Stand: 07.12.2015 11:00 Uhr

Wie verändern Flüchtlinge die Gesellschaft?

Eine Containerwohnanlage in Winsen an der Luhe. Mussa sitzt auf einem Bett in seiner engen Flüchtlingsunterkunft, von der Decke strahlt kaltes Neon-Licht. Der 23-jährige Sudanese ist aus der Krisenregion Darfur geflohen und unglaublich froh, hier zu sein. Doch wie geht es jetzt weiter? "Wir können nicht hier bleiben und nur essen und schlafen", sagt er. "Wir sind die Jungen und müssen arbeiten." Jeden Monat kommen Tausende Flüchtlinge wie Mussa in den Norden. Wo sollen sie wohnen? Wie können die, die bleiben, integriert werden? Arbeit finden? Und welche Folgen hat die Zuwanderung für die Gesellschaft? Die NDR Dokumentation "Die Flüchtlinge - Wie verändern sie den Norden?" macht einen Faktencheck, zeigt, wie die Norddeutschen darüber denken - und wagt einen Blick in die Zukunft.

Mussa aus dem Sudan hat Glück, er kann an einer Qualifizierungsmaßnahme teilnehmen, bei einem Hersteller von Spezialfahrzeugen. Dort macht er jetzt erste Erfahrungen, was es heißt, in Deutschland zu arbeiten. Der Einstieg ist hart. "Zur Zeit ist es etwas schwer. Ich kenne nicht alle Namen von den Sachen." Hammer, Akkuschrauber - alle Fachbegriffe muss er erst lernen. Auch für Unternehmensführung und Belegschaft ist die Arbeit mit Flüchtlingen jeden Tag eine neue Herausforderung. Wie schnell und wie gut Flüchtlinge in Jobs gebracht werden können, ist nur eine von vielen offenen Fragen, die immer drängender werden. Kann Deutschland es sich überhaupt leisten, so viele Flüchtlinge aufzunehmen? Steigt nun die Kriminalitätsrate? Wie stark wird der Einfluss des Islam auf unsere Gesellschaft?

Wie denken die Norddeutschen über Flüchtlinge?

Diese und weitere Fragen prägen die aktuelle Diskussion auch in den fünf norddeutschen Bundesländern. Überwiegt dabei die Sorge - oder sehen die Menschen hier die Flüchtlinge auch als eine Bereicherung für die Gesellschaft? Eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des NDR gibt einen umfassenden Einblick in die Gefühlslage der Norddeutschen.

Umfrage-Ergebnisse
17 Bilder

Umfrage: So denkt der Norden über Flüchtlinge

Wie steht der Norden zum Thema Flüchtlinge? Infratest Dimap hat für den NDR eine Studie erstellt. Sie zeigt die Hoffnungen und Ängste der Menschen - und Unterschiede zwischen den Ländern. Bildergalerie

Flüchtlingspolitik in der Kritik

Mit der Asyl- und Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ist derzeit nur ein gutes Drittel der Norddeutschen (36 Prozent) zufrieden. Sechs von zehn Wahlberechtigten (61 Prozent) in den norddeutschen Bundesländern üben dagegen Kritik.

Viele Norddeutsche machen sich in der Tat ernsthaft Sorgen. Vier von zehn Norddeutschen (41 Prozent) zeigen sich laut Umfrage angesichts der hohen Zahl der Flüchtlinge beunruhigt, für 58 Prozent der Befragten trifft dies jedoch nicht zu. Als Bereicherung für das Leben in Deutschland empfindet jeder zweite Norddeutsche (52 Prozent) die Flüchtlinge. 46 Prozent der Menschen im Norden bezweifeln, dass sich die Flüchtlinge gut integrieren werden. Dennoch glauben 61 Prozent der Befragten, dass die Flüchtlinge perspektivisch auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden. 40 Prozent sorgen sich, dass die Zahl der Straftaten zunimmt.

Nordosten steht Flüchtlingen distanziert gegenüber

Insgesamt zeigen sich in der Haltung zu Flüchtlingen im Norden deutliche regionale und auch soziale Unterschiede. Vor allem in Mecklenburg-Vorpommern stehen die Menschen den Flüchtlingen distanzierter gegenüber als in den anderen vier Bundesländern. So macht die Zahl der Flüchtlinge im Nordosten 49 Prozent der Befragten Angst, in Niedersachsen sind es 42 Prozent und in Schleswig-Holstein 38 Prozent. In den Städten Hamburg und Bremen haben dagegen nur 33 beziehungsweise 35 Prozent diese Sorge. In Mecklenburg-Vorpommern glauben nur 35 Prozent der Befragten, dass sich die Flüchtlinge in Deutschland integrieren werden, in den anderen Bundesländern liegt diese Zahl zwischen 46 und 59 Prozent und damit deutlich höher. Auch sind Norddeutsche mit niedrigem Bildungsabschluss gegenüber Flüchtlingen negativer eingestellt als Menschen mit höherem Bildungsniveau.

Was ist die größte Sorge für die Zukunft?

Was die Folgen der Zuwanderung betrifft, variieren die Befürchtungen zwischen den fünf norddeutschen Bundesländern deutlich. Während eine steigende öffentliche Verschuldung die Schleswig-Holsteiner (61 Prozent), Niedersachsen (67 Prozent) und Bremer (56 Prozent) am meisten bewegt, sorgen sich die Hamburger am ehesten um den Wohnungsmarkt (61 Prozent). Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern wiederum fürchten am meisten einen zu starken Einfluss des Islams in Deutschland (68 Prozent).   

Für die repräsentative Studie hat Infratest dimap 1004 wahlberechtigte Norddeutsche in Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern befragt. Erhebungszeitraum war der 23. bis 28. November 2015. Anlass für die Umfrage ist die Benefizaktion "Hand in Hand für Norddeutschland" des NDR zugunsten der Flüchtlingshilfe des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

Weitere Informationen

Flüchtlinge in Norddeutschland

Viele Flüchtlinge sind in Norddeutschland angekommen. Auf NDR.de finden Sie aktuelle Meldungen und Hintergründe rund um das Thema sowie Informationen speziell für Flüchtlinge. mehr

Wie wir mit Flüchtlingen zusammenleben

NDR Reporter begleiten mehrere Monate lang Flüchtlinge und Norddeutsche, die mit ihnen zu tun haben. Welche Hoffnungen und Ängste haben sie? Und wie entwickelt sich das Zusammenleben? mehr