Stand: 15.05.2014 11:05 Uhr

Umpolung ist keine Kassenleistung

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Bundesärztekammer-Präsident Montgomery kritisiert eine "Dämonenaustreibung" in einer Hamburger Praxis.

Das ARD-Magazin Panorama hat über Ärzte berichtet, die Homosexualität für behandelbar halten. Zu den Recherchen hat sich nun der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, geäußert. Er sagte gegenüber dem Norddeutschen Rundfunk, dass Homosexualität keine Krankheit sei, deswegen gebe es auch keine Indikation für eine Behandlung.

"Eine Praxis dient nicht der Dämonenaustreibung"

Der Hamburger Diabetologe Arne Elsen hatte dem Bericht zufolge versucht, einem Panorama-Reporter den "Geist der Homosexualität" auszutreiben, um ihn von seinem Schwulsein zu befreien. Montgomery, der auch Präsident der Hamburger Landesärztekammer ist, sagte dazu: "Eine Praxis dient der medizinischen Behandlung nicht der Dämonenaustreibung".

Als Arzt sei der Internist auf die naturwissenschaftliche Medizin verpflichtet, so der Ärztekammer-Chef. Wenn er hier Grenzen überschreite, begehe er einen "Berufsrechtsübertritt". "Das müssen wir prüfen, dann können wir es ahnden", sagte Montgomery. Die Folgen können demnach von einer einfachen Rüge bis hin zum Antrag auf Entzug der ärztlichen Zulassung reichen. Die Hamburger Gesundheitsbehörde schreibt dem NDR, die berichteten Vorgänge rechtfertigten keine "approbationsrechtlichen" Maßnahmen der Behörde.

"Homosexualität quasi umwandeln zu wollen, kann schwerste Schäden verursachen"

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Auch der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Hamburger Diabetes-Schwerpunktpraxen, Andreas Klinge, hat auf den Versuch, die sexuelle Orientierung mit einer Art Exorzismus zu verändern, empört reagiert. "Es ist durch viele Forschungen nachgewiesen, dass der Versuch, Homosexualität in Heterosexualität quasi umwandeln zu wollen, schwerste Schäden bei den Betroffenen verursachen kann", so Klinge, allein deshalb sei ärztliches Handeln an dieser Stelle streng verboten.

Ein Interview hatte der Arzt Arne Elsen aus Termingründen abgelehnt. Und auf schriftliche Fragen der Panorama-Redaktion hatte der Internist nicht geantwortet.

Nach den Berichten hatte sich Elsen offenbar gegenüber der evangelikalen Nachrichtenagentur "idea" geäußert. Auf der Internetseite des bibeltreuen Mediums heißt es: "Er - Elsen - sei als Arzt und bekennender Christ bekannt. Viele Menschen aus ganz Deutschland kämen zu ihm, damit er für sie bete." Weiter ist dort zu lesen: "Der Mediziner wies auch die Einschätzung beider Medienberichte zurück, dass Homosexualität nicht behandelbar sei." (Stand 14. Mai 2014)

Dresdner Arzt hält Homosexualität für "neurotische Fehlentwicklung"

Auch ein Dresdner Arzt hält nach den Recherchen die sexuelle Orientierung für veränderbar. Dem Panorama-Reporter erklärte er, Homosexualität sei eine "neurotische Fehlentwicklung", und er sei der Überzeugung, dass Veränderung möglich sei. In einer Therapiesitzung suchte er nach vermeintlichen Ursachen für das Schwulsein und machte Hoffnung auf eine heterosexuelle Zukunft.

Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery erklärte dazu, Psychotherapie sei zwar eine anerkannte Methode, aber nicht "gegen die Homosexualität", denn diese sei keine psychische Erkrankung, also brauche man sie auch nicht zu behandeln.

Therapien sollen bestärken, nicht verändern

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Lieselotte Mahler hat sich mit möglichen Folgen von "Umplungsversuchen" beschäftigt. Sie können zu Depressionen bis hin zu Selbstmorden führen

Die Psychiaterin und Psychotherapeutin Lieselotte Mahler, Oberärztin an der Berliner Charité, sagt, dass natürlich auch homosexuelle Menschen psychische Probleme entwickeln können, insbesondere wenn sie sich durch ihr berufliches oder privates Umfeld Diskriminierung erfahren. Hier kann eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll sein, so Mahler, es gehe dann darum, ich-stärkend zu wirken, zu helfen, die eigene sexuelle Orientierung anzuerkennen. Ziel einer solchen Therapie könne und dürfe nie sein, die sexuelle Orientierung zu verändern.

Rechnungen für Krankenkassen

Beide Ärzte schickten nach ihren Veränderungsversuchen Rechnungen - bestimmt für die private Krankenkasse. Der Hamburger Arzt berechnete die "Erörterung einer lebensverändernden Erkrankung" und verlangte 40,22 Euro. Der Dresdner Arzt nennt als Diagnose eine psychische Störung und berechnet allein für die erste Sitzung 92,50 Euro.

Versicherungen: "Umpolung" ist keine Kassenleistung

Mehrere große Krankenversicherungen haben die Recherchen nun nach der Ausstrahlung der Beiträge kommentiert. Die Techniker Krankenkasse schreibt, dass es in Deutschland Ärzte gibt, die Homosexualität zu therapieren versuchen, finde man sehr "bedauerlich". Eine wie in dem Beitrag dargestellte "Umpolung" sei "keine Kassenleistung" und sei "nicht abrechnungsfähig".

Und auch die Barmer GEK schreibt, als gesetzliche Krankenkasse stufe man Homosexualität nicht als eine Krankheit ein. "Darauf ausgerichtete "Therapien" können also "nicht abrechnungsfähig sein", so die Barmer. Die AOK erklärt, dass die "zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung erbrachten medizinischen Leistungen" immer dem allgemein anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnis entsprechen müssten. Vor diesem Hintergrund sei auch klar, dass die Gesetzliche Krankenversicherung für derart obskure "Therapien" grundsätzlich nicht aufkomme.

Der Verband der Privaten Krankenversicherung erklärt ebenfalls, dass Homosexualität keine Erkrankung sei und deshalb auch keinerlei Heilung bedürfe. "Eine solche Behandlung kann daher auch nicht als Versicherungsfall abgerechnet werden", heißt es. Bei etwaigen Verstößen würden die ärztliche Berufsordnung und die bewährten rechtsstaatlichen Instrumente gelten.

Laut Kassen können Therapie-Inhalte nicht überprüft werden

Erneut schreiben mehrere Kassen aber auch, dass sie keine Möglichkeit hätten, die vergebenen Diagnosen zu überprüfen, da man keine Kenntnis über die konkreten Therapie-Inhalte habe. Die AOK weist darauf hin, dass Patienten sich an die Krankenkasse wenden könnten, wenn sie den Verdacht hätten, dass eine Psychotherapie nicht sachgerecht durchgeführt werde. Die Krankenkasse könnte dann durch den Medizinischen Dienst prüfen lassen, ob ein Behandlungsfehler vorliege.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama - die Reporter | 06.05.2014 | 21:15 Uhr

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