Stand: 12.06.2015 15:54 Uhr

Wie ein Webprojekt Obdachlosen helfen soll

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Nikolas Migut arbeitet als Reporter für die Sendereihe 7 Tage beim NDR.

Nikolas Migut macht Dokumentationen an ungewöhnlichen Orten: Im Knast, im Kinderhospiz, in der Dönerbude. Vor knapp drei Jahren hat er einen Film über Obdachlose gedreht - ein Thema, das ihn nachhaltig veränderte. Er will aktiv etwas am Elend ändern, anstatt es nur im Fernsehen zu zeigen. Dabei soll ein neues Webprojekt helfen, das er mit Freunden aufgebaut hat: strassenblues.de

Sie haben für den NDR sieben Tage unter Obdachlosen gelebt - in einer Bahnhofsmission. Wie kommen Sie auf so etwas?

Nikolas Migut: Eigentlich wollten wir mit Menschen sieben Tage unter der Brücke verbringen. Doch es ist sehr schwierig eine größere Gruppe von Obdachlosen zu finden, die das zulässt. So haben wir uns entschieden in eine Berliner Bahnhofsmission zu gehen.

Fiel es Ihnen schwer, sich auf diese Welt einzulassen?

Migut: Bevor ich mich beruflich mit Obdachlosen beschäftigt habe, hatte ich schon zehn Jahre immer wieder Kontakt mit ihnen. Mir waren diese Menschen am sozialen Abgrund nie fremd. Ich habe den Obdachlosen auch gesagt, dass ich nie Geld gebe, weil ich nicht weiß, wohin es geht. Ich biete immer nur an, dass ich etwas zu trinken und etwas zu essen kaufe oder meine Zeit widme. So habe ich ihr Leid über die Jahre oberflächlich kennengelernt.

Gibt es Momente, die Ihnen besonders stark im Gedächtnis geblieben sind?

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Szene aus 7 Tage unter Pennern: Miguts Partner Julian Amershi (Mitte) im Gespräch mit dem Obdachlosen Alex (r).

Migut: Das erste Mal, dass ich mit Obdachlosen tatsächlich mehr zu tun hatte, war bei den Dreharbeiten zu 7 Tage unter Pennern im Herbst 2012. Das war teilweise schon sehr erschreckend. Da war zum Beispiel ein Mann - den haben wir auch gar nicht gedreht, weil es fast unmenschlich gewesen wäre - der kam eines Nachts rein und er hat ein Fußbad bekommen. Es war ein älterer Mann um die 50, mit langem Bart und er sah ziemlich fertig aus. Eines seiner Beine war doppelt so dick wie das andere und es sah aus wie ein Tropfstein. Es hatte gar keine richtige Haut mehr, sondern es war umwuchert. Das sah so schlimm aus: Ich war richtig geschockt, wie diese Menschen körperlich dran sind. Gleichzeitig habe ich von dem Bahnhofmissionsleiter erfahren, dass sie auch oft psychische Erkrankungen haben.

Fällt es Ihnen schwer sich in diese Menschen hineinzuversetzen?

Migut: Ich habe mir die Frage gestellt: Was müsste passieren, dass ich auf der Straße lande? Ich glaube jeder Mensch, der in einem festen sozialen Gefüge ist, muss keine Angst haben und das ist bei mir der Fall. Aber wenn jetzt meine Frau und mein Kind sterben würden, wenn ich dadurch meinen Job verlieren würde, wenn ich Alkoholiker werden würde, wenn meine Familie mich nicht auffangen könnte, dann könnte es ganz schnell passieren, innerhalb von wenigen Monaten, dass ich in einer ähnlichen Situation wäre. Deswegen kann ich das sehr gut nachvollziehen. Klar mache ich mir Gedanken darüber.

Was wissen Sie jetzt über Obdachlose, was Sie vor Ihren Projekten nicht wussten?

Migut: Viele Obdachlose haben ein Pappschild, auf dem steht, dass sie Hunger haben. Aber die Obdachlosen haben die Möglichkeit jeden Tag Essen zu bekommen und Kleidung zu bekommen. Es ist nicht der Fall, dass jemand in einer Großstadt in Deutschland Hunger leiden muss, aber die leiden an etwas anderem: daran, dass sie keine Aufmerksamkeit kriegen, keine Nähe haben, keine Freunde haben, keine Gespräche haben mit normalen Menschen. Das war für mich überraschend.

Anfang 2015 haben Sie mit der Arbeit an strassenblues.de begonnen. Was passiert dort?

Migut: Dahinter stehen zwei Ideen: Zum einen wollen wir Talente von Obdachlosen fördern, beispielsweise Dichten oder Singen, Malen oder Basteln. Die Ergebnisse dieser Talente werden auf unserer Seite präsentiert, wir wollen sie verkaufen und den Erlös Obdachlosen zukommen lassen. Zum anderen wollen wir - und das ist das übergeordnete Ziel - deutschlandweit Lösungsansätze vergleichen. Denn niemand sammelt gute Ideen, wie Obdachlosen sinnvoll geholfen werden kann.

Nikolas Miguts Doku-Film
mit Video

Lebst du noch und wohnst du schon?

Alex war 2012 ein Protagonist einer NDR Reportage über Obdachlosigkeit. Heute lebt er in einer Sozialwohnung in Neumünster. Doch die Jahre, in denen er obdachlos war, haben Spuren hinterlassen. mehr

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, so ein Projekt zu starten?

Migut: Anfang 2015 habe ich das Porträt "Straßenblues" über den Obdachlosen Alex gedreht, es langsam über zwei Monate geschnitten und das war's. Die meisten Filme, die ich mache, sind nicht nachhaltig. Das heißt, sie werden im Fernsehen gesendet, man diskutiert vielleicht noch ein paar Tage in den Medien darüber, sie werden zwar in der Mediathek noch aufgelistet, aber ihre Themen bleiben nicht präsent. Nachhaltig wäre für mich, wenn ein Thema über Monate oder Jahre hinweg erhalten bleibt; nachhaltig wäre also eine Webseite, die sich immer weiterentwickelt und kontinuierlich dazu beitragen kann, dass man das Problem behandelt. Deswegen wollte ich strassenblues.de machen.

Wie kann man das als freier Filmemacher überhaupt leisten?

Migut: (lacht) Das frage ich mich auch. Als freier Filmemacher, Vater einer jungen Tochter und mit wenig Zeit ist das nur im Team möglich. Ich habe versucht Freunde von der Idee zu überzeugen, weil ich glaube, dass dieses Projekt sinnvoll ist und auch Menschen retten kann. Ich könnte das nicht machen, ohne Menschen, die eine Webseite bauen können, die fotografieren können, die sich mit Finanzen auskennen. Als Einzelkämpfer bist du da verloren.

Das Interview führte Henning Cordes, NDR.de.

 

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