Stand: 08.07.2009 11:35 Uhr  | Archiv

"Stinksauer": AKW-Panne erzürnt Politiker

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"Bin stinksauer": Ministerpräsident Carstensen mit Vattenfall-Chef Hatakka (l.).

Der jüngste Zwischenfall im Atomkraftwerk Krümmel hat zornige Reaktionen der Kieler Koalitionspolitiker ausgelöst. Im Anschluss an ein Treffen mit dem Vattenfall-Vorstandsvorsitzenden Tuomo Hatakka sagte Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) am Dienstagnachmittag: "Ich bin stinksauer. Vattenfall hat allen, die mit einem vernünftigen Energiemix leben wollen, einen Bärendienst erwiesen." Carstensen forderte eine "saubere Analyse". Der Reaktorbetreiber bekomme einen "letzten Versuch", bei einem weiteren Störfall werde er sich persönlich dafür einsetzen, dass Krümmel abgeschaltet wird. Auch andere Vertreter der Landesparteien hatten Vattenfall scharf kritisiert. CDU-Fraktionschef Johann Wadephul sagte am Dienstag NDR Info, das Unternehmen diskreditiere die friedliche Nutzung der Kernenergie. Der SPD-Landesvorsitzende Ralf Stegner bezweifelte massiv die Zuverlässigkeit Vattenfalls.

Trauernicht: "Mangel an Professionalität"

Das Sozialministerium hatte am Dienstag bestätigt, dass die Vorgaben der Atomaufsicht nicht vollständig befolgt wurden. "Unser Vertrauen ist erschüttert", sagte die zuständige Ministerin Gitta Trauernicht (SPD). Die Konsequenzen, die der Betreiber gezogen habe, seien angemessen. Das Unternehmen habe aber einen Mangel an Professionalität und Qualität erkennen lassen. Vorwürfe gegen die Atomaufsicht wies sie zurück. "Wir haben unsere Aufgabe erledigt." Vattenfall werde nun erneut einer Zuverlässigkeitsprüfung unterzogen, die Möglichkeiten ihrer Behörde seien jedoch begrenzt.

Betreiber räumt Fehler ein - SPD kritisiert alte Ersatzteile

Unterdessen hatte Vattenfall mitgeteilt, es sei schlichtweg vergessen worden, wie verabredet vor dem Wiederanfahren ein Überwachungsgerät am späteren Pannentransformator anzubringen. Der Kraftwerksleiter wurde daraufhin - dem Unternehmen zufolge auf eigenen Wunsch - von seinen Aufgaben entbunden. Nach Meinung der SPD-Umweltexpertin Monika Schaal deutet der Umgang mit den Störfällen allerdings auf ein Versagen in der Führungsetage des Betreibers hin. Laut der Politikerin war der Ersatztrafo, den Vattenfall nach dem Brand vor zwei Jahren im AKW Krümmel eingebaut hatte, zwei Jahre älter als das Kraftwerk selbst. Der Trafo, der den neue Störfall vom Wochenende ausgelöst hatte, sei sogar schon Ende der siebziger Jahre gebaut worden, so Schaal.

 

Bundesregierung: Technische Defizite in älteren AKW

Zudem wurde bekannt, dass die Bundesregierung bereits vor Jahren eingeräumt hat, dass Siedewasserreaktoren älterer Bauart wie der in Geesthacht nicht mehr dem "aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik" entsprechen. Die "Berliner Zeitung" zitierte in ihrer Mittwochsausgabe aus Antworten auf parlamentarische Anfragen der Grünen aus den Jahren 2006 und 2007. Die älteren Meiler gehörten demzufolge "nicht zu den weltweit hochmodernsten und sichersten".

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