Stand: 05.08.2013 06:37 Uhr  | Archiv

In Bad Nenndorf haben Neonazis keine Chance

von Angelika Henkel & Stefan Schölermann

Als um kurz vor 17 Uhr aus dem Lautsprecherwagen der Polizei die letzte Anweisung mit den Worten endet: "...können Zwangsmittel gegen Sie eingesetzt werden!", wissen die Menschen auf dem Platz: Die Polizei macht ernst. Die so oft angekündigte Räumung wird tatsächlich umgesetzt. Einige räumen sofort das Feld - die meisten aber harren aus. Am Südrand des Vorplatzes haben sich etwa zwei Dutzend Polizisten in voller Einsatzmontur aufgestellt; ein einschüchterndes Szenario für manche der etwa vier-bis fünfhundert Blockierer vor dem Wincklerbad. Über Funk fragt ein Beamter bei der Einsatzleitung nach: "Sollen wir jetzt nach StPO (Strafprozessordnung) mit der Räumung beginnen? Ist das bestätigt?" Offenbar hat der Mann noch Zweifel, ob man es wirklich so weit kommen lassen will. Die Antwort kommt sofort und er quittiert des Einsatzbefehl: "Dann machen wir das jetzt so."

Mit Fahrradschlössern zusammengekettet

Die Beamten wissen, dass in den kommenden Stunden keine leichte Aufgabe vor ihnen liegt. Mehrere Hundert Menschen sitzen auf dem Platz vor dem Wincklerbad, viele von ihnen haben offenbar einschlägige Erfahrungen mit Blockadesituationen. Sie machen mit ihren lauthals gerufenen Parolen deutlich, dass sie keine Absicht haben, den Beamten ihre Aufgabe leicht zu machen. "No pasarán!" rufen sie im Chor - und das soll bedeuten: "Sie werden hier nicht durchkommen." Einige von ihnen haben sich mit Fahrradschlössern am Hals zusammengekettet. Ein Wegtragen ist so unmöglich.

Und dann sind da noch die anderen, die fröhliche Lieder singen, die zum ersten Mal in ihrem Leben in eine Blockade hineingeraten sind und denen es trotzdem mindestens genauso ernst damit ist, den rechten Aufmarsch zu verhindern: Die Mitglieder des Bündnisses "Bad Nenndorf ist bunt", die sich seit Jahren gegen den braunen Spuk in ihrer Stadt zur Wehr setzen.

"Freiwillig gehen oder weggetragen werden?"

Es ist 16.50 Uhr, als sich die Beamten in Dreiergruppen in Marsch setzen, um den Platz zu räumen. Ein Blockierer nach dem anderen wird fortgetragen. Bald ist auch Sigrid Bade an der Reihe. Sie engagiert sich seit Jahren im Bürgerbündnis, ist außerdem stellvertretende Vorsitzende des örtlichen Sportvereins VfL Bad Nenndorf. Nun sitzt sie im Kreise vieler Vereinskollegen mitten unter den Blockierern. Eine Polizeibeamtin beugt sich zu Sigrid Bade herunter und fragt: "Wollen Sie lieber freiwillig gehen oder sollen wir Sie tragen?" Unerschrocken kommt die Antwort: "Da ich weiß, wie Weggehen ist, ich aber in meinem Leben noch nicht weggetragen worden bin, kann ich Ihnen die Frage erst hinterher beantworten."

Lob für behutsame Polizisten

Sigrid Bade kennt die Antwort jetzt. Sie lässt sich wegtragen, wird zwischen eine Reihe von Polizeifahrzeugen verfrachtet und dort durchsucht und abgetastet. Schließlich eröffnet man ihr, dass sie mit einem Strafverfahren zu rechnen habe. Ihre Bitte nach einem Durchschlag des angefertigten Protokolls wird abschlägig beschieden: "Sie bekommen Post von uns." Da ist es 17.06 Uhr. Und dennoch hegt die Bad Nenndorferin keinen Groll gegen die Beamten: Sie seien sehr behutsam vorgegangen, niemand habe ihr Schmerzen zugefügt. Im Gegenteil: "Die Polizisten haben uns gezeigt, wie man sich verhalten muss, damit es nicht wehtut." Dass sie sich in die Reihe der Blockierer eingereiht hat, dazu steht Sigrid Bade auch am Tag danach: "Wir haben die Chance gesehen, dass wir den Aufmarsch vor dem Wincklerbad verhindern oder zumindest deutlich verzögern können."

Neonazis kommen nicht vors Wincklerbad

Nüchtern betrachtet haben die Blockierer am Ende Erfolg. Als einige Zeit später etwa 300 "Trauermarschierer" - einige von ihnen in kurzen Hosen - an der rückwärtigen Seite des Wincklerbades erscheinen, ist die Räumung noch in vollem Gang. Der Zugang zum Vorplatz des Wincklerbades bleibt ihnen versperrt. Polizeifahrzeuge blockieren die letzten Meter ihrer Route. Neonazi-Anführer Dieter Riefling lässt seinem Zorn freien Lauf, bezeichnet die Blockierer als "Abschaum" und die Polizeiführung als "unfähig". Die Teilnehmer der braunen Versammlung bezeichnet er als "Volksgenossen": "Wenn unsere eigenen Kräfte die Räumung vorgenommen hätten, wäre es eine Frage von Minuten gewesen." Dann sagt er einen Satz, der offenkundig als Drohung verstanden werden soll: "Ich bitte vorsorglich alle wehrfähigen Männer nach vorne". Nur wenige folgen seinem Aufruf, der Rest bleibt stehen. Die meisten seiner "Volksgenossen" zweifeln offenbar, ob sie entweder das eine oder andere Kriterium seines Aufrufs erfüllen.

Aggressionen gegen Journalisten

Die Wut der Neonazis richtet sich nicht nur gegen die Polizei, sondern auch gegen Journalisten. Es folgt die Anweisung, die Vertreter der "kriminellen Antifapresse" abzudrängen. Wenige Minuten später schlägt ein Rechtsextremist einem Fotografen mit einer Fahnenstange auf den Kopf. Am Ende müssen die Rechtsextremisten unverrichteter Dinge abziehen, denn ihre Zeit ist nicht nur im übertragenen Sinne abgelaufen: Der letzte Zug geht um 20.38 Uhr vom Bahnhof Bad Nenndorf. Den Vorplatz des Wincklerbades bekommen sie nicht zu Gesicht.

Stunden später ist dieser zentrale Ort noch immer abgesperrt. Geblieben sind Hunderte Wasserflaschen aus Plastik. Die Stadtreinigung hat das Regiment mit langen Besen übernommen. Als sich eine Gruppe junger Männer der Absperrung nähert, um die Pfandflaschen einsammeln zu können, wird ihre Bitte abgewiesen: "Das ist Eigentum des Landes Niedersachsen."

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Aktuell | 04.08.2013 | 13:00 Uhr