Stand: 16.12.2013 16:35 Uhr  | Archiv

NSU: Und immer wieder Hannover

von Andrea Röpke
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"Combat 18" - so nennt sich ein militantes, internationales Nazi-Netzwerk.

Drei Nächte lang übernachtete Ralf Wohlleben aus Jena beim Kameraden Holger G. in Hannover. Drei Tage folgten Beamte der Observationsgruppe 33/II des niedersächsischen Verfassungsschutzes im August 1999 den beiden Neonazis auf Schritt und Tritt. Die länderübergreifende "Aktion Rohr" sollte Aufklärung bringen über den geheimen Aufenthaltsort der drei Sprengstoffsammler aus Jena Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

Seit rund 19 Monaten befanden sie sich auf der Flucht, nachdem 1,4 Kilogramm hochexplosives TNT bei ihnen gefunden worden waren. Die engen Freunde Wohlleben und G. wurden von den zuständigen Thüringer Behörden verdächtigt, den dreien im Untergrund ein Quartier zu besorgen - womöglich im Ausland.

Behörden hatten Unterstützer lange im Visier

Heute ist bekannt: Die Behörden waren 1999 in Hannover nah dran an den Unterstützern des später mordend umherziehenden Terrortrios. Doch die verantwortlichen Sicherheitskräfte unterschätzten den extrem rechten Corpsgeist, den politischen Hass und die Professionalität rund um den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU). Vor allem unterschätzten sie die bundesweiten klandestinen Strukturen von "Blood & Honour".

Das 1987 gegründete internationale Netzwerk sah sich als "führende Waffe in der Jugendsubkultur". "Volksschädlinge" nannte es seine Feinde, der "Rassenkrieg" und die Vorherrschaft der Weißen wurden offen propagiert. Längst zählten die rührigen Jenaer Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt für die Polizei zum harten Kern der "Blut & Ehre"-Rassisten in Thüringen. Die Organisation, die sich als "Bruderschaft" betrachtete, hatte mit "Combat 18" einen paramilitärischen internationalen Ableger, der für Anschläge und Morde in Europa verantwortlich gemacht wurde. Die "Arbeit" im Untergrund war Teil der Szene - auch nach dem Verbot von "Blood & Honour" im Jahr 2000.

Nazi-Netzwerk mit internationalen Kontakten

Interne Observationsprotokolle belegen heute, dass es die Spuren nach Hannover gab. Kaum hatte der Jenaer Neonazi und NPD-Kader Ralf Wohlleben mit seinem silbernen Lancia Holger G. im August 1999 in Bothfeld abgeholt, fuhren sie gemeinsam zur Straße Eichenplan in Hannover. Einer der beiden Männer trug einen Karton in die zweite Etage eines Mehrfamilienhauses. Dort wohnte Markus Z. mit seiner Freundin Claudia K.. Der Skinhead zählte zum "Blood & Honour"-Netzwerk, er war wegen des Handels mit volksverhetzenden Tonträgern gerade ins Visier der Behörden geraten, galt als Mann mit internationalen Kontakten.

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Ralf Wohlleben ist im NSU-Prozess als Unterstützer angeklagt, soll Kontakte zu "Blood & Honour" pflegen.

Doch der Besuch der Jenaer Neonazis bei dem "Blood & Honour"-Drahtzieher war in den Akten des Geheimdienstes nicht mehr als eine Fußnote. Auch die Tatsache, dass der Hannoveraner bereits 1996 gemeinsam mit Wohlleben, G., Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe an einem Aufmarsch in Worms teilgenommen hatte, machte nicht hellhörig. Zudem engagierte sich Z. Lebensgefährtin ebenso wie Uwe Mundlos für die interne (und heute verbotene) "Hilfsorganisation für nationale Gefangene und deren Angehörige" (HNG). Beide kannten deren wichtigsten Köpfe; sie tauchten in Mundlos‘ 1998 beschlagnahmter Telefonliste auf.

Dabei sollte Z. nicht der einzige "Blood & Honour"-Kontakt in der Landeshauptstadt an der Leine bleiben. Holger G., der sich ebenso wie Ralf Wohlleben derzeit im NSU-Terrorprozess verantworten muss, zeigte sich schon damals als bestens vernetzt. Sofort nach seinem Umzug 1997 nach Niedersachsen hatte der langjährige Anhänger der "Freien Kameradschaft Jena" am neuen Wohnort Kontakte ins militante Lager aufgenommen.

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