Stand: 02.11.2013 16:40 Uhr  | Archiv

Neonazis wieder weg - Bad Nenndorf bleibt bunt

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Etwa 350 Gegendemonstranten waren in der Stadt unterwegs, um sich gegen den "Trauermarsch" der Neonazis in Bad Nenndorf zu stellen.

Es ist vorbei. Der "Trauermarsch" von genau 56 Neonazis durch Bad Nenndorf mit einer abschließenden Kundgebung vor dem Wincklerbad hat am Sonnabend um 16 Uhr sein Ende gefunden - später dürfen die Gegendemonstranten dann ebenfalls noch auf den Platz. Dann, wenn die erstaunlich wenigen Rechtsextremisten bereits ihre Heimreise angetreten haben. Es ist alles ruhig geblieben in der Stadt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Die Lautsprecheranlage der Neonazis musste so weit heruntergedreht werden, dass selbst eine private Party in einem gegenüberliegenden Imbiss die Reden der Rechten deutlich übertönte. Ganz zufällig war der Zeitpunkt der Feier dabei sicher nicht gewählt.

Viel Polizei in der Stadt

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Nach dem Gottesdienst gab es in Bad Nenndorf eine Kundgebung des Bündnisses "Bad Nenndorf ist bunt".

Es war den ganzen Tag über eine große Anzahl von Polizeibeamten in der Stadt. Nach Informationen von NDR.de auch nicht ohne Grund: Denn immer wieder zogen auch schwarz gekleidete Jugendliche durch die Straßen - offenbar gewaltbereite Linksextremisten. Doch von einem Zusammenstoß oder anderen Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern kann keine Rede sein. Die Strategie der Gegendemonstranten sah in diesem Jahr anders aus. Keine bunte Partymeile entlang der Marschroute der Rechten, sondern mit einem ernsten "Zug der Erinnerung" setzten sich die Mitglieder des Bündnisses "Bad Nenndorf ist bunt" diesmal gegen den braunen Spuk der "Trauermärsche" zur Wehr.

Polizei richtet Bürgertelefon ein

Wegen des sogenannten Trauermarsches richtet die Polizei in Bad Nenndorf für heute ein Bürgertelefon ein. Unter der Telefonnummer (05723) 946 12 22 können Fragen gestellt, Hinweise gegeben und Bitten geäußert werden. Verkehrsteilnehmer aufgepasst: Es wird heute "situationsbedingt zu kurzfristigen Absperrungen und gegebenenfalls Umleitungen kommen", teilte die Polizei am Freitag mit.

"Unerträglich" - eine Woche vor der Reichspogromnacht

Es hat nicht nur mit dem Generalthema der Proteste zu tun, dass die Gegenwehr der Bad Nenndorfer diesmal nicht farbenfroh, sondern ernst und getragen dahergekommen ist: "Ich finde es unerträglich, dass diese in der Wolle gefärbten Antisemiten in der Woche vor dem 75. Jahrestag der Reichspogromnacht durch unsere Straßen marschieren", sagte der Bad Nenndorfer Apotheker Jürgen Uebel, der sich seit Jahren gegen die alljährlichen "Trauermärsche" in der Kurstadt engagiert.

Weitere Informationen

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Neunter "Trauermarsch" in Bad Nenndorf

Für die Polizei ist die "Lage Trauermarsch" mittlerweile fast ein Routinefall. Es war nun schon das neunte Mal, dass man eine solche Situation zu bewältigen hatte. "Es gibt zwar kein festes Drehbuch. Aber viele Kollegen wissen genau, welche Aufgaben sie wahrzunehmen haben", sagte Frank Kreykenbohm, Einsatzleiter und Chef der Polizeiinspektion Nienburg im Vorfeld. Ganz ohne Polizei gehe es auf keinen Fall, da ist sich Kreykenbohm sicher. Auf beiden Seiten wurden angereiste Störer erwartet - mit Gewaltpotenzial: "Dann wären Auseinandersetzungen auf beiden Seiten hochwahrscheinlich. Auch mit der Gefahr von wechselseitigen Körperverletzungen."

Wincklerbad in Bad Nenndorf

Dreh- und Angelpunkt des rechten Interesses an Bad Nenndorf ist das dortige Wincklerbad. Britische Besatzungssoldaten nutzten das Bad von 1945 bis 1947 als Internierungslager für NS-Schergen und mutmaßliche Kriegsverbrecher. Es kam dort auch zu Misshandlungen ehemaliger Wehrmachtssoldaten. Großbritannien entschuldigte sich dafür später. Nach der Auflösung der Grabstätte des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß im oberfränkischen Wunsiedel im Juli 2011 gilt Bad Nenndorf als einer der letzten rechten "Wallfahrtsorte". Mit ihrem "Trauermarsch" wollen die Neonazis an die Opfer des Vorgehens der Alliierten erinnern.

 

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