Stand: 09.06.2015 06:00 Uhr

"Vielfalt tut weh, aber sie funktioniert"

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Anne Bachmann forscht am Lehrstuhl für Sozialpsychologie und politische Psychologie an der Uni Kiel zum Thema Diversity.

Heute ist Tag der Vielfalt - Diversity Day. Nicht nur die sperrige Begrifflichkeit wirft die Frage auf: "Brauchen wir das heute noch"? Haben wir die Zeiten nicht schon überwunden, in denen Menschen, die nicht die Hautfarbe, Gesundheit und sexuelle Orientierung der Mehrheit teilten, an den Rand gedrängt wurden? Wird heute nicht Vielfalt schon als Bereicherung unseres Alltag angesehen? Anne Bachmann forscht an der Universität Kiel zu dem Thema. NDR.de hat mit ihr gesprochen.

"Kanaken, Schwuchteln, Transen, Spastis, Opfer": Viele Jugendliche scheinen Spaß an der politischen Unkorrektheit zu haben. Trotzdem hat man den Eindruck, dass Vielfalt viel eher zur selbstverständlich erlebten Realität vieler Jugendlicher zählt als vor 30 Jahren. Ist unsere Gesellschaft da inzwischen einen oder mehrere Schritte weiter gekommen?

Anne Bachmann: Ganz klar: mehrere Schritte. Allerdings sind Jugendliche ein besonderer Fall, weil sie durch politische Unkorrektheiten herausfinden wollen, wer sie sind und wo sie stehen. Unabhängig davon kann man sagen, dass eine starke Pluralisierung der Gesellschaft stattgefunden hat. Es gibt zum Beispiel viel mehr beruflich aktive Frauen, Patchwork-Familien und gleichgeschlechtliche Paare. Hinzu kommt mehr kulturelle Vielfalt durch das Fortschreiten der europäischen Arbeitsimmigration und eine große Reiselust der Deutschen. Daraus ergaben sich ein Anpassungsdruck und neue Akzeptanznormen. Die Gesellschaft ist heute toleranter als vor 30 Jahren, einfach weil ihr gar nichts anderes übrig blieb.

Seit dem Ende der 1990er-Jahre wird das Diversity-Konzept auch von der Europäischen Union als Leitbild verwendet. Welche Gruppen haben davon profitiert?

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Bachmann: Noch wichtiger war das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das 2006 in Deutschland in Kraft getreten ist. Davon haben vor allem vier Gruppen profitiert: Frauen, weil sie immer häufiger gleichwertige Berufe wie Männer haben. Ältere Menschen können heute länger im Job bleiben als früher, weil der Wert ihrer Arbeit und ihre Erfahrung mehr Wertschätzung bekommt. Behinderte haben es leichter, eine qualifizierte Arbeit zu finden. Und die gesellschaftliche Toleranz im Umgang mit Homosexuellen ist viel größer geworden.

Welche Gruppen haben eher verloren?

Bachmann: Mein Eindruck ist, dass Menschen mit anderer ethnischer Herkunft nicht so profitiert haben. Zum Beispiel tauchen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund immer noch nicht so häufig in höherrangigen Berufsgruppen auf, wie es ihrer Anzahl in Deutschland entsprechen müsste. Unsere Studien zeigen, dass diese Gruppe unter ihrem Status leidet. Sie hat das Gefühl, benachteiligt zu sein und leidet darunter stärker als Menschen etwa mit russischem Migrationshintergrund.

Warum führen auch heute noch Vorurteile und Ausgrenzungen zu vielen Konflikten in Deutschland?

Bachmann: Vorurteile und Ausgrenzungen wird es immer geben, das liegt in der menschlichen Natur. Menschen sortieren sich selbst und andere permanent in Gruppen ein. Dadurch verschafft man sich eine positive kollektive Identität, die das eigene Selbstwertgefühl stärkt. Die empfundene Ähnlichkeit mit den anderen Mitgliedern der Gruppe verstärkt das positive Selbstwertgefühl noch - Unähnlichkeit dagegen verhindert die positive Verstärkung der eigenen Person. Daher streben die Menschen danach, die Gruppen, denen sie selbst angehören aufzuwerten und positiv von anderen Gruppen abzuheben. Das kann zu Konflikten führen. Andere Gruppen wirken da schnell als Bedrohung für die eigene positive kollektive Identität.

