Stand: 09.06.2015 14:44 Uhr

102-Jährige bekommt endlich ihren Doktortitel

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Ingeborg Syllm-Rapoport freut sich über ihre Promotionsurkunde.

Im Alter von 102 Jahren hat die Medizinerin Ingeborg Syllm-Rapoport am Dienstag in Hamburg ihre Promotionsurkunde entgegengenommen. Die Kinderärztin hatte bereits 1937/38 ihre Doktorarbeit über Diphtherie in Hamburg geschrieben und eingereicht. Sie war von den Nazi-Behörden jedoch nicht zur mündlichen Prüfung zugelassen worden. Der Grund: Ihre Mutter, die Pianistin Maria Syllm, war Jüdin. Damit fiel die damals 25 Jahre alte Doktorandin unter die "Rassengesetze" der Nazis. Syllm-Rapoport erklärte am Dienstag, sie nehme die Urkunde auch im Namen all derer entgegen, die in einer weit schlimmeren Situation waren als sie selbst. Die Prüfung und Verleihung der Doktorurkunde 77 Jahre nach dem Ausschluss durch die Nazis sei für ihn eine persönliche Genugtuung, sagte Burkhard Göke, der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Hamburgs Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) zeigte sich bewegt. Der Fall zeige, wie kostbar die Freiheit ist, studieren zu können, was man will - unabhängig von der Herkunft.

Emigration in die USA

Syllm-Rapoport hatte als Assistenzärztin am Israelitischen Krankenhaus Hamburg gearbeitet und in der Zeit ihre Doktorarbeit zum Thema Diphtherie geschrieben. Ihr Doktorvater Rudolf Degkwitz bescheinigte ihr 1938, "dass diese Arbeit von mir als Doktorarbeit angenommen worden wäre, wenn nicht die geltenden Gesetze wegen der Abstammung des Frl. Syllm die Zulassung zur Promotion unmöglich machten". Sie emigrierte in die USA und setzte dort ihre Karriere als Kinderärztin fort. In Amerika lernte sie auch ihren späteren Mann kennen, den Mediziner und Biochemiker Samuel Mitja Rapoport (1912-2004).

Professorin an der Charité

Beide engagierten sich in der Kommunistischen Partei, was sie Anfang der 1950er-Jahre in den USA in Schwierigkeiten brachte. Sie gingen schließlich nach Ost-Berlin. Syllm-Rapoport wurde eine hochdekorierte Professorin für Neugeborenenheilkunde an der Charité.

Mündliche Prüfung im Mai mit Brillanz bestanden

Als der Dekan der Medizinischen Fakultät am UKE, Uwe Koch-Gromus, von ihrem Schicksal erfuhr, leitete er eine nachträgliche mündliche Prüfung in die Wege. Diese bestand die 102-Jährige im Mai mit Brillanz, wie er anschließend sagte.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 09.06.2015 | 17:00 Uhr