffen relativ wenig Fahrgäste befördern. Das ist verkehrspolitischer Unfug." Der Bedarf sei bei der Strecke vom Mühlenkamp bis Jungfernstieg zudem gering. Im Winter wäre allerdings witterungsbedingt ein verlässlicher Betrieb nicht zu gewährleisten. Domres betonte, dass er früher gerne mit der Alsterfähre gefahren sei, aber er bezweifelt, dass das Projekt finanzierbar ist. "Ich bin dagegen, dass mit zusätzlichen Steuergeldern zu bezahlen", sagte der SPD-Politiker. "Wenn die Hochbahn allerdings ausrechnet, dass sie das zum üblichen Kostendeckungsgrad von 80 Prozent hinbekommt, stehe ich der Sache grundsätzlich nicht im Weg."

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Grüne: Aufgeschlossen - aber sehr skeptisch

Ähnlich sehen es die Grünen. Sie stehen dem Thema durchaus aufgeschlossen gegenüber, sind aber sehr skeptisch bei der Umsetzung. "Die Idee hat natürlich Charme, aber die Frage ist doch, ob sich das lohnt und rechnet", sagte Christoph Reiffert, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen und Mitglied im Verkehrsausschuss im Gespräch mit NDR.de vor der Anhörung. "Für uns war der CDU-Antrag nicht durchdacht. Gleich einen zweijährigen Probebetrieb zu beantragen ohne Prüfung ging uns zu schnell. Es fehlen noch viele Fakten. Wie sieht es aus mit der Wirtschaftlichkeit und der Umweltbelastung?" Der Bedarf und die Kosten seien noch völlig unklar. So müsste man beispielsweise auch die Barrierefreiheit bedenken, denn einige Anleger müssten entsprechend umgestaltet werden.

1,5 Millionen Euro für Anschaffung einer Alsterfähre

In seiner Antwort auf eine Kleine Anfrage der SPD hatte der Senat im November 2016 die Kosten für die Anschaffung eine Alsterfähre auf rund 1,5 Millionen Euro geschätzt - wobei diese je nach Ausstattung und Antriebsart variieren könnten. Es sei grundsätzlich davon auszugehen, dass die HVV-Fahrgeldeinnahmen die Kosten nicht decken würden. "Der Verlust wäre vom Eigentümer zu tragen und belastet somit mittelbar den Hamburger Haushalt", teilte der Senat mit.

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Das war auch das Problem in den 1980er-Jahren: Der Liniendienst wurde eingestellt, da die Zahl der Fahrgäste immer geringer wurde, sodass die Einnahmen am Ende weniger als zehn Prozent der Kosten tragen konnten. Heute kommt den Alsterschiffen überwiegend touristische Bedeutung zu. Betreiber der sogenannten Weißen Flotte ist die ATG Alster-Tourisitk GmbH als Tochterunternehmen der Hamburger Hochbahn mit einer Flotte von 18 Schiffen, mit denen durchschnittlich rund 400.000 Fahrgäste jährlich fahren.

Kruse: "Gesamtkonzept überdenken"

Die Idee, den Alster-Linienverkehr wieder aufleben zu lassen, ist nicht neu. Immer wieder wurde darüber diskutiert. Matthias Kruse, Vorsitzender vom Verein Alsterdampfschiffahrt e.V., erarbeitete bereits vor Jahren ein Konzept zur Wiederaufnahme des Alster-Linienverkehrs. "Mein Ansatz ist, erstmal die touristischen Angebote auf ein besseres Niveau zu bringen. Von heute auf morgen funktioniert das nicht. Wir müssen uns Schritt für Schritt annähern und die Diskussion darüber versachlichen. Das Konzept muss nachhaltig und langfristig angelegt sein", betonte Kruse. Die Alsterschiffe könnten auch für die Querverbindung zwischen Mundsburg und Rotherbaum wertvoll sein. Grundsätzlich müssten die Zeitkarten des HVV auf den Schiffen anerkannt werden.

"Der Tourismus boomt, aber die Passagierzahlen stagnieren. Das Alster-Tourismus-Konzept macht jährlich ein Minus von 500.000 Euro. Ich denke, dass das Gesamtkonzept überdacht werden muss", sagte Kruse. Die Alsterschifffahrt habe im touristischen Gesamtangebot Hamburgs deutlich an Bedeutung verloren - es bestehe daher Handlungsbedarf.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 02.03.2017 | 16:00 Uhr

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