Erleben wir diesen Mechanismus gerade in der Flüchtlingsproblematik?

Bachmann: Die Angst, dass jemand einem etwas Wertgeschätztes wegnimmt oder wegnehmen könnte, ist auch hier gegeben. Allerdings ist Deutschland da kein Sonderfall: Wir sind in einer Findungsphase, weil so eine massive Flüchtlingsbewegung hier noch nicht aufgetreten ist. Die Reaktionen, die momentan hier ablaufen, sind nicht ungewöhnlich im Vergleich zu anderen Ländern. Nationen wie Frankreich oder die USA haben dagegen mehr Erfahrung mit Migration, deshalb herrscht dort weniger Aufregung als in Deutschland.  

Setzt sich Intoleranz fort? Sucht sich jemand, der diskriminiert wird, häufiger selbst ein Opfer?

Bachmann: Dafür gibt es eindeutige Belege. Aber es gilt auch andersrum: Je mehr man in der Gesellschaft als gleichwertige und gleichberechtigt anerkannt wird, desto mehr Anerkennung zeigt man auch anderen gesellschaftlichen Teilgruppen gegenüber. Unsere Studien zeigen zum Beispiel: Homosexuelle, die viel Gleichberechtigung und Teilhabe erfahren haben, zeigen sich deutlich toleranter gegenüber muslimischen Gruppen.

"Vielfalt muss wehtun. Sonst verkommt sie zu Folklore oder zum Musikantenstadl", heißt es bei Ihnen. Was bedeutet das?

Bachmann: Vielfalt bedeutet Toleranz. Und Toleranz bedeutet Zumutung, weil man ertragen muss anzuerkennen, dass andere Leute das Recht haben, wie man selbst, ihre Werte, Überzeugungen und Lebensweisen öffentlich auszudrücken und zu praktizieren. Zum Beispiel Männer, die sich auf der Straße küssen. Oder Muslime, die ertragen müssen, dass wir Schweinefleisch essen.   

Der Diversity-Day ist ein bundesweiter Aktionstag, an dem Unternehmen und Institutionen den Vielfaltsgedanken in den Fokus rücken. Vielfalt als Erfolgsmotor für Firmen: Funktioniert das wirklich?

Bachmann: Diversität in Firmen funktioniert vor allem dort, wo es darum geht, Innovationen zu schaffen. Ein Team mit vielfältigen Erfahrungen und Sichtweisen hat ein ungeheures Kreativitätspotenzial. Viele Firmen setzen erfolgreich auf multifunktionale und multikulturelle Teams. Die Firma Beiersdorf rekrutiert bei der Entwicklung neuer Pflegeprodukte immer Mannschaften aus mindestens drei Nationen. Auch um Zugang zu neuen Märkten oder neuen Kunden zu gewinnen, braucht man Vielfalt: Wenn Sie zum Beispiel mit einem Produkt auf den polnischen Markt wollen, müssen Sie Leute aus dem polnischen Markt einstellen. Zum einen weil diese den Markt kennen und zum anderen weil sie ja auch die Polen überzeugen wollen, dass Ihr Unternehmen polenfreundlich ist. Es gibt aber auch viele Studien, die zeigen, dass Vielfalt in Unternehmen auch zu Konflikten und zu Missverständnissen führen. Das kann die Zusammenarbeit schwieriger machen.

Wie lässt sich verhindern, dass Vielfalt in einem Unternehmen zum Hindernis wird?

Bachmann: Indem man die Menschen aufklärt, dass die Vielfalt der Mitarbeiter nützlich ist für die gemeinsame Arbeit. Dass sie Innovationen schafft und die Wettbewerbsfähigkeit erhält und ausbaut. Dafür gibt es Training: Sogenannte Diversity-Management-Programme sind sinnvoll und funktionieren.

Das Interview führte Florian Wöhrle, NDR.de

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