Stand: 22.07.2012 17:00 Uhr  | Archiv

Bad Nenndorf wehrt sich gegen rechts

von Angelika Henkel (NDR Fernsehen ) und Stefan Schölermann (NDR Info)
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Bereits 2011 setzten sich die Bad Nenndorfer mit zahlreichen Aktionen gegen die rechten "Trauermärsche" zur Wehr.

Kein Schaukasten, keine Litfaßsäule in Bad Nenndorf ohne die magentafarbenen Plakate und Aufkleber, mit denen zum Protest aufgerufen wird: Die kleine Kurstadt ist schon jetzt gerüstet gegen den für Anfang August angekündigten Aufmarsch von Rechtsextremisten aus der gesamten Bundesrepublik. Seit Jahren erlebt die Kleinstadt am Deister einen rechten Spuk, der bundesweit ohne Beispiel ist.

Seit 2006 kommen die Neonazis alljährlich zu ihren sogenannten Trauermärschen nach Bad Nenndorf. Waren es zunächst nur ein paar Dutzend Rechtsextremisten, kamen zwischenzeitlich bis zu 900 braune Marschierer. Angemeldet haben sie ihre Demonstrationen bis zum Jahr 2030. Das rechte Spektakel ist mittlerweile zum festen Bestandteil der braunen Terminkalender im In- und Ausland geworden, und Bad Nenndorf damit zu einem Symbolort für die rechte Szene, wie Niedersachsens Verfassungsschutzchef Hans-Werner Wargel sagt. "Alte wie neue Nazis suchen dieses Gemeinschaftsgefühl. Man kann feststellen, dass sie sich an so etwas geradezu berauschen."

Bad Nenndorf wehrt sich

Doch Bad Nenndorf weiß sich zu wehren - und das gelingt mittlerweile immer besser. So gut, dass die Rechten bei ihrem Marsch regelrecht aus dem Tritt kamen und manchem die Enttäuschung über den Fehlschlag des rechtsextremen Propagandaspektakels ins Gesicht geschrieben steht. Entlang der Aufmarschstrecke des "Trauermarsches", der zentralen Bahnhofstraße, hatten die Bad Nenndorfer eine ganze Reihe von bunten Festen veranstaltet: Eine Partymeile mit lautstarker Musik, die den rechten Marsch der Lächerlichkeit preisgab.

"Das soll in diesem Jahr wieder so sein", sagt der Bad Nenndorfer Apotheker Jürgen Uebel (56), der sich seit Jahren an vorderster Stelle im Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt" gegen die Märsche engagiert. "Schon im vergangenen Jahr hatten die Rechten Schwierigkeiten, Disziplin zu wahren. Vielleicht schaffen wir es diesmal, sie zum Tanzen zu bringen", sagt der Bad Nenndorfer nicht ohne Sarkasmus. Denn nichts wäre ihm lieber, als dass die Partymeile, zu der rund 750 Gäste eingeladen wurden, in diesem Jahr zum endgültigen Abtanzball für die Neonazis wird.

Zwei Tage Ausnahmezustand

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Wegen der rechten Märsche und den zahlreichen Gegenveranstaltungen geht Anfang August in Bad Nenndorf nicht mehr viel.

Viele Bad Nenndorfer denken ebenso. Sie leiden nicht nur unter den Aufmärschen und der Tatsache, dass ihr beschaulicher Kurort alljährlich in den Schlagzeilen mit Rechtsextremisten von außerhalb in Verbindung gebracht wird - denn in Bad Nenndorf selbst gibt es keine rechtsextreme Szene. Die Bad Nenndorfer leiden auch unter den Begleitumständen. Zwei Tage herrscht Ausnahmezustand: Die Einzelhandelsgeschäfte sind am Aufmarschtag  geschlossen, gleiches gilt für die weit über Bad Nenndorf hinaus bekannte Landgrafentherme. Auch die drei Apotheken haben dicht - eine Sondergenehmigung der Apothekerkammer hat grünes Licht dafür gegeben. Der Grund: Viele Kunden hätten Schwierigkeiten an diesem Tag zu den Apotheken zu kommen, sagt Jürgen Uebel. Zwar hat die Polizei im Vorwege Absprachen getroffen, dass dringende Medikamentenlieferungen durchkommen und beispielsweise Dialysepatienten zu ihren Klinken befördert werden.

Ansonsten aber geht kaum etwas in der Kurstadt, denn die bunte Partymeile ist an diesem Tag nicht die einzige Protestform, mit der man sich in Bad Nennorf gegen die Rechten zur Wehr setzt. Es gibt einen Gottesdienst und eine Menschenkette. Vor allem aber sind schon jetzt zehn Demonstrationen unterschiedlicher Gruppierungen angemeldet. Für die zentrale Kundgebung sind das Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt" und der Deutsche Gewerkschaftsbund verantwortlich. Unterstützung kommt von den Landesverbänden der SPD, der Grünen und der Linken, die erstmals landesweit gegen den rechten Aufmarsch mobilisieren. "Es wäre ein schöner Erfolg, wenn im kommenden Jahr der komplette Landtag nach Bad Nenndorf kommen würde, um die Menschen in der Kurstadt zu unterstützen", sagte am Freitag die Landesvorsitzende der Grünen in Niedersachsen, Anja Piel.

2011 waren 2.000 Polizisten im Einsatz

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Rund 2.000 Polizisten waren im vergangenen Jahr in Bad Nenndorf im Einsatz.

Doch nicht bei allen angemeldeten Demonstrationen ist mit letzter Sicherheit davon auszugehen, dass sich deren Teilnehmer an die rechtlichen Spielregeln halten werden. So haben einzelne Bündnisse von auswärts gezielt zu Blockaden des Neonaziaufmarsches und auf den Anmarschwegen aufgerufen. Entsprechend groß dürfte das Polizeiaufgebot sein. Im vergangenen Jahr waren rund 2.000 Beamte in der Stadt eingesetzt.

Mehr als alle Demonstrationen aber wünschen sich Jürgen Uebel und seine Mitstreiter ein Verbot des rechten Spektakels. Der Apotheker nennt die Drohung der Nazis, bis zum Jahr 2030 wiederkommen zu wollen, eine "glatte Erpressung". "Die wollen so lange wiederkommen, bis man im Wincklerbad ein Foltermuseum einrichtet. Wenn das keine Erpressung ist, dann weiß ich nicht, wie man das nennen soll." Bad Nenndorf lässt sich von den Rechtsextremisten nicht vorschreiben, ob, wann und wie getrauert wird, lautet das Credo von "Bad Nenndorf ist bunt" - und deshalb werden die Proteste in diesem Jahr wohl noch ein wenig lauter ausfallen, als im Jahr zuvor.

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