Stand: 05.08.2013 06:37 Uhr  | Archiv

In Bad Nenndorf haben Neonazis keine Chance

von Angelika Henkel & Stefan Schölermann

Blockieren kann offenbar auch Spaß machen - über Stunden wirkt die Sitzblockade am Sonnabendnachmittag vor dem Wincklerbad eher wie ein fröhliches Happening als eine Brutstätte von  strafbaren Verstößen gegen das Versammlungsgesetz. Während die Blockierer in der Sonne schwitzen, versorgt die Polizei sie mit Trinkwasser aus Einwegflaschen - und wird dafür beklatscht. Begonnen hat alles am frühen Nachmittag. Es ist kurz nach 14 Uhr, die letzten Klänge  des Songs "Monopoly" von Sänger und Politiker Dieter Dehm sind verhallt, die Demonstration ist für beendet erklärt - da lassen sich mehrere Hundert Menschen schlagartig nieder auf dem Platz vor dem Wincklerbad. Ihr gemeinsames Ziel: Sie wollen den für den späteren Nachmittag geplanten Ausmarsch der Rechtsextremisten vor dem Wincklerbad verhindern oder doch zumindest deutlich verzögern.

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Bad Nenndorf gibt Nazis keine Chance

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Bunter Mix gegen rechts

Es ist eine bunte Mischung, die da in sengender Sonne ausharrt: Angehörige der extrem linken Szene sind dabei; aber auch Menschen, die sich im bürgerlichen Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt" seit Jahren gegen den Spuk der rechten Trauermärsche engagieren, viele von ihnen sind Mitglieder des örtlichen Sportvereins VfL Bad Nenndorf - ein Umstand, der im Laufe des Nachmittags viel zur Entspannung der Lage beitragen wird.

Demonstranten "schütteln" sich

Denn zunächst dominieren die Linken mit ihren martialisch anmutenden Parolen zumindest akustisch die Szenerie: "Ob Ost ob West - nieder mit der Nazipest": Aus Hunderten Kehlen gerufen und von der Wand des Wincklerbades akustisch reflektiert, liegt zunächst eine kämpferische Stimmung über dem wenige Hundert Quadratmeter großen Platz. Eher einschüchternd wirkt das auf die Mitglieder des bürgerlichen Bündnisses. Anders als jene mit den Parolen finden sich die meisten von ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Blockadesituation wieder - und mancher hadert mit sich, ob er bleiben oder gehen soll. Doch dann wendet sich das Blatt zugunsten der Blockadeneulinge: Es sind vor allem die Mitglieder des Sportvereins, die den politischen Parolen lustige Lieder entgegensetzen. Als die erfahrene VfL-Frau Silke Engelking dann plötzlich aufsteht und ihre Erfahrungen als Übungsleiterin spielen lässt, ist bei den oft düstern dreinblickenden Mitgliedern der linken Szene der Damm gebrochen: Engelking spornt ihre Vereinskollegen an zum "Schütteltanz" - und alle schütteln mit.

Sportler und linke Szene verbünden sich

Sogar bei Volksliedern stimmen alle ein. Am Ende schweben Konfetti und Seifenblasen über die Menschen vor dem Wincklerbad und die linke Szene revanchiert sich bei den Sportlern mit einem eigenen Slogan: Statt den klassischen Antifa-Parolen rufen sie jetzt: "Hier regiert der VfL" und mit Anspielung auf den neu erlernten Tanz: "Wer schütteln kann, der kann auch sitzen", als die Sportler erwägen, das Feld zu räumen.

Wincklerbad in Bad Nenndorf

Dreh- und Angelpunkt des rechten Interesses an Bad Nenndorf ist das dortige Wincklerbad. Britische Besatzungssoldaten nutzten das Bad von 1945 bis 1947 als Internierungslager für NS-Schergen und mutmaßliche Kriegsverbrecher. Es kam dort auch zu Misshandlungen ehemaliger Wehrmachtssoldaten. Großbritannien entschuldigte sich dafür später. Nach der Auflösung der Grabstätte des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß im oberfränkischen Wunsiedel im Juli 2011 gilt Bad Nenndorf als einer der letzten rechten "Wallfahrtsorte". Mit ihrem "Trauermarsch" wollen die Neonazis an die Opfer des Vorgehens der Alliierten erinnern.

"Wir haben Hunger"

Auch bei der Polizei ist man offenbar ein wenig angesteckt von dieser Stimmung. Sie lässt nicht nur Toiletten für die "Bedürftigen" herbeischaffen. Als auf dem Wincklervorplatz skandiert wird: "Wir haben Hunger!"- quittiert die Einsatzleitung vor Ort das mit dieser Lautsprecherdurchsage: "Unmittelbar können wir da nicht weiterhelfen, aber wir können Ihnen eine Reihe von  ausgezeichneten Restaurants in der Nähe empfehlen." Kaum jemand ahnt, dass dieser Aufruf auch eine andere Botschaft enthält: Die mittelbare Aufforderung, den Platz zu verlassen. Doch dann kommt die Wende. Mehrfach fordert die Polizei die Blockierer auf, den Platz zu verlassen. Die Versammlung wird für aufgelöst erklärt.

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Aktuell | 04.08.2013 | 13:00 Uhr