Stand: 23.01.2016 15:20 Uhr

Wie alt ist Melad?

von Carolin Fromm, NDR.de

Es ist der erste Dezembertag, als Melad nach zwei Nächten im Hamburger Kinder- und Jugendnotdienst (KJND) zum Gespräch gebeten wird. Sozialarbeiter und Dolmetscher fragen den Afghanen nach einem Pass, seinem Geburtsdatum, der Flucht. Er sei 16 Jahre alt, sagt er. Im Februar habe er Geburtstag. Dann drücken sie ihm ein Papier in die Hand.

"Aufgrund Ihres äußeren Erscheinungsbildes sind Sie nicht minderjährig."

Sicheres Auftreten, ein gereifter Gesamteindruck und die Stimmlage lassen demnach darauf schließen, dass Melad eindeutig erwachsen sei. Weitere äußere Merkmale sind angekreuzt und wieder durchgestrichen. "Pack deine Tasche und geh nach Harburg. Hier ist kein Platz, haben sie gesagt", erzählt Melad später. Sein Gesicht ist weich, seine Haut stoppelfrei. Auf einmal stand er in dieser Fremde allein vor der Tür. "Ich wusste nicht, was ich machen soll."

Melads Weg in Hamburg

"Die Einrichtungen sind überlastet"

Was Melad passiert ist, heißt im Amtsdeutsch sofortige Vollziehung. Vor die Tür setzen in Umgangssprache. Klaus-Dieter Müller, Geschäftsführer des Landesbetriebes Erziehung und Beratung (LEB) und damit zuständig für die Betreuung minderjähriger Flüchtlinge in Hamburg, kann verstehen, dass Melad schockiert war. "Aber die Einrichtungen sind überlastet", sagt er. Platzmangel sei natürlich kein Grund für die Ablehnung eines Jugendlichen. Ob der Satz so gefallen sei, könne er nicht sagen.

Eine Nacht verbringt Melad damals in der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Hamburg-Harburg, dann fährt er zum Hauptbahnhof und trifft Jalo Boerhanudin wieder. Der ehrenamtliche Helfer hatte ihn einige Tage zuvor vom Zug zum KJND geschickt. "Melad hat mir dann gesagt, sein Gehirn sei kaputt. Er wollte nach dieser Erfahrung unbedingt nach Schweden weiter." Boerhanudin fragt die ehrenamtliche Ärztin Kristina Gromm*, ob sie Melad ein paar Tage aufnehmen könne, damit er zur Ruhe kommt. Seit sieben Wochen lebt er nun bei Gromm, ihrem Mann und den drei Kindern. Melad hat keinen Aufenthaltsstatus. Manche würden sagen, er ist illegal.

Lübeck bietet die besseren Chancen

Minderjährige Flüchtlinge sind besonders geschützt

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) haben nach internationalem und deutschem Recht Anspruch auf besonderen Schutz. Sie bekommen Jugendhilfe: Das heißt einen Vormund, Unterkunft in Wohngruppen oder Pflegefamilien, medizinische Versorgung, Betreuung und Schulbildung. Priorität ist bei allen Maßnahmen die Wahrung des Kindeswohls. Zudem haben sie das Recht, ihre Eltern nachzuholen.

In der alternativen Flüchtlingshilfe gilt Lübeck als Rettungsort für in Hamburg abgewiesene junge Geflüchtete. Ein Dolmetscher gab auch Melad den Tipp, es dort zu versuchen. "Wir haben die Parole: Im Zweifel für den Jugendlichen", sagt Lutz Regenberg, Geschäftsbereichsleiter der Kinder und Jugendhilfe der Vorwerker Diakonie. Das sei mit der Stadt so abgesprochen. Denn in einigen Ländern gelten andere Kalendersysteme. Jugendliche wüssten daher oft nicht, wann sie geboren sind. "Viele sehen auch älter aus, weil sie viel hinter sich haben." Natürlich könne er nicht ausschließen, dass auch einige über 18-Jährige sich Jugendhilfe erschleichen. Aber besser so als andersherum. "Vielleicht hätte Lübeck auch eine andere Politik, wenn wir 2.500 Minderjährige im Jahr aufnehmen müssten", sagt er mit Blick auf Hamburg.

Weiterführende Betreuung nicht mehr leistbar

Dort ist der Druck groß - die Betten voll. In wenigen Monaten wurden 15 Standorte für mehr als 1.000 minderjährige Geflüchtete neu geschaffen. 120 Sozialpädagogen werden derzeit für die Betreuung gesucht. Mittlerweile leben die Jugendlichen anstatt drei, acht Monate lang in der Erstaufnahme. Ziehen dann erst in Wohngruppen oder Heime. Im Januar müssen laut Klaus-Dieter Müller 130 18-Jährige an ihrem Geburtstag aus der Jugendhilfe ausziehen. Niemand werde weiterverfolgen, wie die Schule läuft, das Leben allein, das Ankommen im fremden Land. "Das ist von uns nicht mehr regelbar", sagt Müller.

