Stand: 24.08.2012 13:54 Uhr

Braune Biokost - Rechte Siedler im Nordosten

von Andrea Röpke, Mitarbeit: Djamila Benkhelouf
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Ein Kunst-Markt in Klaber im Landkreis Güstrow.

Buntgefärbte Schafswollknäuel, Honig der Marke "Freie Erde", Wurfmesser mit verzierten Klingen, Sonntagskleidchen mit Schürze und zwischendurch ein Kräuterbrötchen auf die Hand. Der selbstständige Schmied, die Buchbinderin, Koch und Sattler, das Steinsetzer-Ehepaar geben sich gastfreundlich.

Es ist Pfingsten. Im Landkreis Güstrow, in der idyllischen Mecklenburgischen Schweiz gelegen, bieten Handwerker und Kleingewerbetreibende unter dem Motto "Kunst offen" ihre Produkte an. Künstler aller Art sind dabei. Auch im Dörfchen Klaber sind die Pforten weit geöffnet. Die ansonsten eher öffentlichkeitsscheuen Neusiedler um Jan K. zeigen sich bürgernah.

Doch in Klaber leben völkische Rechte, die meisten erst in der letzten Zeit aus Berlin und anderen Städten zugezogen. Erst auf den zweiten Blick sind die Silberketten mit Thorshammer und Runen und die Verzierungen auf dem Kinderrad zu erkennen: ein Christenfisch in den Klauen eines nordischen Adlers, das Symbol der rassistischen "Artgemeinschaft". Die Neusiedler und ihre Bekannten sind keine harmlosen "Ökos", die hier ihre Ware ausstellen. Einige von ihnen nennen sich "Neo-Artamanen", einer war Anführer in der inzwischen verbotenen, militanten "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ), ein anderer in wichtiger Position bei der Berliner NPD, und mehrere hängen dem heidnischen Kampfverband, der "Artgemeinschaft - Germanische Glaubensgemeinschaft" an.

Die "Neo-Artamanen"

Die "Artamanen" waren in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine völkisch-nationale Siedlungsbewegung. Zu ihren Anhängern zählten auch ranghohe Nationalsozialisten wie SS-Chef Heinrich Himmler und der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß.
Anfang der 1990er-Jahre setzte eine kleine Gruppe siedlungswilliger Rechter ihr Konzept zur Wiederinbetriebnahme alter Artamanenhöfe im Landkreis Güstrow um. Weitere Sympathisanten folgten. In der radikal rechten Zeitung "hier & jetzt" beschwört der Autor Stephan Roth die "Artamanenbewegung als Beispiel alternativer Lebensgestaltung". Er betont, dass die Zukunft in "unumstößlichen kleinen Gemeinschaften der bäuerlichen Siedlungen in Mitteldeutschland" liege. Siedeln sei jedoch weniger Romantik als vielmehr harte Arbeit und Existenzkampf.
Diese Kolonialisten leben nach nordischen Überlieferungen, wollen ein Verhältnis zu ihrer Umwelt pflegen, so wie es angeblich schon deren Ahnen getan haben. Humanismus und Christentum lehnen sie als "widernatürlich" ab. Im bäuerlichen Brauchtum, belehrten bereits 1967 die "Deutschen Nachrichten" der NPD, offenbare sich die "deutsche Seele". Im Dorf Klaber und im rund 20 Kilometer entfernten Koppelow lebt die Avantgarde der völkischen Kolonialisten in Mecklenburg-Vorpommern.

"Dorfgemeinschaft Jamel - frei, sozial und national"

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Völkischer Markt: Schmied, Buchbinder, Sattler und Steinsetzer bieten auf diesem Hof in Klaber ihre Waren an.

Weiter westlich, nahe Grevesmühlen, lautet die Parole längst: "Dorfgemeinschaft Jamel - frei, sozial und national". In zwei Drittel der zehn Häuser leben Neonazis. Großspurig verkündete das extrem rechte Internetportal mup.info Anfang 2011: "Wenn es so weitergeht, dann gibt es bald nicht nur zwei, drei oder vier Orte wie Jamel, (...) sondern Dutzende und womöglich Hunderte Orte, in denen demokratischer Verfall der nationalen Aufbauarbeit weicht."

Die Ansiedlungen gehen oft mit kommunalpolitischem Engagement der NPD einher. "Regional ist erste Wahl" oder "Geht nicht fort - kauft im Ort" werben die braunen Ideologen entsprechend ihrer "Kümmerer"-Strategie. Nahe der Elbe, in der Region um Boizenburg und Lübtheen, wohnen seit Jahren zugezogene NPD- und Kameradschafts-Aktivisten aus dem Westen. Dort haben sie sich mit bis zu 20 Prozent rechtem Stimmenanteil eine Stammwählerschaft sichern können.

Nachbarn wissen oft nichts vom politischen Hintergrund

Aus Berlin und Brandenburg ziehen Paare aufs Land, die zum harten Kern der Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der NPD, gehören. Gezielt wirken die Neonazis mit ihrer Strategie der anhaltenden Landflucht entgegen. Nach außen gerieren sie sich als tatkräftige, volkstümliche Menschen. Präventionsexperten der Arbeitsgemeinschaft "Völkische Siedler" in Rostock warnen davor, dass die Rechten den besiedelten Gegenden durchaus "ihren Stempel aufdrücken" wollen. Zu Brauchtumsfeiern wie Sonnenwenden oder Erntedankfesten werden Nachbarn und Kunden eingeladen, die oft nichts wissen vom politisch motivierten Hintergrund.

Güstrow: Kern der braunen Siedlungsbewegung

Das Herz der braunen Kolonialisierung ist der Raum Güstrow. Dort gibt es neben einer Neonazi-Kameradschaft im Ortsteil Nienhagen auffällig viele Siedler aus dem extrem rechten Spektrum. Die Verbandsgemeinde Lalendorf mit ihren germanischen Funden aus dem ersten Jahrhundert, ihrem Zuckerrübenanbau und dem Panzerdenkmal liegt in der geografischen Mitte Mecklenburg-Vorpommerns.

Zuständig für die rund 3.000 zumeist in abgelegenen Ortsteilen versprengten Einwohner ist das Amt Krakow am See. Bei der Landtagswahl 2011 erzielte die NPD rund 13 Prozent im Landkreis. Die Rostocker Präventionsexperten gehen allein im Raum Güstrow von rund einem Dutzend "nationaler Familien" aus, zu denen etwa 60 Kinder gehören, Tendenz steigend. Es gibt unzählige verfallene und leerstehende Gehöfte. Auch sanierte Häuser sind spottbillig zu haben.