Stand: 12.11.2012 18:07 Uhr  | Archiv

LOBBI hilft Opfern rechter Gewalt

von Mareike Fuchs
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Anschlag am Bahnhof Wismar: Der Inder Sundar T. fand danach beim Opferverein LOBBI Hilfe. (Archivfoto)

Eine Flasche fliegt, sie zersplittert auf dem Bahnhofsvorplatz. Sundar T. hört, wie jemand ruft: "Haut alle ab!". "Irgendein Betrunkener", denkt er und ahnt nicht, dass er selbst gemeint war. Zusammen mit seinen zwei Kindern und einem Bekannten ist er auf dem Bahnhof Wismar unterwegs. Sie hatten einen Freund besucht, ein gemütliches Familienwochenende genossen. Jetzt wollen sie mit dem Zug nach Hause fahren. Die zweite Flasche fliegt direkt auf die Gruppe zu und zerspringt vor ihren Füßen. Die Kinder erschrecken sich, alle rennen zum Zug und wollen einsteigen. Sundar T. schickt seine Kinder vor, er ist der letzte an der Tür. Als er einsteigen will, trifft ihn ein Schlag in den Nacken. Er dreht sich um. "Was soll das?", fragt er. Da prasseln Schläge auf ihn ein. "Hau' ab du Neger, verschwinde aus meinem Land", schreit der Angreifer, schlägt und tritt immer wieder auf den Familienvater ein. Mitreisende helfen T., können den Angreifer am Bahnhof festhalten.

 

Kay Bolick © NDR Fotograf: Mareike Fuchs

Beharrlicher Kampf gegen rechts

Beratung, Beistand vor Gericht und Hilfe bei Entschädigungsfragen: Kay Bolick kümmert sich bei der Opferberatung LOBBI um Menschen, die rechter Gewalt ausgesetzt waren.

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Sundar T. wurde in Indien geboren, sein Angreifer ist ein mehrfach vorbestrafter Neonazi. "Die typischen Feindbilder der rechten Szene sind Flüchtlinge. Schwarze Deutsche, Leute, die nicht als deutsch eingeschätzt werden oder Angehörige von Subkulturen, etwa Punks", sagt Kay Bolick. Seit elf Jahren berät sein Verein LOBBI e.V. die Opfer rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern und hat sich zum Ziel gesetzt, den Blick für die Situation der Opfer zu schärfen. "Es gibt relativ viele Aktionen gegen rechts oder Initiativen, die sich mit den Tätern beschäftigen, aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Perspektive der Opfer dabei häufig vergessen wird", sagt Bolick.

Ein Blick auf die Perspektive der Opfer

Diese Lücke will LOBBI füllen. Die Mitglieder des Vereins helfen Betroffenen, Anträge für Entschädigungszahlungen auszufüllen und Mitteilungen von Behörden zu verstehen, erklären ihnen, wie ein Gerichtsprozess ablaufen wird. "Wir wollen den Betroffenen das Signal geben, dass der Angriff gegen sie nicht ihr persönliches Problem ist, sondern ein gesellschaftliches, und dass sie Unterstützung erwarten können", sagt Bolick. Finanziert wird der Verein von der Europäischen Union und dem Land Mecklenburg-Vorpommern. Zwei Büros unterhält LOBBI in dem Flächenland, in Neubrandenburg und Rostock.

Aufsuchende Hilfe

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Hilfe für Betroffene rechter Gewalt

Der 2001 gegründete Verein LOBBI betreut in Mecklenburg-Vorpommern Opfer rechter Gewalt. Er wird aus Mitten der EU und des Landes finanziert. extern

Die Mitarbeiter von LOBBI warten nicht, bis sich Betroffene bei ihnen melden, sondern suchen selbst nach ihnen. Täglich recherchiert Kay Bolick im Internet, in Lokalzeitungen und in Polizeimeldungen nach Hinweisen für rechte Angriffe und geht auch unklaren Fällen nach. "Bei rechter Gewalt wird häufig das Motiv entweder nicht wahrgenommen oder verleugnet. Ein Angriff von Neonazis auf linke Jugendliche wird dann als Schlägerei unter Jugendlichen abgetan", sagt er. Manchmal schätzen Behörden eine Situation falsch ein oder eine Stadt bangt um ihr Image und möchte den Vorfall klein halten. Für LOBBI zählt die Einschätzung der Betroffenen vor Ort. Dafür fahren die Mitarbeiter auch in die Dörfer und fragen sich durch, bis sie die Betroffenen gefunden haben.

Unterstützung vor Gericht

Die Unterstützung des Vereins hilft auch Sundar T. Im August kommt es zum Prozess, LOBBI begleitet ihn, als er vor Gericht seine Zeugenaussage machen muss. "Das war für mich emotional sehr wichtig, denn ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Angreifer seine ganze Sippschaft mitbringen würde. Der Saal war voll mit seinen Leuten. Da hat es mir sehr geholfen, dass LOBBI dabei war", sagt T. Der Angriff beschäftigt ihn vor allem wegen seiner Kinder: "Das Schlimmste für mich war, dass sie das miterleben mussten und ich ihnen später erklären musste, dass man wegen seiner Hautfarbe angegriffen wird", sagt er. Sein Angreifer wird verurteilt. Da der Täter während des Angriffs auf Sundar T. noch auf Bewährung war, verhängt das Amtsgericht Wismar eine Gesamtstrafe von einem Jahr und zwei Monaten Gefängnis.

Bolick: Tätern geht es um Einschüchterung und Vertreibung

Etwa 100 rechte Angriffe verzeichnet LOBBI jedes Jahr, doch die Art der Attacken verändert sich. "In den letzten Jahren kommt es in Mecklenburg-Vorpommern oftmals gar nicht mehr zu körperlichen Angriffen, sondern die Opfer werden bedroht, ihre Fotos und Namen im Internet veröffentlicht, ihre Büros und Autos werden beschädigt", sagt Kay Bolick. "Der Effekt ist aber der gleiche: Einschüchterung und Vertreibung."

Sundar T. will sich von seinem Erlebnis nicht einschüchtern lassen, aus all dem Übel nimmt er auch Positives mit: "Ich bin so dankbar, dass mir Mitreisende geholfen haben. Wenn die nicht gewesen wären, es hätte viel schlimmer ausgehen können", sagt er. "Ich habe gelernt: es bringt etwas sich einzumischen."

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/nachrichten/dossiers/der_norden_schaut_hin/lobbi107.html