Dabei hat Hamburg schon für Entlastung gesorgt - mit einer Gesetzesänderung. Seit November 2015 dürfen neben erwachsenen auch minderjährige Geflüchtete auf andere Bundesländer verteilt werden. Es sei der Versuch wieder arbeitsfähig zu werden, sagt Müller. Mehr als 250 Jugendliche hat Hamburg seither mit dem Bus nach Niedersachsen gebracht. Nur etwa 40 Neuankömmlinge blieben in der Hansestadt. Noch fünf Monate könnte das so weitergehen, bis Niedersachsen seinen Anteil erfüllt habe. Müller erzählt erleichtert davon.

Tazkira

Die Tazkria ist das in Afghanistan übliche Identitätsdokument. "Die Tazkiras sind oft nicht vollständig und immer von Hand ausgefüllt", schreibt die Schweizer Flüchtlingshilfe in einem Bericht von 2013. Sie seien einfach zu fälschen und oft fehlerhaft.

Feilschen um die Tazkira

"Von seinem Wesen her, ist Melad eher jünger. Er sagt noch, Mädchen mag er gar nicht", erzählt Gromm. Melad wirkt geordnet, ruhig. Er lernt jeden Tag Deutsch, schaut Bollywoodfilme und spielt Cricket mit anderen 16- und 17-Jährigen. "Du bist sehr gut, hat mein Trainer gesagt", sagt Melad glücklich auf Deutsch. Ein Monat und zehn Tage habe seine Flucht aus einem Dorf nahe Kabul gedauert. Es war sein zweiter Fluchtversuch. Damals hatte er den 24-jährigen Amiri kennengelernt. "Weil Amiri in Hamburg war, wollte ich auch hierbleiben." Jetzt warten Melads Helfer auf die Tazkira, ein Ausweisdokument aus Afghanistan. Damit wollen sie Hamburg beweisen, dass Melad minderjährig ist.

Hamburgs Jugendnotdienstchef Müller sagt, die Tazkira könne man an jeder Ecke kaufen. Sie sei kein glaubhaftes Ausweisdokument. Regenberg aus Lübeck sagt: "Dokumente, die das Geburtsdatum belegen, werden zugunsten des Jugendlichen gewertet."

"Das Verfahren birgt Fehlerquellen"

"Das Verfahren birgt Fehlerquellen. Ja, das stimmt", gibt Müller zu. Allein im Dezember 2015 hat der Hamburger Jugendnotdienst nach eigenen Angaben 203 Menschen direkt abgewiesen - ohne Gespräch. Im November waren es 484, im Oktober 668. "Wenn wir auf den ersten Blick sagen können, dass es keine Zweifelsfälle sind, dann findet kein Aufnahmegespräch statt. Würden wir uns darum auch kümmern, würde uns das von der Arbeit abhalten," begründet Müller. Auch in Lübeck gebe es immer mal wieder solch einen Fall, sagt Lutz Regenberg. Menschen über 30 - die würde man dann zur Erstaufnahme fahren. In Hamburg wird ihnen schlicht die Tür gewiesen.

Wo beginnt der Zweifel?

Derzeit würden die Jugendlichen nicht mehr medizinisch untersucht, sagt Müller. Das in Hamburg einmalige Vorgehen zur Feststellung des Alters steht seit Jahren in der Kritik. Dies sei positiv für die Jugendlichen, denn im Zweifel gelte eher ein Ja. Und sei jemand nicht eindeutig über 18, werde er in der Regel als Minderjähriger akzeptiert. Das klingt nicht viel anders als die Leitlinie aus Lübeck. Melad wurde in Hamburg zunächst aufgenommen. Die Mitarbeiter schlossen also nicht aus, dass er minderjährig ist. Doch sein sicheres Auftreten und die Stimmlage scheinen alle Zweifel ausgeräumt zu haben. Wo beginnen in Hamburg also die Zweifel? Und wo enden sie?

Auch in Lübeck werden Stimmlage, Stirnfalten und Bartwuchs beurteilt. Dort würden etwa zehn Prozent derjenigen, die an die Tür klopfen, nicht dauerhaft aufgenommen, schätzt Regenberg. In Hamburg waren es vergangenes Jahr 62 Prozent. Melad war einer von ihnen.

(*Name von der Redaktion geändert)

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