Stand: 27.09.2017 15:54 Uhr

Andrea Nahles muss ihren Stil noch finden

Andrea Nahles wird die neue Bundestagsfraktion der SPD anführen und damit auch zur Oppositionsführerin im Deutschen Bundestag. Die frühere Juso-Chefin und Parteilinke hat in vier Jahren als Bundesarbeitsministerin ruhig und erfolgreich ihre politischen Projekte umgesetzt, jetzt wird sie wieder - wie früher des Öfteren geschehen - Angriffs-Sound in die Reden mischen können. Ist das das richtige Mittel der Wahl?

Ein Kommentar von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtkorrespondent

Bild vergrößern
Jörg Seisselberg sieht im Wechsel beim SPD-Fraktionsvorsitz nur bedingt ein Signal der Erneuerung.

Andrea Nahles kann zufrieden sein. 90 Prozent der Abgeordneten hinter sich zu bringen, das ist respektabel. Und die scheidende Arbeitsministerin bringt viel mit, um eine gute Fraktionschefin zu. Auch wenn Nahles in der Öffentlichkeit polarisiert: Intern weiß sie, wie man Netzwerke spinnt und sich Unterstützung sichert. In ihrer neuen Position, sagt die Parteilinke, wolle sie sich an Peter Struck orientieren. Für eine kraftvolle und geschlossene Opposition ist das sicherlich nicht das schlechteste Vorbild.

Nahles muss aufpassen, dass sie nicht überzieht

Die Stilart "Attacke" beherrscht Nahles in jedem Fall. Das haben in den vergangenen rund zwei Jahrzehnten immer wieder auch Parteifreunde zu spüren bekommen. Die erste Frau auf dem Chefsessel der SPD-Fraktion muss allerdings aufpassen, dass sie nicht überzieht. Den Vertretern der Union hat Nahles angedroht, sie bekämen künftig "in die Fresse". Eine solche Wortwahl ist nicht kämpferisch und schon gar kein Zeichen von Stärke, sondern schlicht vulgär.

Der Verantwortung bewusst sein

Weitere Informationen
mit Audio

"Jamaika": Habeck mahnt sachliche Debatte an

Der Grünen-Politiker Robert Habeck mahnt eine sachliche Debatte vor Beginn möglicher "Jamaika"-Sondierungsgespräche an. Hintergrund sind auch Differenzen in der Flüchtlingspolitik. mehr

Als Fraktionsführerin der ältesten demokratischen Partei Deutschlands sollte sie möglichst schnell einen Stil finden, der bissig, klar und selbstbewusst ist, aber sich in Inhalt und Wortwahl deutlich von den Auftritten der Parlamentsneulinge am rechten Rand unterscheidet.

Wenn es wirklich zu einer "Jamaika"-Koalition kommt, hat die SPD als größte Oppositionspartei nicht nur Verantwortung für sich selbst, sondern für das Funktionieren der parlamentarischen Demokratie insgesamt.

Zweite Reihe muss mit frischen Gesichtern besetzt werden

Die SPD erhofft sich mit dem Wechsel von Thomas Oppermann zu Nahles auch ein Signal der Erneuerung. Dies ist es nur bedingt. Zwar rückt mit der ehemaligen Juso-Chefin die Vertreterin einer neuen Generation in die erste Reihe, aber ein neues Gesicht ist Nahles nicht. Seit 20 Jahren sitzt sie in SPD-Führungsgremien, hat den Kurs und damit auch den Niedergang der jüngsten Vergangenheit mit verantwortet.

Für die Sozialdemokraten kommt es jetzt darauf an, die zweite Reihe der Fraktion wirklich mit frischen Gesichtern zu besetzen. Die SPD wäre klug beraten, als Vize-Fraktionschefs nicht die bisherigen Minister zu recyceln, sondern jüngeren Abgeordneten Platz zu geben, die wirklich als Hoffnungsträger taugen.

Martin Schulz zeigt keine Führungsstärke

Hierbei muss Martin Schulz ein besseres Gespür zeigen als in den vergangenen Tagen. Denn der SPD-Chef geht aus der ersten Runde der internen Posten-Verteilung beschädigt hervor. Die Parteirechten haben erfolgreich gegen sein ursprüngliches Personalpaket für die Fraktionsführung rebelliert - nicht Schulz-Favorit Heil, sondern der konservative Carsten Schneider wird als Parlamentarischer Geschäftsführer der starke Mann hinter Nahles.

Wenn ein Parteichef derart zurückrudern muss, dann ist dies ein Zeichen von Führungsschwäche - und auch von mangelndem Verständnis für die Kräfteverhältnisse in der Fraktion. Schulz' Vorgehen in den Tagen nach seiner Wahlniederlage hat nicht dazu beigetragen, seine Position innerparteilich zu festigen. Im Gegenteil: Die Debatte, ob der Verlierer vom Sonntag der richtige Mann für die Zukunft der SPD ist, sie dürfte intensiver werden.

Weitere Informationen

Bundestagswahl: So wählte der Norden

Welche Partei hat wie viele Stimmen bekommen und wie viele Prozente geholt? Wer regiert künftig Deutschland? Das Wichtigste zur Bundestagswahl 2017 im Überblick. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 27.09.2017 | 17:08 Uhr

Mehr zur Wahl

01:41

So sehen die Niedersachsen das Wahlergebnis

25.09.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
04:27

Wie geht es weiter für SPD und CDU?

25.09.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
03:02

AfD-Landtagsfraktion spaltet sich

25.09.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin