Stand: 08.09.2015 21:41 Uhr

Wachleute in Flüchtlingsheimen überfordert

Vor einem Jahr machten Berichte über Misshandlungen von Flüchtlingen durch Sicherheitsleute in einer Unterkunft im nordrhein-westfälischen Burbach dicke Schlagzeilen. Danach versprach die Politik neue Vorschriften und mehr Kontrolle. Doch daran mangelt es nach wie vor, wie Recherchen von NDR Info und dem NDR Fernsehmagazin Panorama 3 ergaben. Überforderung, Dumpinglöhne, mangelnde Qualifikation von Mitarbeitern, fehlende Sachkenntnis und mangelnde Kontrolle durch die öffentlichen Auftraggeber sind Alltag in Flüchtlingsunterkünften.

Mitarbeiter eines Wachdienstes wehren sich gegen die medizinische Verantwortung in Flüchtlingsunterkünften.

Wachdienst muss Flüchtlinge ärztlich versorgen

Panorama 3 -

Überforderung, rudimentäre Erste-Hilfe-Kenntnisse, Verständigungsprobleme: Mitarbeiter eines Wachdienstes wehren sich gegen medizinische Verantwortung in Flüchtlingsunterkünften.

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Verbandswechsel mit Küchenpapier

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Die ehemalige Kaserne in Boostedt beherbergt jetzt mehr als 600 Flüchtlinge.

Ein Beispiel ist die ehemalige Kaserne in Boostedt, wo mehr als 600 Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Schleswig-Holstein leben. Um ihre Gesundheit kümmert sich hier der medizinische Dienst - aber nur tagsüber, nur werktags. Ähnlich sieht es in der Landesunterkunft in Neumünster aus. Zu anderen Zeiten müssten sich die Wachleute kümmern, erzählt Ex-Mitarbeiter Alex Panorama 3: "Ich habe mindestens fünf bis sechs Mal am Tag Binden wechseln müssen, weil es da keine Erste-Hilfe-Einrichtung gab. Nach 16 Uhr oder 17 Uhr ist keiner mehr da." Auch verschreibungspflichtige Medikamente hätten sie abgegeben und entscheiden müssen, wann ein Notarzt gerufen wird. Die Wachleute erzählen von Verständigungsproblemen und Missverständnissen, sie fühlen sich überfordert. Ex-Wachmann Pedram berichtet von einem kleinen Jungen mit einer Kopfverletzung, den er verbinden wollte. "Wir hatten eine Verbandstasche, die ins Auto gehörte, und da war nichts mehr drin. Ich musste eine Zewa-Rolle nehmen und ihm damit den Kopf verbinden. Ich konnte nichts anderes machen."

Erste Hilfe durch Wachleute zumutbar?

Ihr Arbeitgeber Secura Protect räumt Anfangsschwierigkeiten ein - doch die Mitarbeiter müssten ja nur Erste Hilfe wie jeder Bürger leisten. Die schleswig-holsteinische Innenstaatssekretärin Manuela Söller-Winkler betont, die Ausgabe der Medikamente sei nicht in Ordnung. Doch ärztliche Versorgung rund um die Uhr sei nicht möglich - die Wachleute müssten das Notwendige veranlassen. "Sie sind da, um im Zweifel bei Sprachbarrieren und bei Problemen, wo sich die Menschen dort vor Ort nicht zu helfen wissen, schlicht und einfach die nötigen Unterstützungsleistungen zu erbringen, nicht aber Diagnosen anzustellen und jemanden wieder zurückzuschicken, und zu sagen, du brauchst gar keinen Arzt."

Keine spezifischen Kenntnisse

Doch wie Alex und Pedram haben die meisten Sicherheitsmitarbeiter nur die Erste-Hilfe-Kenntnisse aus der Führerscheinprüfung. Nicht genug für Einsätze wie in Schleswig-Holstein, meint der Bonner Sicherheitsberater Stephan Leukert: "Es geht definitiv über das hinaus, was der Sicherheitsmitarbeiter, der keine vertiefte Ausbildung in Erster Hilfe hat, überhaupt machen kann." Dafür bräuchten Mitarbeiter etwa Ausbildungen als Rettungssanitäter oder Rettungsassistent.

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Mangelnde Transparenz durch Subunternehmer

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Flüchtlinge protestierten erst vor Kurzem in Wetzlar gegen die Zustände im Flüchtlingscamp.

Ein weiteres Problem ist der Einsatz von Subunternehmern. Weil viele Firmen Personalnot haben, stopfen sie Lücken durch Mitarbeiter anderer Firmen. Bis zu sechs sollen es im hessischen Erstaufnahmelager Wetzlar sein, ähnlich sei es im nahen Neustadt, so Guido Jurock von ver.di Hessen. "Die eigentlichen Auftraggeber, also die öffentliche Hand, haben dann im Endeffekt gar keinen Durchblick mehr, welche Mitarbeiter hier in dem Objekt tatsächlich eingesetzt werden." Der Auftraggeber sei aber in der Pflicht, die Umsetzung der Verträge zu kontrollieren und sich nicht auf "Lippenbekenntnisse oder Versprechungen der eingesetzten Unternehmen und Subunternehmen zu verlassen". Alles sei vertragskonform, die Mitarbeiter würden auch kontrolliert, erklärt das zuständige Regierungspräsidium Gießen auf Anfrage von NDR Info: Die Beschäftigung von Subunternehmen sei "nur im notwendigen situationsbedingten Umfang zulässig".

Kaum Lehren aus dem Skandal von Burbach

Dabei war ihr Ausschluss eine der zentralen Konsequenzen aus dem Skandal um die Übergriffe von Wachleuten eines Subunternehmens in der Flüchtlingsunterkunft in Burbach vor einem Jahr. Nordrhein-Westfalen formulierte noch weitere Standards: Tariflohn, Führungszeugnis, Mindestqualifikationen. Kaum ein Bundesland folgte dem Beispiel. Lediglich Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz haben Vergleichbares. Die Vorgaben der anderen bleiben vage. Dabei sind die Erwartungen an die Sicherheitsleute in Flüchtlingsunterkünften hoch, etwa bei der Kieler Innenstaatssekretärin Söller-Winkler: "Mir ist es tatsächlich wichtig, dass die Menschen, die kommen und die diese Aufgabe wahrnehmen, das in zugewandter, humanitärer und humaner Art und Weise tun. Die Sicherheitsaufgabe tritt da schon fast ein Stück zurück." Doch in Ausschreibungen würden solche Vorstellungen allzu selten formuliert, so Experte Leukert. Man nutze "einfach eine 08/15-Ausschreibung, die man vielleicht im Jahr vorher für Pförtnertätigkeiten gemacht hat, nun auch für diese Tätigkeit".

Billigkräfte mit mangelnder Qualifikation

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Sicherheitsberater Stephan Leukert sieht öffentliche Auftraggeber und Sicherheitsfirmen in der Pflicht.

Ein Riesenproblem, meinen Experten, gerade in diesem besonders schwierigen Umfeld. Guido Jurock von ver.di fordert, die Beschäftigten darauf vorzubereiten, was sie in Flüchtlingsunterkünften erwartet, etwa im Umgang mit traumatisierten Bürgerkriegsflüchtlingen oder bei der Entschärfung von Konflikten. "Davon ist bisher leider gar nichts zu sehen." Und Sicherheitsberater Leukert beklagt, dass Auftraggeber "leider viel zu häufig nur nach dem Kriterium Preis vergeben". Das führe dazu, dass "Dienstleister auf Qualität, Aus- und Weiterbildung, Betreuung und Kontrolle weitestgehend verzichten müssen, um günstige Preise zu erzielen" und damit Aufträge zu bekommen. Bei Secura Protect in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Schleswig-Holstein verdienen Mitarbeiter laut Arbeitsverträgen lediglich den bundesweiten Mindestlohn von 8,50 Euro, nicht den knapp 70 Cent höheren Landesmindestlohn. Das Kieler Innenministerium will das jetzt aufklären und abstellen. Doch der Fehler liegt nach Ansicht von Berater Leukert im System: "Bei dem personalintensiven Gewerbe kann man fast nur günstiger als sein Wettbewerber sein, wenn man bereit ist, niedrige oder niedrigste Löhne teilweise auch unter Tarif zu bezahlen." 

Frust auf allen Seiten

Bei den Wachleuten landet am Ende alles: der Frust der Flüchtlinge, die überzogenen Erwartungen der Auftraggeber und der Kostendruck der eigenen Chefs. Alex und Pedram fühlen sich schlicht "verarscht, aber vom Allerfeinsten", beklagen die "absolute Raffgier" der Sicherheitsfirmen. "Hauptsache, alles was zwei Füße hat, rein, rein rein und das Land bezahlt", schimpft Alex. "Was mit dem Einzelnen geschieht oder wie gut der gearbeitet hat, das interessiert keinen. Der Wachmann wird ja nur als der Dummbold dargestellt. Was anderes ist er ja nicht für 8,50 Euro."         

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Panorama 3

08.09.2015 21:15 Uhr
Panorama 3

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 09.09.2015 | 06:50 Uhr